Die Großmächte setzen auf Diesel und Deals, der alte Kontinent fühlt sich Prinzipien verpflichtet. Und im Hintergrund warten die Zwischenwahlen in den USA. Ein Kommentar von Maurice Olivier Dorffer.
Stand: 15.10.2026, 12:42 Uhr
Die Großmächte setzen auf Diesel und Deals, der alte Kontinent fühlt sich Prinzipien verpflichtet. Und im Hintergrund warten die Zwischenwahlen in den USA. Ein Kommentar von Maurice Olivier Dorffer.
Eigentlich sollte es in dem Telefonat zwischen Donald Trump und Wladimir Putin am Freitag voriger Woche (9. Oktober) um einen mutmaßlichen Pestfall in Russland gehen. Am Ende stand ein Energiegeschäft, das der amerikanische Präsident kurz darauf auf Truth Social verkündete.
Content-PartnerschaftDieser Artikel entstand in Kooperation mit The European.
Russland liefere ab sofort mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt, im November weitere 500.000 Tonnen, danach eine Million und, sofern es der Zustand der Raffinerien erlaube, noch einmal drei Millionen Tonnen. Stunden später erteilte das US-Finanzministerium eine Generallizenz, die Verkauf, Transport und Import russischen Diesels bis zum 7. April 2027 erlaubt. Moskau lockerte im Gegenzug sein eigenes Exportverbot. Europa erfuhr davon wie alle anderen aus den sozialen Medien.

Am 3. November wählen die Amerikaner ihren Kongress neu, und der Dieselpreis lag nach Angaben des Automobilclubs AAA zuletzt bei 6,23 Dollar je Gallone, nur knapp unter dem Rekord vom 22. September. Niedrigere Preise für Farmer, Viehzüchter und Trucker seien seine größte Priorität, schrieb der Präsident.
Ich habe an dieser Stelle bereits beschrieben, dass Trumps Mehrfrontenkrieg gegen den Iran und im Jemen eine dritte Front hat, die Heimatfront. Entschieden wird er an der heimischen Zapfsäule, dort liegt auch die Achillesferse dieses Präsidenten. Meine These war, dass Trump vor den Midterms alles daransetzen müsse, die Spritpreise zu drücken, wenn er seine Mehrheit im Kongress retten wolle. Er stand unter Zugzwang. Mit dem Diesel-Deal hat er nun gezogen. Ob dieser Zug seine Mehrheit rettet, wird sich am Wahldienstag zeigen.
Die Ursache der Teuerung liegt allerdings weder in Moskau noch in Kiew. Seit die USA Ende Februar den Krieg gegen den Iran begonnen haben, ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus schwer gestört. Der Preis für ein Barrel Brent kletterte von rund 73 auf zeitweise fast 109 Dollar. Die Internationale Energieagentur spricht von der größten Versorgungsstörung in der Geschichte des Ölmarkts. Die Golfstaaten drosselten ihre Förderung um mindestens zehn Millionen Barrel am Tag, und besonders verwundbar sei der Dieselmarkt. Washington will also einen Brand, den es selbst gelegt hat, mit mehr Diesel löschen.
Dabei ist die Menge beinahe lächerlich. Rechnet man mit den Daten der US-Energiebehörde EIA, decken 300.000 Tonnen den amerikanischen Verbrauch für gut 14 Stunden. Für die Versorgung bleibt das Abkommen eine Fußnote. Wird es immerhin reichen, um vor der Wahl den Anschein zu erwecken, der Präsident unternehme etwas gegen die hohen Spritpreise? Darauf kommt es an. Selbst Larry C. Johnson, früherer CIA-Analyst und einer der schärfsten amerikanischen Kritiker der westlichen Ukraine-Politik, nennt das Ganze auf seinem Blog (Symbol-)Politik statt Versorgung. Den größten Gewinn verbuche Moskau, mit Devisen in Milliardenhöhe und einem halben Jahr Atempause bei den Sanktionen.
