Die bedeutendste Literaturauszeichnung geht in diesem Jahr an die 76-jährige kanadische Dichterin Anne Carson. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstagmittag in Stockholm bekannt.
Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an die Kanadierin Anne Carson.Bild: Pontus Lundahl/Imago
Die Schwedische Akademie erreichte die frisch gekürte 76-jährige Literaturnobelpreisträgerin nicht in ihrer Heimat Kanada. Sie sei in Island, sagte Anne Carson am Telefon, sie studiere dort gerade die Geräusche des Windes.
Das sagt einiges über die Dichterin aus. Sie entzieht sich dem Gängigen und findet immer überraschende lyrische und essayistische Antworten. Sie stellt Zusammenhänge her, wo sie niemand erwartet. Einen roten Faden gibt es in ihren Werken selten.
«Ich lese keine Bücher der Gegenwart»Eigentlich kommt sie aus einem sehr prosaischen Haus. Ihr Vater war Banker, die Mutter Hausfrau. Sie lebten in der Provinz Ontario. Doch Anne Carson hatte immer einen Hang zu Abseitigem und Unzeitgemässem. So studierte sie die Welt und Sprache der alten Griechen, die sie auch übersetzte und an verschiedenen Universitäten lehrte.
«Ich lese keine Bücher der Gegenwart», sagt sie einmal, die meisten Bücher, die sie lese, seien 2500 Jahre alt. Als Teenager fand sie in einer Buchhandlung eine Ausgabe der antiken griechischen Dichterin Sappho, die sich für die Gleichzeitigkeit von Lust und Schmerz interessierte. Sappho liess Carson nicht mehr los.
Sie dissertierte über Sappho und setzte ihr danach im Werk «Der bittersüsse Eros» ein Denkmal. Das Buch wurde in die Liste der weltbesten Sachbücher aufgenommen. Das Nobelkomitee würdigte denn auch, dass Carson in einem «Dialog mit der klassischen Tradition» stehe und daraus neue Formen für die heutige Poesie finde.
Sie bringt nicht nur literarische Gattungen wie Lyrik, Essay, Roman in ihren Werken zusammen, sondern auch unterschiedlichste Themen aus abstrakter Wissenschaft und intimsten Gefühlswelten. Sie sucht Glutkerne des Menschseins und will wissen, was uns im Innersten ausmacht. Mal wähnt man sich bei ihr in einer antiken Tragödie. Im nächsten Satz oder Vers befindet man sich plötzlich in Guantánamo und hört den Gedanken eines Gefangenen zu. Carson betont damit die Kontinuität im Menschen, der immer schon gut und böse war. Also lassen sich auch die Grenzen zwischen Antike und Moderne verwischen, selbst wenn das irritieren mag.
Missbrauchsgeschichte mit antikem PersonalAuch in ihrem Hauptwerk «Rot», das aus den Werken «Autobiography of Red» und «Red Doc» besteht, gelingt ihr auf faszinierende Weise eine Verbindung von griechischen Mythen und Moderne. Unter anderem setzt sie Homer in einen Teilchenbeschleuniger. In der Zersprengung alter Bedeutungen versucht sie ein Spiegelbild für unsere Gegenwart zusammenzusetzen.
Sie erzählt in den beiden «Romanen in Versen» von Geryon, der in der griechischen Mythologie vom Helden Herkules, Sohn des Göttervaters Zeus, getötet wird. Anne Carson lässt die Geschichte in der Gegenwart spielen. Geryon ist ein hockeyliebender Teenager, der von seinem Bruder sexuell missbraucht wird.
Das liest sich so: «Geryon schwieg. Im Dunkeln sind Fakten grösser. Und manchmal stieg er dann ins andere Bett hinunter und liess seinen Bruder machen, was er wollte, oder er hing dazwischen, das Gesicht in die Kante der Matratze gedrückt, die kalten Zehen balancierend auf dem Bett darunter. Wenn es vorbei war, wurde die Stimme seines Bruders weich.»
Auseinandersetzung über Gewalt und LiebeAls Erwachsener wendet sich Geryon der Fotografie zu. So komplex die Handlung sein mag, der kanadischen Dichterin gelingt darin eine eindringliche lyrische Auseinandersetzung über Gewalt und Liebe. Allerdings stöhnten viele Kritikerinnen und Kritiker, weil die Lektüre bei allem Lob alles andere als leicht ist.
Längst gilt Carson besonders in der Lyrikszene als Heilige. Als sie im «Guardian» einmal definieren sollte, was für sie Poesie sei, sagte sie: «Wenn Prosa ein Haus ist, dann ist Poesie ein brennender Mensch, der es ziemlich schnell durchläuft.» Man darf sich Carson nicht als übersensible, ätherische Dichterin vorstellen. Sie hat lange Zeit den Boxsport geliebt. Sie glaubt auch nicht, dass Lyrik hilft oder Kunst allgemein als Therapie taugt. Gedichte reinigen nicht und sind nicht einfach bloss schön, ist sie überzeugt. Sie dampfen und stinken. Poesie könne aber «geheime Lasten» dieser Welt tragen.
In deutscher Sprache ist Anne Carsons Werk in verschiedenen Verlagen erhältlich (unter anderen Piper, S. Fischer, Matthes & Seitz), was schon darauf schliessen lässt, dass sich ihre Werke bis jetzt nicht so leicht verkaufen liessen, obwohl sie seit vielen Jahren zum engen Favoritinnenkreis für den Literaturnobelpreis gehörte. Nun hat sie ihn erhalten und damit rund eine Million Franken.
Das Nobelkomitee zeigt damit auch, wie ernst es ihm inzwischen ist, Autorinnen regelmässig auszuzeichnen, nachdem zwischen 1950 und 1990 nur eine einzige Frau (Nelly Sachs) den Preis bekam und ihn erst noch mit einem anderen Autor teilen musste.
Auf Videos ist eine schmallippig zurückhaltende Frau zu sehen, die aber über Witz und Schlagfertigkeit verfügt. Carsons Lesungen sind Happenings und jeweils in kürzester Zeit ausverkauft. Im nächsten Mai kommt die Uraufführung einer Oper ans Theater Basel «Herakles Mad» - das Libretto dazu hat Anne Carson speziell für Basel geschrieben.
Ein Kritiker schrieb einmal über sie, sie sei überall und nirgends zu Hause, weder in ihrem Kopf, noch in unserer Zeit, noch in der Antike. Sie sei immer irgendwo dazwischen. Als sie das vernahm, antwortete sie nur: «Ich fühle mich unter Wasser vollkommen zu Hause.»
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