Begegnung mit einem 74-jährigen Tausendsassa, der in seinem Buch aus kulinarischen und anderen Kindheitserinnerungen schöpft.
Begegnung mit einem 74-jährigen Tausendsassa, der in seinem Buch aus kulinarischen und anderen Kindheitserinnerungen schöpft.
26.09.2026, 05.03 Uhr
6 Leseminuten
Thalwil ist nicht leicht zu fassen. Seine Sehenswürdigkeit, den See, teilt es mit Dutzenden anderen Ortschaften. Die Lage ist privilegiert, allerdings nicht an der sonnenverwöhnten Gold-, sondern an der Pfnüselküste. Und das Dorf an den Hängen des Zimmerbergs, das mit gegen 20 000 Einwohnern eigentlich eine Stadt ist, verströmt weder das mondäne Flair von Küsnacht auf der anderen Seeseite noch die idyllische Noblesse des benachbarten Rüschlikon.
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Der Thalwiler Wilhelm Sigg passt ebenso wenig in eine Schublade. Er trägt den Vornamen des Schweizer Nationalhelden, aber zu einer Koseform abgekürzt, die als Kopfschutz durchgehen könnte: Helmi. Ausgebildet als Schriftenmaler, war er zunächst Kabelträger, Kulissenschieber, Regieassistent, Radiomoderator. Mit der Comedy-Truppe Trio Eden gelangte er dann in den achtziger Jahren zu regionaler Berühmtheit, im flauschigen Kostüm gab er später 915-mal die mollige Murmelimutter Martha im Musical «Ewigi Liebi». Autor und Kunstmaler ist er noch immer.
Seegfrörni im HochsommerUnd im Herzen ist Helmi Sigg, der mit seiner Frau seit über dreissig Jahren im gleichen Häuschen im Nachbardorf Oberrieden wohnt, Thalwiler geblieben. Nun hat er seine eigene Geschichte mit der des Dorfs in einem Buch verwoben, das unter dem Titel «Odyssee Thalwil» im Eigenverlag erscheint: Im Herbst des Lebens spürt Sigg dem nach, was ihn geprägt hat. Und der Frage, was Heimat sei.
Für die Besichtigung einiger Schauplätze dieser Odyssee, bei der er nach eigenem Bekunden wohl nie richtig ankommen wird, holt Sigg den Journalisten in seinem postautogelben Renault Twingo am Bahnhof ab. Die Mütze ist orange, die Hose kurz, das T-Shirt rot-grün gestreift. Nur die Fitnessuhr am Handgelenk passt nicht so recht zum Retro-Look, doch sie steht für seinen heutigen Lebensstil: Er hat in den letzten Jahren über dreissig Kilo abgenommen, «mit Disziplin und Sport». Und er will «nochmals fünf runter, auf achtzig Kilo».
Eine imposante Erscheinung ist er geblieben, mit Vollbart und weisser Mähne, eine Mischung aus Poseidon, Alpöhi und Althippie. In erster Linie aber ist Sigg ein Seebueb. Noch heute schwimmt er täglich. Wir setzen uns auf ein Bänkli unter Kastanien bei der Anlegestelle, die sie früher Dampfschiffsteg nannten. Englisch parlierende Jogger traben vorbei, die Wasseroberfläche glänzt silbern unter dem dicht bewölkten Himmel, als wir mitten im Sommer der Hitzerekorde zurück in den Winter des Jahres 1962 gebeamt werden: Sigg liest aus dem Kapitel über die Seegfrörni, es handelt davon, wie er mit seinem Vater einen blitzschnellen Eissegler ausprobierte.

