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DATENANALYSE - In Frankreich eskalieren die Schülerproteste. Sind französische Schulen wirklich so schlecht?

Дата публикации: 19-10-2026 14:00:00

Im internationalen Vergleich fallen besonders die grossen Klassen und unzufriedene Lehrpersonen auf. OECD-Daten zeigen aber, dass Frankreich bei vielen Bildungsindikatoren nicht schlechter abschneidet als andere grosse europäische Länder.

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Datenanalyse

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Illustration Roland Shaw, Imago / NZZ

Im internationalen Vergleich fallen besonders die grossen Klassen und unzufriedene Lehrpersonen auf. OECD-Daten zeigen aber, dass Frankreich bei vielen Bildungsindikatoren nicht schlechter abschneidet als andere grosse europäische Länder.

19.10.2026, 16.00 Uhr

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Sind französische Schulen wirklich so schlecht? Hinweise gibt der neueste Jahresbericht der OECD zum Thema Bildung, der Ende September veröffentlicht wurde und die Bildungssysteme der Mitgliedstaaten vergleicht.

Klassengrössen
Viele Schüler pro Lehrer

Besonders auffällig sind die Klassengrössen. Eine durchschnittliche französische Schulklasse der Sekundarstufe I umfasst 26 Schülerinnen und Schüler. Damit liegt Frankreich an der Spitze der EU-Länder. Nur wenig kleiner sind die Klassen in Spanien, in Grossbritannien und Deutschland. In der Schweiz liegt die Klassengrösse mit 19 deutlich unter dem Schnitt der OECD- und EU-Länder. Die Klagen der protestierenden Schülerinnen und Schüler sind in diesem Punkt also prinzipiell zutreffend.

Die meisten Demonstranten besuchen aber das Lycée, also die Sekundarstufe II. Hier haben die Schülerinnen und Schüler mehr Wahlmöglichkeiten und besuchen Klassen, die unterschiedlich zusammengesetzt sind. Die OECD stellt daher für diese Stufe keine Daten zur Klassengrösse bereit.

Neben der reinen Klassengrösse spielt es auch eine Rolle, wie viele Lehrkräfte für eine Klasse zur Verfügung stehen. In Frankreich muss ein Lehrer der Sekundarstufe I durchschnittlich 15 Schüler unterrichten. Frankreichs Schulen schneiden hier ebenfalls deutlich schlechter ab als der Durchschnitt der EU- und OECD-Länder. Von den untersuchten europäischen Ländern weisen bloss Grossbritannien, die Niederlande und die Slowakei ein ungünstigeres Schüler-Lehrer-Verhältnis auf. Deutsche Schulen schneiden nur leicht besser ab als französische: Hier kommen 13 Schüler auf eine Lehrerin. In der Schweiz liegt das Betreuungsverhältnis bei 12 zu 1.

In der Sekundarstufe II schneidet Frankreich jedoch gut ab. Dort kommen 11 Schüler auf eine Lehrkraft, in Deutschland und der Schweiz sind es 12. Im EU-Schnitt liegt das Verhältnis ebenfalls bei 12 zu 1.

Lehrermangel
Leicht über dem OECD-Schnitt

Mit dem Schüler-Lehrer-Verhältnis eng verknüpft ist die Klage über einen Mangel an Lehrpersonen. Laut der OECD beschäftigen viele Länder Lehrkräfte, die nicht die volle Qualifikation aufweisen – unter anderem, um einer Knappheit entgegenzuwirken. Diese Personen haben zum Beispiel keinen entsprechenden akademischen Abschluss oder haben ihre pädagogische Ausbildung noch nicht beendet.

In Frankreich ist der Anteil von Lehrkräften ohne vollständige Qualifikation in den letzten Jahren gestiegen. Mit 7 Prozent liegt er aber deutlich unter den Werten in Estland, Dänemark und Deutschland, wo ungefähr ein Fünftel aller Lehrerinnen und Lehrer keine volle Qualifikation haben. Der Wert ist zudem niedriger als im Schnitt aller EU- und OECD-Länder.

