Wann ist man eigentlich erwachsen? Mit 18? Wenn man auszieht, eigenes Geld verdient? Oder ist Erwachsensein keine Frage des Alters?
Der Beitrag Was macht einen Menschen richtig „erwachsen“? Ein Kommentar erschien zuerst auf Neue Ruhr Zeitung.
Meinung

Arsa Bushi, funky-Jugendreporterin
Wann ist man eigentlich erwachsen? Mit 18? Wenn man seinen Führerschein hat? Wenn man auszieht, eigenes Geld verdient und plötzlich für alles selbst verantwortlich ist? Oder ist Erwachsensein überhaupt keine Frage des Alters?
Ich glaube, dass wir Erwachsensein viel zu oft mit Dingen verbinden, die man äußerlich erkennen kann. Volljährig sein, arbeiten, eine Wohnung haben, Rechnungen bezahlen. All das sind natürlich Dinge, die zum Erwachsenwerden dazugehören, aber sie verraten noch lange nichts darüber, wie erwachsen ein Mensch wirklich ist.
Für mich beginnt Erwachsensein vor allem dort, wo man Verantwortung für sich selbst und für andere übernimmt. Erwachsen sein bedeutet nämlich nicht, alles zu wissen. Als Kind denkt man, Erwachsene hätten auf alles eine Antwort: Sie wissen, wie das Leben funktioniert, treffen die richtigen Entscheidungen und wissen meistens, was zu tun ist. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass das gar nicht stimmt.
Auch Erwachsene machen Fehler. Sie zweifeln, sind manchmal überfordert, treffen falsche Entscheidungen oder wissen nicht, wie es weitergeht. Vielleicht gehört genau das zum Erwachsensein dazu: nicht alles wissen zu müssen, aber trotzdem Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Ein Mensch wirkt auf mich deshalb nicht automatisch erwachsen, nur weil er älter ist. Jemand kann 40 sein und trotzdem nicht dazu bereit sein, Fehler einzugestehen. Gleichzeitig kann ein 16-Jähriger erstaunlich reflektiert sein und Verantwortung für sein Verhalten übernehmen. Fehler zugeben, statt immer Recht haben zu wollen. Es ist leicht zu sagen: „Ich hatte Recht.“ Viel schwieriger ist es, zu sagen: „Ich habe mich geirrt.“
Ein weiterer Punkt ist Empathie. Erwachsensein heißt auch, andere Menschen zu verstehen. In der Schule, in der Familie, im Freundeskreis oder später im Beruf: Wir leben ständig mit anderen Menschen zusammen. Dabei wird es immer Situationen geben, in denen andere Menschen anders denken oder fühlen als wir selbst.
Das bedeutet nicht, dass man jede Meinung akzeptieren muss. Gerade bei extremen oder menschenfeindlichen Ansichten gibt es Grenzen. Aber zwischen „Ich stimme dir zu“ und „Ich höre dir überhaupt nicht zu“ gibt es einen großen Unterschied.
Wenn wir über Erwachsenwerden sprechen, denken viele zuerst an Unabhängigkeit. Doch vielleicht ist sie gar nicht der Schlüssel. Viel wichtiger erscheint mir die emotionale Selbstständigkeit. Wer nicht ständig die Bestätigung anderer Menschen braucht, um zu wissen, wer man selbst ist, ist zum Beispiel emotional selbstständig.
Man darf sich von anderen beeinflussen lassen. Freunde, Familie und Erfahrungen prägen uns schließlich. Aber irgendwann sollte man anfangen, sich selbst zu fragen: Was denke ich eigentlich? Was möchte ich? Welche Werte sind mir wichtig?
Und manchmal bedeutet Erwachsensein auch, Hilfe anzunehmen. Auch Erwachsene dürfen traurig sein und sich schwach fühlen. Sie dürfen Angst haben. Sie dürfen Hilfe brauchen. Sie dürfen sagen: „Ich weiß gerade nicht weiter.“ Für mich ist es sogar ein Zeichen von Reife, sich einzugestehen, dass man etwas alleine nicht schafft. Manchmal bedeutet Erwachsensein auch einfach, seine eigenen Grenzen zu kennen.
Also: Wann ist man erwachsen? Eine klare Antwort darauf habe ich nicht. Doch sicher ist: Man wird nicht an einem bestimmten Geburtstag erwachsen. Es passiert in vielen kleinen Momenten: Wenn man zum ersten Mal einen eigenen Fehler wirklich einsieht. Wenn man sich für etwas entschuldigt. Wenn man eine schwierige Entscheidung selbst trifft. Wenn man merkt, dass die eigenen Eltern nicht auf alles eine Antwort haben. Wenn man beginnt, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Und vielleicht wird man auch mit 30, 40 oder 60 noch erwachsener.
Für mich bedeutet Erwachsensein deshalb nicht, alles im Griff zu haben. Es bedeutet vielmehr, sich selbst und andere ernst zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen, aus Fehlern zu lernen und trotzdem offen dafür zu bleiben, dass man noch nicht alles weiß. Vielleicht ist genau das der Punkt: Erwachsen zu sein bedeutet nicht, fertig zu sein.
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