Nicht alles, was aus der Kirche kommt, ist eine göttliche Botschaft. Manches ist schlicht unverständlich. Im Bistum Regensburg dürfen Ehrenamtliche künftig über Kirchenbürokratie schimpfen und bekommen sogar einen Übersetzer für kompliziertes Kirchensprech.
Nicht alles, was aus der Kirche kommt, ist eine göttliche Botschaft. Manches ist schlicht unverständlich. Im Bistum Regensburg dürfen Ehrenamtliche künftig über Kirchenbürokratie schimpfen und bekommen sogar einen Übersetzer für kompliziertes Kirchensprech.
„Die PE34 ist als pastoraler Unterstützungs- / Entwicklungsprozess unter Einbezug des pastoralen Personals in Territorium und Kategorie aufzustellen.“ Alles klar? Nein? Macht nichts. Dieser Satz steht tatsächlich auf der offiziellen Internetseite des Bistums Regensburg. Und er ist keineswegs als Rätsel für fortgeschrittene Theologen gedacht. Er soll erklären, wie sich die katholische Kirche für die Zukunft aufstellen will. Auf Deutsch: Die Kirche will ihre Arbeit neu organisieren und dabei ihre Mitarbeiter einbeziehen.
Man hätte es auch gleich so sagen können. Aber eben solche Formulierungen sind der Grund, warum beispielsweise das Bistum Regensburg jetzt eine digitale Plattform mit einer ungewöhnlichen Übersetzungsfunktion auf den Weg bringt. Sie heißt „Kirchensprech – Deutsch“ und soll Menschen helfen, die Sprache der eigenen Kirche zu verstehen – eine Übersetzungshilfe für die eigenen Verlautbarungen also.
Und weil nicht nur komplizierte Sätze, sondern auch kirchliche Bürokratie auf die Nerven gehen kann, gibt es gleich noch eine digitale Frustwand dazu. Dort dürfen Kirchenhelfer ihren Ärger loswerden. Ganz offiziell und ausdrücklich erwünscht.
„verNETZwerkt“ heißt die neue digitale Plattform. Wer sie aufruft, sieht derzeit noch ein „Coming soon“ – es soll im Oktober losgehen, aber der hat ja noch ein paar Tage. Das Angebot richtet sich an Ehrenamtliche, also an jene Menschen, ohne die in vielen Kirchengemeinden längst die Lichter ausgegangen wären. Sie organisieren Pfarrfeste, besuchen Kranke, betreuen Jugendliche, singen im Chor und sorgen dafür, dass Kirche nicht nur aus Gebäuden, Bischöfen und Verwaltungsvorschriften besteht.
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Was das neue Angebot bringen könnte, lässt sich an einem einfachen Fall zeigen: Eine Ehrenamtliche möchte einen Spielenachmittag für ältere Menschen organisieren. Der Gemeindesaal wäre frei, Helfer hätten zugesagt. Doch wer darf die Veranstaltung genehmigen? Wer ist für die Versicherung zuständig? Und warum braucht es für ein paar Stunden Mensch-ärgere-dich-nicht überhaupt eine Rücksprache mit der Verwaltung?
Ob solche Hürden in einer konkreten Regensburger Gemeinde bestehen, ist damit nicht gesagt. Aber genau für Fragen und Frust aus dem Ehrenamtsalltag soll die Plattform eine Anlaufstelle bieten. Statt sich durch Zuständigkeiten zu telefonieren, könnte die Organisatorin andere Ehrenamtliche um Rat fragen, praktische Informationen abrufen oder ihren Ärger an der digitalen Frustwand loswerden. Bei Bedarf soll sogar seelsorgliche Begleitung möglich sein.
„Wer sich kirchlich engagiert, fühlt sich manchmal als Einzelkämpfer im Kirchen-Dschungel“, sagt Tanja Köglmeier von der Fachstelle Medien und Digitalpastoral im Bistum Regensburg. Die Frau kennt offenbar ihre Kundschaft.
Die Plattform soll nicht nur das Verständnis verbessern, sondern auch Machtbarrieren abbauen. „verNETZwerkt“ bietet außerdem einen Chat zum Erfahrungsaustausch, praktische Tipps für die Ehrenamtsarbeit und die Möglichkeit, Fachleuten Fragen zu stellen. Das Wissen soll jederzeit abrufbar sein, also auch dann, wenn das Pfarrbüro längst geschlossen hat.
Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer weiß jedenfalls, dass seine Kirche auf freiwillige Helfer angewiesen ist. „Wir werden noch viel stärker als bisher eine Kirche des Ehrenamtes sein müssen“, erklärte er bei einem Begegnungstag mit Kaplänen im Mai 2025. Unter dem Eindruck sinkender Mitgliederzahlen muss die katholische Kirche in Deutschland ihre Strukturen umbauen. Gemeinden werden zusammengelegt, Zuständigkeiten verändert, Aufgaben neu verteilt. Vieles wird künftig von Menschen abhängen, die sich nach Feierabend oder am Wochenende engagieren.
Das Problem: Wer freiwillig hilft, möchte nicht seine Freizeit mit der Suche nach Zuständigkeiten verbringen. Eine digitale Frustwand kann zwar keine Verwaltungsvorschrift abschaffen. Aber sie könnte dafür sorgen, dass der Ärger darüber nicht länger im stillen Kämmerlein bleibt.
Auch andernorts hat man entdeckt, dass Kritik nicht zwangsläufig vom Teufel kommt. Das Bistum Münster fragt auf seiner Internetseite ganz unverblümt: „Ärger über die Kirche?“ Wer sich über einen Pfarrer, die Verwaltung oder andere kirchliche Angelegenheiten beschweren möchte, ist ausdrücklich willkommen. In Trier gibt es ein eigenes Beschwerde-, Lob- und Ideenmanagement, in Würzburg und Aachen ebenfalls digitale Anlaufstellen für Kritik. Die Caritasverbände unter anderem in Hamburg und Berlin gehen noch einen Schritt weiter: Mit ihrem 2026 neu aufgelegten „Frust-O-Mat“ fragen sie Bürger, was sie an Politik und Gesellschaft ärgert – ganz unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit. Schon die erste Ausgabe 2024 erreichte nach Angaben der Organisatoren rund 58.000 Menschen.
„Uns geht es um den Austausch auf Augenhöhe“, erklärt Matthias Timmermann, Diözesancaritasdirektor der Caritas im Norden. Die katholische Kirche, jahrhundertelang nicht gerade als Hochburg des Widerspruchs bekannt, entdeckt das Zuhören als Dienstleistung. Bleibt nur die Frage, was passiert, wenn die Beschwerden tatsächlich beim Bischof landen.