Der DNA-Faden bildet eine Doppelhelix. Das habe die früh verstorbene Forscherin Rosalind Franklin nicht erkannt, wurde lange behauptet. Jetzt zeigen Notizen erstmals: Hatte sie doch. Den Nobelpreis bekamen dennoch zwei Männer.
Was könnte spannender sein als die Entschlüsselung des wichtigsten Moleküls auf Erden, der Desoxyribonukleinsäure, dem Stoff des Lebens?
Schon in der 11. Klasse verschlang der Erbonkel das Buch des späteren Nobelpreisträgers James D. Watson von 1968: „Die Doppelhelix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNA-Struktur“.
Darin schildert er, wie er gemeinsam mit seinem Kollegen Francis Crick herausfand, dass das Erbgutmolekül aus zwei gegenläufigen Fäden besteht, die miteinander zu einer Doppelhelix verwoben sind. Das Rätsel des Lebens, wie sich die in dem DNA-Molekül gespeicherte Erbinformation einer Zelle auf zwei Tochterzellen verteilen kann, war gelöst.
Der Erbonkel war so fasziniert, dass sich der Gedanke, Biologie und Genetik studieren zu müssen, festsetzte. Das einzige Autogramm, das sich der Erbonkel je geben ließ, stammt von Watson.
Dass James Watson eine sehr zwiespältige, sexistische und rassistische Persönlichkeit war und die Wahrheit um die Entdeckung der DNA-Struktur mächtig verdreht hatte, lernte ich erst viel später.
Zwar hatte Watson erwähnt, dass es die Biochemikerin Rosalind Franklin war, die zu Beginn der 50er Jahre am Londoner King’s College die entscheidenden Experimente zur Entschlüsselung der DNA-Struktur gemacht hatte: Sie hatte DNA-Kristalle gezüchtet und Röntgenbilder davon gemacht.
Doch Watson erweckte den Eindruck, Franklin habe in ihren eigenen Bildern die Doppelhelixstruktur der DNA nicht erkannt. Das sei erst ihm und Crick gelungen, als Franklins Laborchef ihnen einen kurzen Blick auf „Bild 51“ aus Franklins Aufnahmen gewährt hatte. In dem Moment „stand mir der Mund offen und mein Puls begann zu rasen“, schrieb er in dem Buch.

© Raymond Gosling - King's College London Archives: KDBP1/1/867
Die männerdominierte Forschungswelt glaubte ihm, 1962 bekamen Watson und Crick den Nobelpreis. Doch jetzt zeigen aktuelle Untersuchungen von Rosalinds Röntgenaufnahmen, veröffentlicht im Journal of the History of Science, dass Franklin schon vorher verstanden hatte, dass sie Fotos von einer Helix gemacht hatte.
Bereits zum Foto 49 ihrer Serie notierte sie, dass es auf eine Helixstruktur hindeutete, und nannte sogar den Abstand der Windungen der Spirale: „34 Angström pro Helixwindung (falls es eine Helix gibt)“. Offenbar wollte Franklin ganz sicher gehen und erst bessere Aufnahmen machen, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.
Watson und Crick hingegen spekulierten los, entwarfen ein DNA-Modell, veröffentlichten ihre Ergebnisse vor Franklin und heimsten den Ruhm ein.
Gelegenheit, ihre Perspektive und ihren Beitrag zu schildern, bekam Franklin nie. Sie starb 1958 an Krebs – wohl ausgelöst durch die vielen Röntgenbilder, die sie von den DNA-Kristallen gemacht hatte, mit denen Watson und Crick berühmt wurden.
Das Autogramm von Watson hat der Erbonkel immer noch. Doch das gute Gefühl, das damit einst einherging, ist verblasst.
Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.
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