Über einen Leiter, der gegen die Gewaltbereitschaft seiner Insassen kämpft, und einen jungen Mann, der es nicht nochmals verhauen will.
Über einen Leiter, der gegen die Gewaltbereitschaft seiner Insassen kämpft, und einen jungen Mann, der es nicht nochmals verhauen will.
20.09.2026, 05.01 Uhr
8 Leseminuten

Albian Krasniqi ist an einem Ort, von dem er bald wieder weg will. Seit zehn Monaten lebt er in einer Anstalt ein paar Kilometer ausserhalb Zürichs. Das Schlösschen und der Bauernhof wirken idyllisch. Doch das Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) ist mehr als Schloss und Bauernhof: Es ist Gefängnis, Therapiestätte und Ausbildungszentrum in einem.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Hierhin kommen die schwierigsten jungen Männer der Schweiz. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, die geraubt, gestohlen, geschlagen oder zugestochen haben. Manche haben auch gedealt, vergewaltigt oder getötet.
Krasniqi, der in Wirklichkeit anders heisst, ist einer dieser jungen Männer. Er und die anderen Insassen sollen in der Strafanstalt lernen, auf den richtigen Weg zurückzufinden. Es ist das Ideal dieses Zentrums: die jungen Straftäter mithilfe von Ausbildung, Pädagogik und Therapie zurück in ein straffreies Leben ausserhalb von Anstaltsmauern zu führen. Und zugleich die Gesellschaft vor Straftätern zu schützen.
I. Der InsasseIn Albian Krasniqis Zimmer hängen Erinnerungen. Es sind Fotos von Familienmitgliedern und Freunden. Aus der Zeit vor jener Nacht, die alles verändert hat in seinem Leben. Das zwölf Quadratmeter grosse Zimmer ist schmucklos, funktional. Ein paar Dinge durfte Krasniqi mitnehmen: ein E-Piano, ein paar Bücher (Thriller) und eigene Kleider. Aber es gilt: kein Handy, keinen Computer und auch keinen Fernseher im Zimmer.
Im Dezember 2025 kam der junge Mann in die geschlossene Abteilung des Massnahmenzentrums Uitikon. Vor seiner Verlegung war er in der Pöschwies und anderen Gefängnissen. Zuerst in Untersuchungshaft, später im Strafvollzug.
Der Grund: Mit 19 hatte er bei einer Ausfahrt mit seinen Kumpels zugedröhnt eine Person angefahren und schwer verletzt. Krasniqi fuhr das Auto, einen Führerschein besass er nicht. Die Richter verurteilten den wegen einer Schlägerei vorbestraften jungen Mann zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Und wegen der Drogen ordneten sie eine Massnahme an. Anscheinend lerne er es nur auf die harte Tour, sagte ein Richter damals zu ihm.
«Es war voll unnötig», sagt Krasniqi heute über sein damaliges Verhalten. Er hat dem Opfer einmal einen Brief geschickt, um sich zu entschuldigen. Doch eine Antwort hat er nicht erhalten. «Ich hätte vielleicht auch nicht geantwortet. Ich weiss ja nicht, was mein Brief ausgelöst hat», sagt er.
Die Zeit nach seiner Tat hat er als anstrengend in Erinnerung. Nicht weil er im Gefängnis sass, sondern wegen seiner Familie. «Die waren alle traurig, haben geweint und gelitten.» Doch sie hätten immer zu ihm gehalten. Auch jetzt kommen Familienmitglieder jede Woche zu Besuch.
In Uitikon ist Krasniqi aus freien Stücken, er hat in eine Massnahme nach Artikel 61 des Strafgesetzbuchs eingewilligt – eine sogenannte Massnahme für junge Erwachsene. Statt bloss im Gefängnis seine Freiheitsstrafe abzusitzen, kann er hier eine Lehre machen. Er soll, so die Idee, eine Perspektive bekommen. Zudem soll er sich mit sich selbst und seiner Tat auseinandersetzen. Erziehung, Behandlung und Besserung statt bloss Strafe.


Zwei Drittel der über fünfzig Bewohner im MZU haben eine Massnahme für junge Erwachsene. Allerdings ist der «61er» in den letzten Jahren immer seltener angeordnet worden. Warum, ist nicht ganz klar. Experten vermuten, dass die Bereitschaft der Täter abnimmt, nicht nur ihre Strafe abzusitzen, sondern auch noch über ihre Taten zu sprechen und an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Möglich auch, dass die Massnahme bei Staatsanwälten und Richtern wenig bekannt ist.
