Was hält Paare zusammen? Der Regisseur Andreas Dresen erzählt in der Elke Heidenreich-Verfilmung «Alte Liebe» vom Wert langjähriger Beziehungen. Ein Gespräch über die befreiende Kraft des Humors und die Kunst, nicht mit dem eigenen Leben zu hadern.
Interview
Was hält Paare zusammen? Der Regisseur Andreas Dresen erzählt in der Elke Heidenreich-Verfilmung «Alte Liebe» vom Wert langjähriger Beziehungen. Ein Gespräch über die befreiende Kraft des Humors und die Kunst, nicht mit dem eigenen Leben zu hadern.
16.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Kordes und Kordes Film / Pandora Film
Andreas Dresen ist von grosser Menschenfreundlichkeit. Dazu hat er eine feine Beobachtungsgabe für das Zwischenmenschliche, den unspektakulären Alltag normaler Leute. Der 63-jährige ostdeutsche Regisseur machte sich mit «Sommer vorm Balkon», «Wolke 9», «Gundermann» oder «In Liebe, Eure Hilde» einen Namen. Sein neuer Film «Alte Liebe» basiert auf dem Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, die selber 23 Jahre miteinander verheiratet waren: In die Ehe eines älteren Paars (gespielt von Dagmar Manzel und Joachim Król) bricht eine Unruhe, angetrieben von der Frau, die sich fragt: Ist es das schon gewesen? Was kommt jetzt noch? Wieder schafft Dresen Figuren, die man in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit gern bekommt.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Frage: Herr Dresen, Ihr Film «Alte Liebe» handelt von einer 40-jährigen Ehe. Täuscht der Eindruck, oder stösst die langjährige Paarbeziehung in Büchern und Filmen gerade auf grosses Interesse?
Antwort: Wir leben in einer Zeit, in der viele wild herumdaten. Scheinbar keine Partnerschaft ist gut genug. Durch die digitalen Möglichkeiten werden Partner viel schneller ersetzt, es könnte immer noch jemand Besseres geben. Ich habe Freunde, die suchen seit Jahren eine Partnerschaft und daten sich krank über diese Apps. Vielleicht ist es deswegen ganz cool, wenn man es schafft, ein bisschen länger mit jemandem zusammen zu sein. Das Paar in «Alte Liebe» hat es immerhin ein halbes Leben miteinander ausgehalten.
Frage: Nach 40 Jahren Ehe feiert man die Rubinhochzeit, nach 50 dann die goldene.
Antwort: Ich weiss es nicht, ich bin nicht verheiratet. Aber es ist ein Wert, wenn man ein Stück Leben miteinander gegangen ist. Darin liegt eine Schönheit.
Frage: Langjährige Paare werden oft bewundert, als hätten sie eine Leistung erbracht. Aussenstehende projizieren ihre eigenen Wünsche und Träume auf sie. Dabei zeigt Ihr Film, dass das Eheleben nicht bloss ein rosafarbener Roman ist, oder?
Antwort: Man muss Kompromisse machen, auch Verletzungen aushalten. Ich will die Ehe ja nicht verklären im Sinne von: Sie leben glücklich, bis dass der Tod sie scheidet. Der Mensch ist kein monogames Wesen. Als wir noch in der Höhle lebten, hatten wir wechselnde Partnerschaften, da gab es noch kein traditionelles Familienmodell. Ausserdem kann man auch alleine glücklich sein. Für eine langjährige Beziehung muss man arbeiten und Abstriche in Kauf nehmen. Aber dafür bekommt man etwas Schönes.
Frage: Was bekommt man? Was hat Ihnen an der Buchvorlage «Alte Liebe» von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder Eindruck gemacht?
