Die meisten Menschen passen sich an, statt zu widersprechen. Der amerikanische Autor Gal Beckerman sucht in seinem neuen Buch nach den Eigenschaften jener, die den Mut finden, sich dem Druck ihrer Umgebung zu widersetzen.
Interview
Die meisten Menschen passen sich an, statt zu widersprechen. Der amerikanische Autor Gal Beckerman sucht in seinem neuen Buch nach den Eigenschaften jener, die den Mut finden, sich dem Druck ihrer Umgebung zu widersetzen.
20.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Beowulf Sheehan
Der Titel seines neuen Buchs «Wie man Dissident wird» sei etwas missverständlich, sagt Gal Beckerman der offenbar skeptisch wirkenden Interviewerin im Gespräch an der Frankfurter Buchmesse. Es gehe ihm nicht darum, den Lesern beizubringen, wie man zum politischen Rebellen werde, sondern von denjenigen zu lernen, die mutiger seien als man selbst – so wie man sich beispielsweise Videos von Michael Jordan anschaue, um das eigene Basketballspiel zu verbessern, ohne selbst zu Jordan werden zu müssen.
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Frage: Herr Beckerman, was genau macht einen Dissidenten aus?
Antwort: Nachdem ich Hunderte Memoiren von Dissidenten gelesen habe, würde ich sagen: Ein Dissident verteidigt eine Grenze – und diese Grenze ist die Menschlichkeit. Er widersetzt sich jeder Verletzung jener Voraussetzungen, die ein selbstbestimmtes und würdevolles menschliches Leben überhaupt ermöglichen.
Frage: Nicht jeder, der sich als Humanist versteht, hat den Mut, so zu handeln wie Alexander Solschenizyn oder Sophie Scholl. Ist ein Dissident nicht jemand, der den vorherrschenden Konsens oder bestehende Machtstrukturen infrage stellt – und dabei bereit ist, sich selbst einer physischen oder existenziellen Gefahr auszusetzen?
Antwort: Natürlich geht ein Dissident immer ein Risiko ein: manchmal ein grosses, manchmal sogar eines, bei dem es um Leben und Tod geht. Zwei Faktoren machen laut dem Dichter und ersten Präsidenten der Tschechischen Republik, Václav Havel, einen Dissidenten aus: sein Umfeld und sein Charakter. Ein Mensch befindet sich in einem Umfeld, in dem er Repression erlebt, die Sprache zensiert wird oder Konformität verlangt wird – und entscheidet sich, Widerstand zu leisten.
Frage: Man muss also nicht in einen Gulag im Ural deportiert worden sein, um als Dissident zu gelten?
Antwort: Nein, man muss generell nicht in Sowjetrussland gelebt haben, um diesen Druck zu erleben. Er kann auch heute, innerhalb unserer politischen Lager, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis entstehen. Das Risiko muss nicht darin bestehen, ins Gefängnis zu kommen. Auch in einer westlichen Demokratie kann man Freunde verlieren, den Job oder seinen Platz in einer Gemeinschaft. Das macht allerdings nicht jede unpopuläre Meinung zu einem Akt des Dissidententums. Entscheidend ist, dass ein Umfeld Druck ausübt und jemand sich diesem Druck bewusst widersetzt.
Frage: Haben Sie ein aktuelles Beispiel für eine solche weniger extreme Form des Dissidententums?
Antwort: Denken Sie an das harte Vorgehen der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE gegen Migranten in Minneapolis Anfang dieses Jahres. Plötzlich waren die Strassen voller schwer bewaffneter, maskierter Männer. Viele Menschen in der Stadt reagierten auf eine Weise, die ich als dissidentisch bezeichnen würde: Sie organisierten sich, um die Einsätze zu beobachten und zu dokumentieren. Dabei kamen auch zwei Menschen ums Leben. Andere brachten Lebensmittel zu denjenigen, die aus Angst ihre Häuser nicht mehr verlassen wollten. Sie leisteten viele kleine Hilfsdienste, die ich als Akte des Widerstands verstehe, weil die Situation gefährlich war. Vielleicht gehörten sie nicht zu denen, die mit Trillerpfeifen bewaffnet den Männern mit Gewehren entgegentraten. Aber schon die Organisation von Hilfe für verängstigte Migranten war mit Risiken verbunden.
Frage: Haben diese Ereignisse Sie dazu inspiriert, das Buch zu schreiben?