Krasniqi will es über die Massnahme versuchen. Die erste Phase hat er mittlerweile hinter sich. Dabei sind die Insassen in der geschlossenen Abteilung des MZU untergebracht. Manche wie Krasniqi verbringen dort sechs Monate, andere mehrere Jahre. «Angewöhnung in einer reizarmen Umgebung» nennt das die Leitung der Anstalt. Das heisst, abgeschnitten von der Aussenwelt mit Sozialpädagogen, Psychotherapeuten und weiteren Betreuern arbeiten.
Den nächsten Schritt können gewisse Insassen erst machen, wenn eine Kommission zu dem Schluss kommt, dass sie dafür bereit sind. In Krasniqis Fall hiess das auch: clean sein. Am Anfang war das nicht immer einfach. «Ab und zu habe ich halt einen Joint geraucht – der alten Zeiten wegen.» Die alten Zeiten – Krasniqi war 13, als er anfing zu kiffen, dann wurde es konstant mehr. So schlimm findet er das nicht. «Viele Leute sagen, man wird vom Kiffen fauler und vergesslicher. Ich habe nichts davon gemerkt.»
Doch da er raus wollte, hielt er sich schliesslich an die Abmachungen. Und hat im Sommer ebendiesen nächsten Schritt gemacht: eine Lehre im Gartenbau angetreten. Vor seiner Verhaftung wollte er Mechatroniker werden. Er hatte sogar die Zusage für ein Praktikum. Doch weil er die Tat beging, als er mit dem Auto fuhr, bleibt ihm dieser Weg im MZU verwehrt.
Vom Leben draussen bekommt er nur verzögert etwas mit. Eines Tages reagierte sein bester Freund plötzlich nicht mehr auf seine Anrufe, obwohl er das bisher immer getan hatte. Erst ein paar Tage später hörte er von einem Kollegen, was passiert war: Herzinfarkt, verstorben mit 24 Jahren.
Für Krasniqi soll es weitergehen: Lehre, Aufarbeiten des Delikts, abstinent bleiben, mehr Freiheiten. Das sind die Schritte. Er spüre, dass er wieder mehr Motivation habe, um zu arbeiten, sagt er. Auch sonst mache er Fortschritte. «Früher hatte ich keine Lust, mit den Leuten zu reden. Ich war auch aggressiv. Gewaltbereit, sagen wir mal so.»
Und er sagt: «Ich bin nicht hier, um wieder alles hinzuwerfen.»
II. Die Gewalt28 Plätze gibt es in der geschlossenen, 30 in der offenen Abteilung des Massnahmenzentrums. Es ist für junge Männer mit vielen Problemen ausgelegt. Kameras überwachen die Gänge, die Zellen befinden sich hinter massiven Türen. Die Fenster sind vergittert und lassen sich nicht öffnen. Stacheldraht auf den Dächern und Zäunen versperrt den Weg in die Aussenwelt.

Und doch sorgen die jungen Männer immer wieder für Probleme. Und dafür, dass das Zentrum in den Schlagzeilen steht. 2023 etwa, als eine spektakuläre Ausbruchsserie ihren Anfang nahm. Zwei Jugendliche warfen damals schwere Gegenstände durch einen Raum des Massnahmenzentrums. Die bedrohten Aufseher mussten sich in ein Büro zurückziehen. Als sie allein waren, schlugen die Teenager ein Fenster auf dem Dach des Gebäudes mit Billardkugeln ein. Dann sprangen sie hinunter und kletterten über den Zaun, der um das Gebäude gezogen ist.
Es blieb nicht bei dem einen Ausbruch: Innerhalb eines Jahres gelang es Insassen drei Mal, aus der Anstalt auszubrechen und zu flüchten. Die Zentrumsleitung rüstete daraufhin bei der Sicherheit nach, doch das führte auch dazu, dass die jungen Insassen mehr Risiken eingingen.
Auch in diesem Sommer gelang es einem jungen Mann, aus der geschlossenen Abteilung zu entweichen. Zwei Tage war er auf der Flucht, bis ihn die Polizei schliesslich in der Berner Innenstadt festnehmen konnte.
Vorfälle wie dieser stehen auch exemplarisch für Veränderungen bei der Jugendkriminalität der vergangenen Jahre: Die Straftäter werden jünger, nehmen mehr Risiken in Kauf – und sie werden brutaler.
Das zeigte sich auch Ende November 2024, als es zu einer Attacke auf den damaligen Sicherheitschef des Zentrums kam. Ein Jugendlicher brach dem Mann mit einem Kopfstoss die Nase und versetzte ihm einen Faustschlag. Die Attacke hatte gravierende Folgen für den Sicherheitschef: Ende Mai 2026 musste er das MZU gemäss einem Bericht von SRF wegen Invalidität verlassen.