Antwort: Es gibt eine Szene, in der Lore und Harry über ihre Tochter Julia sprechen und sagen: «Weisst du noch, wie Julia sich immer geärgert hat, wenn sie verloren hat beim Kartenspielen?» Darauf sagt Harry den Satz: «Weisst du, was das Schöne ist am langen Zusammensein? Das Weisst-du-noch. Das habe ich nur mit dir.» Man erzählt sich Geschichten, die man miteinander erlebt hat. Das hat etwas sehr Intimes und Verbindendes. Man teilt diese Erinnerung nur mit einem einzigen Menschen. Lore und Harry ärgern sich übereinander, sie tun einander weh. Unausgesprochenes wird unter den Teppich gekehrt. Aber die Liebe bleibt die Grundierung.
Frage: Plötzlich tauchen Namen wie Geister aus der Vergangenheit auf, die Anlass zu Eifersuchtsgefühlen geben nach so vielen Jahren. Eifersucht kann destruktiv sein. Aber ist sie nicht auch die Beschützerin der Liebe, weil sie zeigt, wie viel einem der andere bedeutet?
Antwort: Jedenfalls zeigt es, dass man sich auch nach vierzig Jahren Ehe nicht alles sagt. Oder sagen muss. Manchmal ist die unbedingte Wahrheit zerstörerisch. Wobei Eifersucht für mich schon mit Besitzanspruch und Unsicherheit einhergeht. Zu viel Eifersucht verwandelt Liebe in Kontrolle.
Frage: Ihre Filme zeichnet oft ein zärtlicher Humor aus. Wie wichtig ist Humor für eine «Paarschaft», wie Max Frisch die Zweierbeziehung genannt hat?
Antwort: Konflikte können sich manchmal übergross aufblasen. Wenn man darüber lachen kann, erhebt man sich vielleicht über die Banalitäten und Nichtigkeiten, die den Streit auslösten. Man denkt: Meine Güte, was machen wir hier eigentlich? Humor schafft Distanz und verbindet. Mein Paar in «Alte Liebe» streitet sich schon sehr erbittert, das ist mir beim Schneiden des Films noch einmal aufgefallen. Aber nach dem Streit ist alles wieder wie immer. Sie atmen durch, und das Leben geht weiter. Wenn es hart auf hart geht, sind sie füreinander da. Die Beziehung trägt.
Frage: Viele alte Paare reden nur noch das Nötigste miteinander. Zieh den Schal an. Hast du an den Arzttermin gedacht? So beobachtet man es zumindest. Ihr Paar kommuniziert und verhandelt seine Beziehung fast pausenlos. Idealisieren Sie hier nicht?
Antwort: Das hat mit der Romanvorlage und ihren redegewandten Autoren zu tun. Elke Heidenreich und Bernd Schroeder haben in dem Buch, vielleicht ihrem Schlüsselroman, vieles aus ihrer Beziehung verarbeitet. Jeder hat ein Kapitel geschrieben und es dem anderen geschickt, und der hat das nächste Kapitel geschrieben. Da steckt also viel Beziehungsaufarbeitung der beiden mit drin. Natürlich sind sie das nicht exakt. Aber wie Elke Heidenreich liebt auch Lore die Literatur, und der Garten war Bernd Schroeders Refugium.

Pandora Film
Frage: Erkennt sich Elke Heidenreich wieder in Ihrem Film?
Antwort: Er gefällt ihr, sie hat mir gratuliert. Ich bin ihr vor vielen Jahren einmal begegnet. Das war 1992, als ich für meinen ersten Film «Stilles Land» in eine ZDF-Talkshow eingeladen wurde. Elke Heidenreich moderierte. Ich war wahnsinnig aufgeregt vor der Sendung. Sie hat das gemerkt und gesagt, dazu bestehe kein Grund, alle würden meinen Film lieben. Während der Talkshow nahm sie kurz meine Hand, ohne dass es die Kamera bemerkte. Das war beruhigend, schon fast mütterlich.
Frage: Irgendwann fragt sich Ihre Heldin, was sich wohl viele Paare in langjährigen Beziehungen fragen und wofür die Scheidungsstatistik spricht: Ist es das schon gewesen? Sie sagt einmal: Irgendwann wird man alt, müde und langweilig. Kommt dieses Gefühl zwangsläufig?
