Millionen Menschen lieben die Münchner Wiesn. Unser Autor gehört nicht dazu. Er fragt sich, was genau dieses Bierfest so faszinierend macht.
An diesem Wochenende hält die Republik kurz inne. Ein wichtiges Ereignis steht an, wie jedes Jahr Anfang Oktober. Es geht um ein Fest für Millionen von Menschen – und ein Stück deutscher Identität. Sie ahnen, worum es geht, oder?
Korrekt: das Oktoberfest. Oder die Wiesn. Das geht so schön von der Zunge.
Am Sonntag also endet die 191. Wiesn. Das Volksfest ist nicht nur in München weltbekannt, sondern in der Tat überall auf dem Planeten. Vom brasilianischen Blumenau bis zum kanadischen Kitchener, vom chinesischen Qingdao bis zum namibischen Windhoek.
Überall dort gibt es nämlich Oktober- oder Bierfeste, die sich am berühmten Vorbild aus Bayern orientieren. Export können wir Deutschen einfach. Krise, überall Krise, geht’s aber um den Alkohol, macht uns so schnell keiner was vor.
Auf der Münchner Bierbank sind wir noch wer. Eine Maß für bis zu 15,90 Euro? Was soll der Geiz?
Dazu immer wieder diese eindrucksvollen Zahlen: 3,8 Millionen Menschen waren bislang schon auf der Theresienwiese. Nach dem Sonntag dürfte sich die Zahl auf deutlich über sechs Millionen erhöht haben.

© IMAGO/Wolfgang Maria Weber/imago
In diesem Zusammenhang lohnt es, auf einige Zahlen zu schauen, die zur Halbzeitbilanz veröffentlicht wurden:

© IMAGO/Wolfgang Maria Weber/IMAGO/Wolfgang Maria Weber
Finden Sie das kleinlich? Das ist Ihr gutes Recht. In der Redaktion des „Tagesspiegels“ löste das Thema am Freitag eine muntere Diskussion aus.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich gönne den Münchnerinnen und Münchnern ihre Wiesn-Tradition. Als Student war ich selbst drei Mal dort. Die Erinnerungen an die Besuche wirkten lange nach, ebenso die Erinnerungen an meinen Kontostand danach.
Ich weiß aber auch, dass ich heilfroh war, als die Stadt sich wieder leerte und ich nicht ständig unter „Fomo“ litt, unter „fear of missing out“, also der Angst, irgendetwas zu verpassen.
Heute bekomme ich mit, dass Menschen nach München fliegen, um sich auf der Wiesn mit Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern zu treffen. Der schöne Tisch im Käferzelt, Sie verstehen.
Die Hauptstadt benötigt kein riesiges Volksfest, um für einige Tage im Jahr auszurasten. Das geschieht hier jeden Tag.
Johannes Altmeyer
Auch zwanzig Jahre nach dem Studium stehe ich dem Oktoberfest eher skeptisch gegenüber. Vielleicht liegt es an der brüllend lauten Geräuschkulisse und der oktroyierten Spaßigkeit, die nicht immer meine sind. Das Leben danach war in der Regel genauso ernst wie vorher. Und alle Probleme immer noch da.
Eines versichere ich Ihnen: Mit Berlin und dem ewigen Vergleich zu München (liebe Grüße an CSU-Chef Markus Söder) hat all das nichts zu tun. Beide Städte haben ihre Reize und ihre Nachteile. Die Hauptstadt benötigt kein riesiges Volksfest, um für einige Tage im Jahr auszurasten. Das geschieht hier jeden Tag.
Apropos Söder: Dem unermüdlichen Ministerpräsidenten könnte es gelungen sein, dem Oktoberfest einen Stempel aufzudrücken. Zwei Bilder mit ihm bleiben in Erinnerung.
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Mitte September eröffneten Söder und Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) gemeinsam die Wiesn. „O’zapft is!“, rief der 36-Jährige, dem es zuvor gelungen war, ein Bierfass mit nur zwei Schlägen anzuzapfen. Als er Söder den gefüllten Bierkrug reichte, konnte man sehen, dass dieser beeindruckt war.
Ende September drehten die beiden Politiker dann gemeinsam eine Runde auf der Achterbahn Olympia Looping auf der Theresienwiese. „Versprochen und gehalten!“, schrieb Söder auf X. Hintergrund war Münchens Kür zur deutschen Bewerberstadt für die Austragung der Olympischen Spiele und eine Wette zwischen dem Christsozialen und dem Grünen-Politiker.
Die „Nürnberger Zeitung“ fragte bereits, ob sich da eine neue „Bromance“ anbahnt. Jahrelang bekämpfte Söder die Grünen leidenschaftlich; heute fährt er mit einem von ihnen Achterbahn.
Wenn man genau hinschaut, zeigt sich oft im Kleinen, wie sich das große Ganze ändert. Das gilt für die Wiesn. Und manchmal auch für Deutschland.
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