Der Vorfall brachte dem MZU und seinem Direktor Carmelo Campanello harsche Kritik ein. Das Zentrum habe ein Problem mit der Sicherheit, hiess es. Dort wehrte man sich gegen die Kritik. Man sei gut gerüstet für herausfordernde Klienten.
III. Der DirektorDer Direktor Carmelo Campanello kennt sich aus mit gewaltbereiten Jugendlichen. Er leitet das Massnahmenzentrum seit August 2023. Zuvor hatte er lange in Heimen und Psychiatrien mit Jugendlichen gearbeitet, die von Jugendanwaltschaften oder Kindesschutzbehörden zugewiesen wurden.
Viele der jungen Männer kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, ihnen fehlt ein Schulabschluss, sie leiden an psychischen Erkrankungen, haben eine kurze Zündschnur und Suchtprobleme. «Drogen sind im MZU ein grosses Thema», sagt Campanello. Vor allem Cannabis und Kokain. «Kokain ist für bestimmte junge Männer sehr verlockend. Gerade die, die viele Brüche in ihrer Biografie haben, können sich im Kokainrausch als etwas Besseres fühlen.»
Und er sagt: «Die jungen Männer suchen nach Anerkennung, Geld und Identität. Und die Rolle als Krimineller hat für einige etwas sehr Verlockendes.» Die Vorbilder dafür fänden sich in den sozialen Netzwerken, etwa bei Influencern mit problematischem Männlichkeitsbild.


«Die Bereitschaft, anderen für den eigenen Vorteil zu schaden, ist erschreckend.» Campanello sagt, es falle gewissen jungen Männern schwer, eine Ausbildung mit wenig Verdienst zu machen. Sie seien im Vergleich zu Gleichaltrigen deutlich weniger reif und weniger in der Lage, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, Impulse zu kontrollieren, die Perspektive anderer einzunehmen und so Verantwortung zu übernehmen. Genau hier setze das MZU an, denn Campanello sagt: «Diese Unreife der Jugendlichen zeigt sich im Alltag auch in plötzlich auftretendem aggressivem Verhalten.»
Darauf haben Campanello und sein Team reagiert. Nicht nur baulich, sondern auch personell. So wurde der Sicherheitsdienst ausgebaut und professionalisiert. Im Alltag wird die Veränderung auch spürbar, weil nicht mehr mit Metallgabeln von Porzellantellern gegessen wird, sondern mit Plastikbesteck von Plastiktellern. Die Fenster in den Gemeinschaftsräumen wurden vergittert und Tische, Regale sowie ein Billardtisch fest am Boden und an den Wänden verschraubt. «Es ist wichtig, das Personal zu schützen», sagt Campanello. «Und natürlich auch die Jugendlichen voreinander.»
Und er sagt: «Bei gewissen jungen Männern ist der hohe Sicherheitsstandard, inklusive Einschluss im Zimmer, leider alternativlos. Wir müssen wissen, was mit ihnen nicht stimmt. Und dafür muss man eine reizarme Umgebung schaffen.» Damit schütze man auch die Gesellschaft.
Seit dem Frühling hat das MZU eine zusätzliche Aufgabe: eine Übergangsstation für jugendliche Problemfälle, zunächst als Pilotprojekt. Es sind Intensivtäter, die Heime an deren Grenzen brachten. Bisher verlegte man Jugendliche in Krisensituationen in ein Gefängnis oder eine geschlossene psychiatrische Abteilung. Nun kommen einige von ihnen nach Uitikon. Drei dieser Teenager sind derzeit in der geschlossenen Abteilung.
Campanello sagt, die Jugendlichen kämen in einem Ausnahmezustand ins Zentrum. Und das fordere die ganze Institution – die Mitarbeitenden, aber auch die anderen Jugendlichen. Die ersten Wochen folgen deshalb einem festen Muster: deeskalieren, stabilisieren, Grenzen setzen. «Viele dieser Jugendlichen haben in ihrem bisherigen Leben ganz gut gelernt, Erwachsene zu steuern – durch Drohungen, durch Charme, durch Rückzug. Hier funktioniert das alles nicht mehr. Wir bleiben in der Beziehung, aber wir geben den Rahmen vor.»
Und Campanello sagt: «Wenn wir einen Beitrag dazu leisten, dass einer von ihnen nach vier Jahren eine Lehre abschliesst, statt in der nächsten Strafanstalt zu sitzen, dann hat das nicht nur ihm etwas gebracht, sondern der ganzen Gesellschaft.»
Dieses Ziel will auch Albian Krasniqi erreichen. Der Insasse, der nicht noch einmal alles hinwerfen will.