Nicht nur das Klima hat sich gewandelt seit den Sechzigern, Siggs Sehnsuchtsjahrzehnt. Als Abenteuerspielplatz ohne GPS und Helikoptereltern beschreibt er das Dorf seiner Kindheit, das von magischen Pfaden durchwoben statt von Verkehrsadern zerschnitten war. Seither hat das einstige Bauerndorf, das vorübergehend eine starke Textilindustrie entwickelte, die Bevölkerungszahl fast verdoppelt. Gesichtslose Neubauten sind aus dem Boden geschossen. Thalwil ist jetzt ein Pendlerparadies, als Wohn- und Schlafstadt besonders begehrt bei Expats, dank denen die Pfnüsel- inzwischen als Platinküste gilt. «Stiller, reicher, sauberer» ist der Ort geworden, wie er es formuliert. Man kann es sich leisten, die Bahnhofstrasse samt Centralplatz aufwendig zu sanieren und zu polieren, wie jüngst geschehen.
Seine humorvolle Reise durch seine Erinnerungen verknüpft er im Buch mit kulinarischen Erfahrungen und würzt sie mit Alltagsphilosophie sowie einer kräftigen Prise Nostalgie. «Mit 74 darf ich doch etwas nostalgisch sein», sagt er und fügt an: «Das ist auch ein Versuch, das kindliche Staunen von damals mit den Erfahrungen von heute zu vereinen.»
Die Schulzeit war für den verträumten Helmi eine Qual, rechnen kann er bis heute nicht recht. Dafür treibt diesen Mann der tausend Ideen ein Wissensdurst an, der ihn schon als Kind beseelte. Sein bekanntestes Feuerwerk an Einfällen zündete er mit über vierzig, als Kopf des schrill-provokativen Comedy-Formats «Eden-TV» auf dem Regionalsender Züri 1, das bis zu 200 000 Zuschauer pro Sendung anzog. Als man dem Sender den Stecker zog, loteten er und seine zwei Kumpane als Trio Eden die Grenzen des guten Geschmacks auf der Bühne aus; eine Jesus-Parodie führte gar zu einer Klage wegen Verletzung religiöser Gefühle und zu einer Geldstrafe.
Lob dem lokalen HandwerkEin Theatermann ist er geblieben, aus seinem Hang zum Narzissmus macht er kein Hehl. Wenn er haarsträubende Erlebnisse erzählt, reisst er die Augen auf, als müsste er den Blick weiten, um seine Geschichten herauszulassen. Mit Akribie schildert er, wie seine Hartnäckigkeit ihm Zugang zu Haus und Gesellschaft seines Idols Salvador Dalí in Cadaqués verschaffte. Dann wieder preist er das lokale Handwerk und ruft: «Dort hinten, wo jetzt diese Wohnüberbauung steht, wurden die Scheller-Ski gefertigt, aus echtem, ehrlichem Holz.» Auf den Latten dieser längst eingegangenen Fabrik machte er entlang des damaligen Skilifts auf dem Albis seine ersten Schwünge.
Wir sitzen inzwischen im Oberdorf, dem ältesten Ortsteil, auf dem Rand des Katzenbrunnens. Der Trog ist jung, nach der Jahrtausendwende erbaut, das Kätzchen aus Stein auf dem Sockel jedoch ist alt. Noch dasselbe wie einst, wenn auch zusammengeflickt, weil Teile abgebrochen waren. Es ist, wenn man so will, ein Symbol für seinen Heimatort.
«Thalwil hat sich stark verändert und ist doch immer noch gleich», heisst es im Buch. Für die Konstanten sorgt allerdings massgeblich die Erinnerung. Sie hat auch prägende Figuren seiner Kindheit wiederbelebt, die das Buch massgeblich beseelen. Der aus Martinique stammende Fernand Rutter etwa chauffierte Fahrgäste im dunkelblauen Amischlitten, den er offiziell «Negertaxi» nannte; Frau Hösli betrieb den kleinen Tante-Emma-Laden an der Alten Landstrasse; der Buchhändler Muff stillte den unbändigen Lesehunger des Buben.

