421.000 AfD-Mails sind im Netz. Was über Hintergründe und Angriffsweg bekannt ist und warum Hacktivismus wahrscheinlich ist.
421.000 AfD-Mails sind im Netz. Was über Hintergründe und Angriffsweg bekannt ist und warum Hacktivismus wahrscheinlich ist.
Seit Beginn der Woche beschäftigt ein Datenleck die deutsche Politik: Unbekannte haben nach eigenen Angaben 421.179 E-Mails aus zehn Postfächern der AfD veröffentlicht, darunter offenbar das Postfach des Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland und Nachrichten der Bundesgeschäftsstelle. Der Datensatz umfasst rund 281 Gigabyte und enthält laut Medienberichten auch Ausweiskopien, Rechnungen, Kontoauszüge, Zeugnisse und Mitgliederlisten aus Nordrhein-Westfalen.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die Täter haben den gesamten Bestand als BitTorrent bereitgestellt, also über ein Tauschverfahren, bei dem sich eine Löschung kaum noch durchsetzen lässt, sobald viele Menschen die Dateien besitzen. Zusätzlich läuft auf der Plattform Hexane eine Website, auf der sich die Nachrichten durchsuchen lassen.
Rund 39.000 Mails wurden dort offenbar mithilfe künstlicher Intelligenz zusammengefasst, und gut 10.000 weitere stuft die Seite als besonders relevant ein, was allerdings eine Bewertung der Betreiber und keine geprüfte Tatsache ist. Betroffen sind außerdem Kommunikationspartner der Partei, die selbst nichts mit dem Angriff zu tun haben.
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Wie die Angreifer konkret vorgegangen sind, ist bislang offen. Ein mutmaßlicher Täter erklärte gegenüber dem Kanal International Cyber Digest, eine einzige ungepatchte, also nicht mit Sicherheitsupdates versorgte Seite der Partei habe ihm als Einstieg genügt, auch wird berichtet, dass mehrere Webserver und mindestens ein Mailserver als Quelle der Daten infrage kommen.
Bestätigt ist beides bislang nicht. Hosting-Dienstleister sind allgemein ein lohnendes Ziel, weil sie die Systeme vieler Kunden unter einem Dach betreiben und ein Angreifer mit Administratorrechten dort gleich ganze Server erreicht. Häufig gelingt der Einstieg über veraltete Software, deren bekannte Schwachstellen automatisiert im Internet gesucht werden. Ebenso verbreitet ist aber auch Social Engineering, bei dem Angreifer Mitarbeiter so lange bearbeiten, bis diese Zugangsdaten preisgeben oder Rechte freischalten.
Gegen eine Kette einzelner Phishing-Angriffe spricht hingegen die schiere Menge an Daten: Wer ein Mitglied mit einer gefälschten Anmeldeseite täuscht, erbeutet dessen Passwort und damit ein Postfach, aber nicht zehn Postfächer samt Bundesgeschäftsstelle und Schiedsgericht. Deshalb spricht vieles dafür, dass der Dienstleister im Kern kompromittiert wurde, entweder durch Social Engineering oder durch eine ausgenutzte Sicherheitslücke.
Offen ist auch, weshalb die Daten in dieser Menge unverschlüsselt vorlagen. Zwar werden E-Mails auf dem Transportweg meist verschlüsselt, auf dem Server liegen sie aber in der Regel im Klartext, damit Mailprogramme und Suchfunktionen arbeiten können. Eine Verschlüsselung von Absender zu Empfänger per PGP oder S/MIME nutzen nur wenige, weil sie umständlich ist und beide Seiten mitspielen müssen.
Wer Zugriff auf den Server erlangt, liest deshalb alles mit, und das gilt für die meisten Anbieter ganz ähnlich. Dass Postfächer, die laut Partei seit Jahren ungenutzt waren, noch Hunderttausende Nachrichten enthielten, wirft zudem die Frage nach dem Umgang mit alten Daten auf.
Nach bisherigem Stand spricht vieles für Hacktivismus, also für politisch motivierte Angreifer, denen es um Öffentlichkeit und nicht um Monetarisierung geht. Die Daten sind professionell aufbereitet, durchsuchbar, nach Relevanz sortiert und teilweise zusammengefasst, was darauf zielt, Parteiinterna gezielt nach außen zu tragen und Journalisten die Auswertung zu erleichtern.
Dazu passt, dass dem Betreiber laut International Cyber Digest 100.000 Euro für die Abschaltung der Seite geboten wurden, er sie aber online ließ. Wer dahintersteckt, ist unbekannt, und die Einschätzung bleibt eine Vermutung.
Neben dem Datenleck bei der AfD zeigt der Fall außerdem ein grundsätzliches Problem, denn Kunden eines Dienstleisters haben meist keinen Einfluss auf dessen Sicherheitsmaßnahmen und erfahren von einem Einbruch oft erst Wochen später. Je mehr Organisationen ihre Mails, Webseiten und Dateien bei externen Anbietern bündeln, desto größer wird die Ausbeute, die ein einzelner erfolgreicher Angriff liefert.
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