„Wir hätten den Sieg mehr als verdient“, sagte Trainer Stefan Leitl. Doch weil die Berliner zu viele Chancen ungenutzt lassen, müssen sie sich bei Holstein Kiel mit einem 0:0 begnügen.
Leichter hätten die Kieler es ihm kaum machen können. Holsteins Verteidiger Hiroki Sekine stand einen Schritt hinter Sebastian Grönning, als die Flanke von Oluwaseun Adewumi von der rechten Seite in den Strafraum geschlagen wurde. Der Ball kam perfekt, Grönning, der Mittelstürmer von Hertha BSC, stieg in die Luft – und köpfte den Ball unbedrängt an den Pfosten des Kieler Tores.
Wer solche Chancen vergibt, zumal beim Stand von 0:0, der wird am Ende oft bestraft. Zumindest lehrt das die Erfahrung. Bei Hertha BSC aber sind solche Gesetzmäßigkeiten in dieser Saison weitgehend außer Kraft gesetzt. Nicht jedoch am Freitagabend, im Gastspiel bei Holstein Kiel.
Gegen den Tabellenletzten der Zweiten Liga ging Hertha erstmals in dieser Saison nicht als Sieger vom Platz. Der Berliner Fußball-Zweitligist musste sich mit einem 0:0 begnügen und verpasste es dadurch, den 40 Jahre alten Startrekord von Hannover 96 einzustellen. Als einziges Team seit Bestehen der eingleisigen Zweiten Liga hatten die Niedersachsen in der Saison 1986/87 die ersten acht Spiele gewonnen. Die Berliner schafften sieben.
„Natürlich bin ich etwas enttäuscht“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Paul Seguin. „Wenn du so eine Serie hast, willst du nicht, dass sie reißt. Leider haben wir die Tore nicht gemacht. Aber so ein Spiel kann mal passieren.“ Trainer Stefan Leitl fand, dass seine Mannschaft „den Sieg mehr als verdient“ hätte. „Wir hatten mehr Chancen. Wir hatten die klareren Chancen.“
Tabellenführer bleiben die Berliner trotzdem – und ungeschlagen ebenfalls. Somit sind die einhundert Punkte, die von den Hertha-Fans in diesen Wochen immer wieder besungen werden, nach wie vor möglich. Zumindest theoretisch.
Herthas Trainer Leitl hatte im Vergleich zum Heimspiel gegen Greuther Fürth zwei Änderungen vorgenommen. Sebastian Grönning kehrte für Luca Schuler in den Angriff zurück. Bei Gustaf Nilsson hatte es nach seiner Oberschenkelverletzung nicht einmal für einen Platz im Kader gereicht.
Zudem stand Deyovaisio Zeefuik erstmals seit dem zweiten Spieltag wieder in der Startelf. Er ersetzte Neuzugang Mads Pedersen, der zuvor fünfmal nacheinander von Beginn an aufgelaufen war und laut Leitl nach diesem intensiven Programm körperlich „nicht bei 100 Prozent ist“.
Herthas Trainer hatte im Voraus gewarnt, das Spiel als das zu betrachten, was es laut Tabelle war: das Duell des Ersten gegen den Letzten. Genau so aber sah es in der Anfangsphase aus. Hertha dominierte und ließ die Kieler nicht in ihr typisches Ballbesitzspiel kommen. Offensiv brachten die Gastgeber fast die komplette erste Halbzeit kaum etwas zustande.
Auch Hertha brauchte ein wenig, um Gefahr zu entwickeln. Ab der zehnten Minute aber schlug sich die Überlegenheit der Gäste auch in Torchancen nieder. Rechtsaußen Oluwaseun Adewumi hatte die ersten beiden Gelegenheiten für sein Team. Nach einem langen Ball profitierte er von einem Missverständnis der beiden Kieler Innenverteidiger, brachte den Ball aber nicht an Timon Weiner vorbei. Auch kurz darauf scheiterte der Österreicher mit einer Direktabnahme nach Vorarbeit von Julian Eitschberger an Holsteins Torhüter.
Torhüter Weiner war Kiels bester SpielerWeiner war der auffälligste Mann beim Tabellenletzten, dem nach sieben Ligaspielen ohne Sieg wenig überraschend die letzte Überzeugung im Spiel nach vorne fehlte. Nach einer halben Stunde bewahrte der Kieler Torhüter seine Mannschaft ein weiteres Mal vor einem Rückstand, als er seine Hände nach einem Schuss von Herthas Mittelstürmer Grönning aufs lange Eck gerade noch an den Ball brachte.
In den jüngsten drei Ligaspielen hatten die Kieler nur ein Tor erzielt, und das per Elfmeter. „Dass wir nicht vor Selbstvertrauen strotzen, ist ganz normal“, sagte ihr Trainer Tim Walter. „Dafür war das von uns in der ersten Halbzeit ein ganz gutes Spiel.“ Doch erst fünf Minuten vor der Pause hatte Holstein eine erste richtig gute Chance. Nach einer Flanke von der linken Seite setzte sich Phil Harres im Kopfballduell gegen Niklas Kolbe durch. Marius Gersbeck aber reagierte prächtig und verhinderte das 0:1.
Herthas Torhüter war auch gleich nach der Pause wieder gefragt. Adrian Kapralik kam aus acht Metern zum Abschluss. Gersbeck war erneut mit einem guten Reflex zur Stelle. Überhaupt war die Begegnung nun deutlich unterhaltsamer als zu Beginn der ersten Hälfte. Auf der Gegenseite hatte Adwewumi die erste gute Gelegenheit. Nach einem langen Abschlag von Gersbeck lief Herthas Rechtaußen auf das Kieler Tor zu, doch der überragende Weiner erwies sich erneut als unüberwindbar.
Hertha trat nun fordernder auf, ließ die Kieler kaum noch gezielt aufbauen und hatte durch Grönnings Kopfball die Riesenchance zur Führung. Leitl brachte mit Luca Schuler und Farid Alfa-Ruprecht zwei frische Stürmer und spielte weiter auf Sieg. „Die zweite Halbzeit ist klar auf unserer Seite“, sagte Herthas Trainer. „Die Reaktion war gut, die Leistung war gut. Wir haben uns leider nicht belohnt.“
Denn ein Tor wollte seiner Mannschaft nicht mehr gelingen. Trotz weiterer guter Chancen für Schuler, der – natürlich – an Weiner scheiterte, und für den eingewechselten Pedersen. Dafür blieben die Berliner erstmals seit dem 1:0 gegen den VfL Bochum am ersten Spieltag wieder ohne Gegentor.
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