Antwort: Im Film lehnt sich Harry gegen ihr Statement auf. Er sagt: Ich will aber nicht müde, alt und langweilig werden. Darauf sagt sie: Bist du auch nicht. Und fügt mit ihrer trocken-ironischen Art hinzu: Noch nicht. Er erwidert: Du auch nicht. Es ist ein zärtliches Gespräch, die beiden nehmen da seit langem wieder gemeinsam ein Bad. Solange man noch an die Zukunft denkt und gemeinsame Pläne schmiedet, wird man sicher nicht müde, alt und langweilig.
Frage: Oft vergessen langjährige Paare, dass es gerade das Körperliche, die Sexualität und die Sinnlichkeit sind, die sie zusammengebracht haben. Sollte man öfter ein gemeinsames Schaumbad nehmen und dazu eine Flasche Champagner öffnen?
Antwort: Warum nicht? Lore und Harry finden in ihrem Beziehungsalltag Schritt für Schritt wieder zueinander. Auf die Annäherung folgt die Körperlichkeit. Ich habe den Schauspielern allerdings gleich am Anfang gesagt: Das Thema Sexualität im Alter habe ich abgearbeitet, darum geht es diesmal nicht.
Frage: In Ihrem Film «Wolke 9» von 2008 ging es ziemlich ungeschönt, aber eben auch ehrlich um Sex im Alter. Sie erzählten von einer 70-jährigen verheirateten Frau, die eine Affäre hat. Der Film räumte auf mit dem Vorurteil, dass die Sexualität irgendwann «zu Ende» ist. Warum spielt Sex in «Alte Liebe» keine Rolle?
Antwort: Bei «Wolke 9» bricht jemand nach dreissig Jahren Ehe aus dieser aus. Das bedeutet viel Drama. In «Alte Liebe» findet das Aufbrechen innerhalb der Ehe statt. Es geht mehr um die psychologische Feinmotorik der Beziehung. Insofern ist es der mildere Film. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass ich langsam selber ins Alter der Protagonisten komme. Für «Wolke 9» musste ich viel recherchieren. Diesmal fiel es mir leichter. Jetzt bin ich selber Spezialist für Sex im Alter, weil ich da angekommen bin.
Frage: Philip Roth hat gesagt, Sex sei eine Waffe gegen den Tod, nie fühle man sich lebendiger und mehr bei sich als beim Sex. Der Satz kam einem bei «Wolke 9» in den Sinn. In «Alte Liebe» zitiert Lore Roths berühmte Aussage: Das Alter ist ein Massaker. Können Sie sich auch damit schon identifizieren?
Antwort: Noch nicht, aber man spürt ja, wenn man dem näher kommt. Ich bin 63 und stehe noch im Berufsleben, ich muss noch nicht solche Entscheidungen treffen wie Lore, die sich überlegt, wann es Zeit ist, ihren Bibliotheksjob aufzugeben. In meinem Beruf kann ich sowieso so lange weiterarbeiten, wie mir was einfällt und man mich lässt. Das Lamento über das Alter kann ich aber auch deswegen nicht nachvollziehen, weil ich es richtig finde, dass die ältere Generation sich zurückzieht und die Jüngeren übernehmen.
Frage: Und dass sich Älterwerden eben wie eine Reihe von Verlusten anfühlt?
Antwort: Ein Massaker kann das Älterwerden in vielerlei Hinsicht sein, vor allem, was Gesundheit und schwindende Lebenskraft betrifft. Am schlimmsten finde ich aber, wenn man mit dem eigenen Leben hadert und in Unfrieden zurückblickt. Das Leben verteilt seine Geschenke mehr oder weniger grosszügig, aber man kann nicht alles haben, das muss man akzeptieren. Irgendetwas fehlt immer. Entweder man macht im Beruf Abstriche oder im Familiären. Ich habe keine Kinder, aus verschiedenen Gründen. Dennoch habe ich viele Gründe, mit meinem Leben glücklich zu sein. Manches habe ich nicht gebacken gekriegt – schade. Aber über alles andere bin ich einfach froh und dankbar.
Alte Liebe: im Kino (110 Minuten).