Dass das Instrument in Frankreich weniger stark als in anderen Ländern zum Einsatz kommt, sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob Lehrermangel in Frankreich ein Problem darstellt oder nicht. Denn es gibt dort institutionelle Hürden, die verhindern, dass Personen ohne entsprechende Ausbildung an Schulen unterrichten. Der französische Bildungssektor ist strikt auf das Beamtentum mit einem zentralen Auslesewettbewerb, dem Concours, ausgerichtet. Programme für den Quereinstieg sind dagegen nur begrenzt ausgebaut.

Aufschlussreicher ist daher der Blick auf den Ausfall von Unterrichtsstunden. In einer Umfrage in der Pisa-Studie von 2022 berichteten 31 Prozent der befragten französischen Schüler, dass das Lernen durch Abwesenheiten von Lehrkräften beeinträchtigt sei. Frankreich schneidet hierbei wiederum schlechter ab als der OECD-Durchschnitt, der 27 Prozent beträgt. In den Nachbarländern Belgien und Deutschland ist die Situation aber noch weitaus schlechter. Dort klagen über 50 Prozent der Schüler über die Fehlzeiten ihrer Lehrer.

Laut der Pisa-Studie 2025 gab fast die Hälfte der französischen Schulleitungen an, dass der Unterricht zumindest teilweise durch Lehrermangel beeinträchtigt sei (OECD-Durchschnitt 39 Prozent). In Deutschland berichteten dies sogar mehr als die Hälfte aller Schulleitungen. Gegenüber 2022 hat sich die Situation aber in beiden Ländern deutlich verbessert.

Zufriedenheit der Lehrkräfte
Wenig Anerkennung, wenig Lohn

Frankreich liegt beim Lehrermangel also leicht über dem OECD-Schnitt, steht aber nicht schlechter da als Deutschland. Dennoch sind die Lehrpersonen äusserst unzufrieden. Nirgends fühlen sie sich weniger anerkannt: Laut Talis, der OECD-Lehrerbefragung, glauben nur 4 Prozent der französischen Lehrerinnen und Lehrer, dass die Gesellschaft ihren Beruf wertschätze. Im OECD-Schnitt sind es immerhin 22 Prozent.

Gemäss dieser Umfrage gehört Frankreich mit Ungarn und Portugal zu den Ländern, in denen viele Lehrpersonen sowohl mit den Arbeitsbedingungen als auch mit dem Gehalt unzufrieden sind. Laut der Umfrage sind nur 59 Prozent der französischen Lehrer in der Sekundarstufe I mit den Arbeitsbedingungen zufrieden, im OECD-Durchschnitt sind es fast 10 Prozentpunkte mehr. Mit dem Lohn zufrieden sind gar nur 27 Prozent (OECD: 39 Prozent).

Nach fünfzehn Jahren im Beruf verdient eine französische Lehrkraft in der Sekundarstufe II laut OECD kaufkraftbereinigt knapp 55 000 Dollar im Jahr. Das ist ähnlich wenig wie in Italien. In Deutschland und den Niederlanden verdienen die Lehrkräfte etwa doppelt so viel. In der Schweiz und in Luxemburg bekommen sie bereits nach zehn Jahren mehr als das Doppelte. Auch gemessen am OECD-Schnitt (69 000 Dollar) und am EU-Schnitt (67 000) ist das Gehalt an französischen Schulen bescheiden.

Hinzu kommt, dass die Löhne erfahrener Lehrkräfte stagnieren. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert, während sie in vielen europäischen Ländern gestiegen sind. Immerhin wurden die Einstiegslöhne um 7 Prozent erhöht.

In der Sekundarstufe II müssen französische Lehrkräfte regulär rund 720 Stunden pro Jahr unterrichten, gut 40 Stunden mehr als im OECD-Schnitt. Darin enthalten sind 2 wöchentliche Überstunden, zu denen der Staat sie verpflichten darf. Diese werden zusätzlich vergütet und erhöhen damit das Einkommen.