Antwort: Die Idee entstand nach Donald Trumps Wiederwahl, als er begann, seine exekutive Macht auf eine Weise auszuüben, die im amerikanischen Kontext ungewohnt war – auch wenn viele Massnahmen später von Gerichten gekippt wurden. Was mich schockierte, war, wie schnell mächtige Institutionen und einflussreiche Menschen seinen Forderungen nachzugeben schienen. Anwaltskanzleien, Hochschulen und Medienmanager schienen bereit, zu tun, was immer er verlangte. Viele waren überrascht von der Geschwindigkeit und dem Ausmass dieser Veränderungen. Mir wurde aber auch klar, dass den Amerikanern das fehlt, was ich die Fähigkeit zum Widerstand nennen würde. Widerstand ist wie ein Muskel: Man muss lernen, wie man reagiert, wenn eine Gesellschaft beginnt, bestimmte Freiheiten einzuschränken.
Frage: Warum neigen Menschen Ihrer Meinung nach eher dazu, sich anzupassen, als Widerstand zu leisten?
Antwort: Konformität ist tief im Menschen verankert. Vielleicht haben wir als Spezies auch deshalb überlebt, weil wir uns anpassen können. Wir beobachten, was andere tun, und versuchen herauszufinden, welchen Platz wir innerhalb unserer Gruppe einnehmen. Jemand, der aufsteht und fragt, warum die Dinge eigentlich so sein müssen, ist eine Ausnahme. Mir wurde klar, dass es in Amerika trotz dem ausgeprägten Selbstverständnis als individualistische Gesellschaft zu wenige sichtbare Vorbilder dafür gibt, sich zur Wehr zu setzen. Diese Erkenntnis wurde für mich auch persönlich. Ich hatte einen Traum, in dem ich mich unter Druck gesetzt fühlte. Danach fragte ich mich: Weiss ich, wozu ich fähig bin? Kann ich Widerstand leisten, wenn es darauf ankommt? Diese Fragen waren für mich der Ausgangspunkt des Buchs.
Frage: Aber wir wissen nie, wie wir uns verhalten werden – ob wir zu Helden oder Feiglingen mutieren –, bevor wir tatsächlich vor einer solchen Bewährungsprobe stehen.
Antwort: Das stimmt. Aber ich möchte mich auf diesen Moment vorbereiten, statt abzuwarten, bis er eintritt.
Frage: Was heisst das konkret, in Bezug auf das Buch?
Antwort: Ich habe es bewusst entlang der Eigenschaften aufgebaut, die meiner Meinung nach einen Dissidenten ausmachen, statt einfach nur Biografien aneinanderzureihen. Ich wollte prüfen, ob diese Eigenschaften universell sind. Wenn es einen bestimmten Menschentyp gibt, den wir als dissidentisch bezeichnen können, dann muss es ihn im antiken Griechenland ebenso gegeben haben wie morgen in Teheran.
Frage: Humor gehört für Sie zu diesen Eigenschaften. Im Kapitel «Sei witzig» schreiben Sie über den Bettler-Philosophen Diogenes, der Herrscher verspottete und gesellschaftliche Normen so radikal infrage stellte, dass er angeblich sogar öffentlich masturbierte. Daneben stehen Figuren wie Milan Kundera, Louis C. K. und Sacha Baron Cohen. Wie kann Lachen politische Macht herausfordern?
Antwort: Zum einen hilft Humor Menschen, die machtlos sind, weil er ihnen die Angst nimmt. Wenn man über etwas lachen kann, verliert es einen Teil seiner Macht über einen. Alexei Nawalnys Memoiren sind beispielsweise von schwarzem Humor geprägt. Er beschreibt, wie er in den Hungerstreik tritt und sich darüber beklagt, dass er immer noch kein Sixpack hat. Selbst unter schrecklichen Umständen kann er über sich selbst lachen.
Frage: Und was macht Humor als Form des Widerstands so wirkungsvoll?
Antwort: Humor ist eine Waffe, weil er die Welt auf den Kopf stellt. Er lässt Dinge, die wir für selbstverständlich oder unvermeidlich halten, absurd erscheinen. Ein guter Beobachtungskomiker weist auf alltägliche Dinge hin und fragt: Ist das nicht lächerlich? Das ist für autoritäre Machthaber besonders bedrohlich. Denn ihre Autorität hängt unter anderem davon ab, dass die Menschen ihre Macht für gefestigt, unvermeidlich und beinahe selbstverständlich halten. Deshalb liess Stalin Ossip Mandelstam einsperren, weil dieser sich über seinen Schnurrbart lustig gemacht hatte. Deshalb hat Putin eine Fernsehsendung absetzen lassen, in der er als Zeichentrickfigur vorkam, und deshalb hat Trump versucht, Late-Night-Comedians zum Schweigen zu bringen. Sie wollen nicht, dass jemand das Bild beschädigt, auf dem ihre Autorität beruht.
