Der neue internationale Bildungsbericht stellt Deutschland kein ganz so katastrophales Zeugnis aus wie Pisa. Doch genau aus diesem Widerspruch gilt es, Lehren zu ziehen.
Die neueste Bildungsstudie der OECD ist für Deutschland nicht ganz so katastrophal ausgefallen wie die jüngste Pisa-Studie.
Das liegt daran, dass es dieses Mal gar nicht darum ging, was Kinder können, wissen und anzuwenden wissen, sondern eher um blanke Zahlen: Wie gehen Länder mit dem Lehrkräftemangel um? Was verdienen Lehrer? Wie entwickeln sich die Hochschulabschlüsse und Berufsausbildungen? Wie viel investiert ein Land in Bildung? Und so weiter.
Bei diesen Fragen steht Deutschland gar nicht so schlecht da. Dem Lehrkräftemangel wird zumindest versucht, mit Quereinsteigern zu begegnen. Deutsche Pädagogen sind vergleichsweise gut bezahlt. Deutschland hat aufgrund seiner Tradition einer hochwertigen Berufsbildung keinen so extremen Überhang bei den Hochschulabschlüssen wie andere Länder. Und pro Kopf geben wir auch im Vergleich zu anderen Ländern viel Geld für Bildung aus.
Auf der anderen Seite aber stehen die Pisa‑Ergebnisse. Die sind schlecht. Was bedeutet das? Eine Antwort lautet: Ein für Bildung ausgegebener Euro ist eben nicht automatisch auch ein in Bildung gut investierter Euro. Und eine gut bezahlte Lehrkraft ist nicht automatisch eine gute Lehrkraft.
Wir haben nicht einmal ein Bildungssystem. Wir haben sechzehn. Nicht selten werden diese auch alle paar Jahre umgekrempelt, wenn das Bildungsressort wieder einmal von einer neuen Partei besetzt wird.
Richard Friebe
Aber um die guten Lehrkräfte muss es, wenn man Bildung und Bildungschancen verbessern will, primär gehen. Für diese Erkenntnis reicht die Erfahrung jedes Menschen aus, der mal zur Schule gegangen ist. Der Lehrer, die Lehrerin, sie machen den Unterschied, in beide Richtungen. Oder, anders formuliert, schon im ersten Satz des OECD-Berichtes: „Bildungssysteme sind so stark wie ihre Lehrkräfte.“
Die Forderung, zu versuchen, die Besten für den Lehrerberuf zu gewinnen, ist so alt wie richtig. Doch die Erfahrung und Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern zeigen: Das OECD-Diktum gilt umgekehrt ebenso. Eine gute Lehrkraft braucht auch ein starkes Bildungssystem. Haben wir das in Deutschland?
Wir haben nicht einmal ein Bildungssystem. Wir haben sechzehn. Nicht selten werden diese auch alle paar Jahre umgekrempelt, wenn das Bildungsressort wieder einmal von einer neuen Partei besetzt wird. Auch spezielle Programme laufen oft wieder aus, kaum dass sie angelaufen sind und sich bewähren konnten.
Bildung braucht Kontinuität und InnovationMan muss sich nur anschauen, was die Berliner Linke zum Thema Bildung in ihr Wahlprogramm geschrieben hat, und das mit der Politik der Amtsinhaberin Katharina Günther-Wünsch vergleichen. Würde von den Plänen auch nur ein guter Teil umgesetzt, von „keine Hausaufgaben mehr“ bis „fast keine Zensuren mehr“, dann wäre das keine Reform, sondern ein Umsturz.
Dabei mag in jedem neuen Ansatz viel Gutes stecken. Die Zweifel an den Hausaufgaben etwa kommen auch direkt aus der Bildungsforschung. Doch umgeschmissen ist eben noch nicht aufgebaut. Und Kinder, Jugendliche und Lehrer brauchen Verlässlichkeit und Kontinuität. Die Pisa-Sieger etwa sind – leider oft ziemlich undemokratische – Länder, deren Bildungssysteme nach klaren, aber an aktuelle Entwicklungen anpassbaren Konzepten und mit viel Kontinuität funktionieren.
In einem demokratischen und das Individuum achtenden System ist das aber auch möglich. Und dort entstehen dann sogar viel eher Möglichkeitsräume, in denen Pädagogen Neues ganz konkret und vor Ort und vielleicht ganz ohne Vorgabe von oben versuchen können. Und hier vor allem Neues, von dem man aus der Bildungsforschung weiß, dass es funktioniert.
Denn wenn es an einem nicht mangelt, dann sind es – von Lernstrategien über Motivation bis Didaktik – Erkenntnisse aktueller Bildungsforschung. Die hat zwar auch nicht alle Antworten. Aber Bildungsforscher wissen bei vielem, was derzeit in der Praxis nicht gut funktioniert, wie es besser funktionieren würde.
Pädagogen allerdings haben meist nicht die Zeit, sich die neuen Studien für ihr Fach im Detail durchzulesen. Sie bekommen nicht genügend Raum und Anleitung, solche Erkenntnisse, die erst einmal nur als Theorie auf dem Papier oder dem Bildschirm stehen, dann auch zu verinnerlichen und in ihre konkrete Klassenraumpraxis umzusetzen.
Ein Teil des OECD-Berichts befasst sich auch mit dem Thema „Lebenslanges Lernen“. Gerade Pädagogen brauchen dafür Zeit und Ressourcen. Denn so werden sie besser und „stärker“ – und damit das ganze Bildungssystem.
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