Die Überstunden helfen Frankreichs Schulen, fehlendes Personal aufzufangen. Das könnte erklären, warum sich in den offiziellen Daten kein ausserordentlicher Lehrermangel zeigt. Die zusätzliche Belastung dürfte aber zum allgemeinen Frust in der Lehrerschaft beitragen, der sich offenbar auch auf die Schülerinnen und Schüler überträgt.

Schulalltag
Lange Tage, lange Ferien

Eine weitere Klage der französischen Schüler betrifft die langen Schultage. Sie dauern meist von 8 bis 17 Uhr, je nach Stundenplan auch kürzer oder länger. Dazwischen liegen Pausen und Freistunden. Mittwochnachmittag ist an vielen Lycées frei.

In der Sekundarstufe I kommt Frankreich nach OECD-Angaben von 2025 auf 973 Pflichtunterrichtsstunden im Jahr. Der Durchschnitt der OECD-Staaten liegt bei 909 Stunden. Am französischen Lycée unterscheiden sich die Wochenstunden je nach Jahrgang, Bildungsweg und gewählten Schwerpunktfächern, weswegen ein internationaler Vergleich schwierig ist.

Dafür haben französische Schüler vergleichsweise viele Ferien: 16 Wochen im Jahr, deutlich mehr als in den meisten europäischen Ländern. Deutsche Schüler kommen auf nur 12,6 Wochen. Weil sich viele Unterrichtsstunden auf wenige Schultage verteilen, müssen die französischen Schülerinnen und Schüler den Stoff aber in kürzerer Zeit bewältigen. Die langen Tage sind also real, werden aber durch deutlich längere Ferien teilweise aufgewogen.

Bildungsausgaben und Pisa-Ergebnisse
Frankreich im Mittelfeld

Die Schülerinnen und Schüler fordern zudem höhere Bildungsausgaben. In diesem Punkt steht Frankreich aber nicht schlecht da.

Pro Schüler gibt Frankreich über die gesamte Schulzeit kaufkraftbereinigt 127 000 Dollar aus, Deutschland 148 000 und die Schweiz 234 000 Dollar. Gemessen am Bruttoinlandprodukt investiert der französische Staat hingegen mit 3,3 Prozent mehr in die Schulen als der OECD-Schnitt (3 Prozent) und die Schweiz (3,1 Prozent). Deutschland liegt mit 2,7 Prozent dahinter.

Die Leistungen liegen im Mittelfeld: Die französischen Pisa-Ergebnisse entsprechen dem OECD-Schnitt und sind nur wenig schlechter als jene Deutschlands, das pro Schüler mehr ausgibt.

Zwar zeigen die Pisa-Daten, dass französische Schüler aus begünstigten Verhältnissen deutlich besser abschneiden als jene aus weniger begünstigten. In Deutschland ist der Unterschied allerdings noch grösser. In der Schweiz und in Österreich liegt er auf ähnlichem Niveau wie in Frankreich.

Wenig Spielraum im Haushalt

Die Regierung reagiert auf den Druck der Strasse: Bildungsminister Édouard Geffray und Premierminister Sébastien Lecornu wollen 3000 Vertretungskräfte mobilisieren. Im kommenden Haushalt sind zudem 1,2 Milliarden Euro mehr für die Bildung vorgesehen.

Wegen der angespannten Haushaltslage dürfte es für den Staat aber schwierig werden, weitere Mittel freizugeben. Frankreichs Staatsverschuldung ist so hoch wie nie. Sie beträgt fast 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts, der höchste Wert in der Euro-Zone nach Griechenland und Italien.

Die Evaluation von Bildungssystemen ist komplex. Die gezeigten Indikatoren beleuchten nur einzelne Aspekte, die sich messen lassen. Wie baufällig und schmutzig die Gebäude sind oder wie schlecht das Mittagessen schmeckt, lässt sich kaum quantifizieren.

Auf Basis der OECD-Daten sticht Frankreich zwar nicht gerade positiv hervor. Verglichen mit anderen Ländern, vor allem mit Deutschland, ist die Bilanz aber nicht aussergewöhnlich schlecht. Die deutschen Schülerinnen und Schüler hätten wohl ebenso gute Gründe zu protestieren wie ihre Nachbarn in Frankreich.

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