Aus Helmi wurde ein autodidaktisch veranlagter Tausendsassa, vor Jahren bezeichnete er sich im Gespräch einmal «vom Können her als unterer Durchschnitt in allem, was ich mache». Kurz vor dem Rentenalter lancierte er die eigene Pastrami-Produktion Pastrelmi, die er wieder aufgab, mangels Passion fürs Klinkenputzen, wie er lakonisch anmerkt. Er hat genug Selbstironie, sich als Spinner zu bezeichnen, und gibt zu, oft laut mit sich zu reden. Das tut er auch im Buch: Eine innere Stimme in kursiver Schrift bricht sein Pathos und kommentiert fast wie ein griechischer Chor im Theater.
Ist aber sein Redefluss einmal in Gang, ist er schwer aufzuhalten, auch nicht durch den Wolkenbruch, der sich an diesem Nachmittag nach wochenlanger Bruthitze ereignet. Er steuert den Twingo zum Böni, der heutigen Gewerbe- und Industriezone, die früher vor allem Wiesen umfasste. Nur die Möbelfabrik Hunziker, damals bekannt für ihre Schulpulte mit integriertem Tintenfässli, gibt es noch immer.
Wir eilen durch den Regen, die Nässe passt ebenso zur Odyssee wie die Lebensgeschichte, die uns beim Böni-Center erwartet: Vor dem Eingang des Jumbo-Markts vertilgen wir ein formidables Schawarma bei «Shami Food», dem kleinen Reich von Taisir Mahrat aus Damaskus. Dieser hatte in Syrien nach eigenem Bekunden drei Optionen: «Gefängnis, Tod oder Flucht in die Freiheit.» Vor fünfzehn Jahren floh er mit Frau und drei Kindern. Mit Rezepten und Gewürzen aus seiner Heimat hat er sich diesen Imbiss und eine Existenz aufgebaut.
Diesem Mann und seinem Food-Truck hat Sigg ein Schlüsselkapitel gewidmet, in dem seine Herzensthemen zusammenfinden: das Essen als emotionale Zeitmaschine, die Liebe zu Menschen und zu Geschichten von Herkunft, Zugehörigkeit und Integration über den Magen.
Zwischen Kuttelsuppe und RöstiDas Baba Ghanoush bei «Shami Food» weckt auch Siggs Liebe zur Aubergine wieder, die er einst den italienischen Gastarbeitern in Vaters Schreinerei verdankte. Die Affinität zu diesen Männern aus dem ihm damals fremden Land hatte viel mit seiner eigenen Zerrissenheit zwischen zwei Heimaten zu tun: Seine Mutter, eine österreichische Schneiderin, hatte seinen Vater beim Tanzen in der «Schöchlischmitte» im Zürcher Niederdorf kennengelernt. Und einen Hauptteil seiner frühen Kindheit verbrachte er auf dem Bauernhof der Tante in der Steiermark.
So wuchs Helmi auf zwischen Kuttelsuppe, Leberli mit Rösti und dem Schweineschmalz bei seiner österreichischen Oma. Und die Frage, was Heimat ist, führt bei ihm immer wieder über die Nase und den Magen. Das mündet am Ende seiner literarischen Reise in eine Sammlung von Rezepten, notiert von den Menschen, die er in den Kapiteln vorher so liebevoll beschrieben hat: Tante Mitzis Kaiserschmarren, Taisirs Baba Ghanoush, Aldos Melanzane grigliate . . .
Und im Gespräch schliesst er mit der Erkenntnis, dass bei allen modernen Food-Trends doch immer wieder das Einfache am besten schmecke: Ghackets mit Hörnli oder Fleischvogel mit Kartoffelstock. «Womöglich ist Heimat am Ende gar kein Ort», resümiert er. «Vielleicht ist sie das, was von all den Menschen, Begegnungen, Gerüchen, Geschmäcken, Bildern und Geschichten in mir geblieben ist.»

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