Frage: Weil Sie den 2024 ermordeten russischen Oppositionspolitiker Nawalny erwähnen: Er war kein Heiliger, sondern eine widersprüchliche Figur und wurde für nationalistische und fremdenfeindliche Äusserungen kritisiert. Ist ein Dissident automatisch ein moralisch guter Mensch?
Antwort: Nein. Der Begriff ist wertneutral. Er beschreibt jemanden, der eine oppositionelle Haltung einnimmt. In diesem Sinne könnte man sogar Hitler als Dissidenten bezeichnen: Er stellte sich gegen die damalige Regierung und wurde deshalb inhaftiert. Aber die Dissidenten, für die ich mich interessiere, unterscheiden sich davon. Sie wollen Freiheit und Würde nicht nur für sich selbst, sondern für alle. Das ist der entscheidende Unterschied.
Frage: Was unterscheidet einen Dissidenten von einem Aktivisten?
Antwort: Aktivisten haben eine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen soll. Dissidenten versuchen zu bewahren, was ein erfülltes menschliches Leben überhaupt erst möglich macht. Als ich mit iranischen Dissidenten sprach, sagten sie immer wieder: «Wir wollen einfach ein normales Leben führen.» Damit meinten sie, die Haare offen zu tragen, Freunde zu treffen, Musik zu hören oder demonstrieren zu können, ohne dafür getötet zu werden. Das ist für mich der Kern des Dissidententums.
Frage: Selbst Donald Trump hat sich einmal als «stolzen politischen Dissidenten» bezeichnet. Wie ändert sich das Verständnis von Dissidenz, wenn die politische Führung sich den Begriff aneignet?
Antwort: Als Trump an die Macht kam, verstand er Freiheit nicht als etwas, das für alle gleichermassen gilt. Seine Regierung beanspruchte für sich selbst die Freiheit, zu sprechen und zu handeln, während sie die Meinungsfreiheit anderer einschränkte. Übrigens: Auch Hitler hatte eine Vorstellung von Befreiung – aber es ging um ihn selbst und die Menschen, die er zu seinem eigenen Volk zählte, auf Kosten aller anderen, insbesondere der Juden.
Frage: Sie sind ein liberaler amerikanischer Journalist, leben in New York und können ein Buch über Dissidenten schreiben, ohne befürchten zu müssen, Ihren Job zu verlieren. Ist es nicht ein wenig anmassend von Ihnen, als Salonintellektueller einen Ratgeber darüber zu schreiben, wie man zum Dissidenten wird?
Antwort: Vielleicht steckt darin tatsächlich eine gewisse Anmassung. Denn das Buch beruht auf einer aufklärerischen Idee: dass es grundlegende Werte gibt, auf die sich alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder ihren Überzeugungen einigen können. Daran glaubt längst nicht jeder. Aber warum sollten wir Dissidenten bewundern, die für die Freiheit aller kämpfen, wenn wir nicht davon ausgehen, dass diese Freiheit jedem zusteht? Der Titel ist aber auch ironisch gemeint. Es ist kein gewöhnlicher Ratgeber mit einer Liste von Anweisungen. Ich halte mich selbst nicht für einen Dissidenten und weiss nicht, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten würde. Deshalb beschäftige ich mich mit historischen Beispielen und spreche mit Menschen, die Widerstand geleistet haben, unter ihnen Dissidenten aus Iran und China.
Frage: Denken Sie, dass das Schreiben des Buchs Sie verändert hat? Wissen Sie jetzt, ob Sie dissidentisches Potenzial besitzen?
Antwort: Das weiss ich immer noch nicht. Ich habe aber zumindest gelernt, bewusster zu leben. Das Buch hat mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie ich in meinem eigenen Leben entschlossener Entscheidungen treffen, eigenständiger moralisch handeln und nicht einfach die Augen verschliessen oder mich von dem abwenden kann, was um mich herum geschieht.
Zur PersonChronist des WiderstandsBbz. Der amerikanische Autor und Journalist Gal Beckerman, Jahrgang 1976, wuchs als Sohn israelischer Eltern in Los Angeles auf. Heute lebt er in Brooklyn und schreibt für The Atlantic. Für sein erstes Buch «When They Come for Us, We’ll Be Gone» über die Refusenik-Bewegung, die für das Ausreiserecht sowjetischer Juden kämpfte, gewann er 2012 den renommierten Sami-Rohr-Preis.
Gal Beckerman: Wie man Dissident wird, Propyläen, Berlin 2026. 224 S., Fr. 37.90.
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