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Washington sucht den Schuldigen in KiewVorbereitet hat Trump diesen Schritt seit Wochen. Mitte September machte er Wolodymyr Selenskyj für die weltweite Dieselknappheit verantwortlich. Die Ukraine müsse aufhören, russische Raffinerien anzugreifen. Auch wenn Erfolgsmeldungen aus Kiew mit Vorsicht zu lesen sind, zeigten die Drohnenangriffe Wirkung. Nach Daten des Analysehauses Kpler fiel die Verarbeitung in russischen Raffinerien im Juli auf den tiefsten Stand seit 21 Jahren. Moskau spricht von ungeplanten Wartungsarbeiten und einem vorübergehenden Rückgang, verhängte aber im Juli selbst ein Exportverbot für Diesel und räumte Engpässe an den Tankstellen ein. Für Kiew war das einer der wenigen Hebel, mit denen es die Kriegskasse des Kremls unmittelbar treffen konnte.
Nun nimmt Washington diesen Hebel aus dem Spiel und liefert Moskau das Geschäftsmodell mit. Putin hatte am 1. Oktober laut TASS erklärt, Russland habe genug Diesel, allein die Sanktionen versperrten ihm den Weg auf die Weltmärkte. Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte die Aufhebung der Sanktionen schon im September zum nächsten notwendigen Schritt erklärt, und Washington ist ihn nun gegangen.
Wie das Geschäft zustande kam, hat Axios rekonstruiert. Selenskyj habe rund ein halbes Dutzend amerikanischer Bitten ignoriert, die Angriffe einzustellen, sagte ein US-Beamter dem Portal. Am Freitag verhandelten ukrainische Unterhändler in Miami mit Steve Witkoff und Jared Kushner. Dort erfuhren sie, dass Trump mit Putin telefonieren und die Sanktionen auf russischen Diesel lockern werde. Kiew saß mit am Tisch und wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.
Selenskyj nannte die Vereinbarung gegenüber Axios weder fair noch ehrlich. Es sei ein Zeichen der Schwäche und ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für Putin, der am 7. Oktober 74 Jahre alt wurde. Trump konterte am Samstag. Es sei Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekomme, einen, der einen Deal machen könne.
Dabei hatte Trump erst im September ein Sanktionsgesetz unterzeichnet, das Zölle von bis zu 100 Prozent gegen die größten Abnehmer russischer Energie ermöglicht. Im Kongress regt sich Widerstand, auch in Trumps eigener Partei. Sechs Senatoren, darunter die Republikaner Susan Collins, Lisa Murkowski, Thom Tillis und John Curtis, forderten am Sonntag, den Kurs sofort umzukehren, weil der Kongress russische Energieimporte 2022 per Gesetz verboten habe. Im Repräsentantenhaus will der Republikaner Brian Fitzpatrick eine Abstimmung erzwingen.
Inzwischen hat Washington den Druck erhöht. Nach einem Bericht der Financial Times riefen US-Beamte am Wochenende in Kiew und praktisch allen europäischen Hauptstädten an. Stelle die Ukraine ihre Angriffe auf russische Raffinerien nicht ein, werde Washington den Austausch von Geheimdienstinformationen aussetzen und den PURL-Mechanismus blockieren, über den die Ukraine amerikanische Waffen bezieht.
Am Sonntag verkündete Trump dann überraschend eine Waffenruhe für Energieanlagen, die sofort gelten solle.
Ob hinter alldem eine Absprache steht, ist nicht belegt, doch die Reihenfolge ist auffällig. Washington gibt russischen Diesel frei, droht Kiew mit dem Entzug von Waffen und Geheimdienstdaten und verkündet schließlich eine Waffenruhe für Energieanlagen. Gregory Brew von der Eurasia Group vermutete schon am Freitag auf CNN, Putin erwarte als Gegenleistung ein Ende der ukrainischen Angriffe auf seine Raffinerien. Gehalten hat die Waffenruhe nicht, noch in der Nacht zum Montag meldete Kiew russische Angriffe auf Energieanlagen in Charkiw und Kiew, und Moskau ließ lediglich wissen, die Gespräche liefen weiter. Trump räumte Verstöße auf beiden Seiten ein. Bezeichnend ist der Vorgang trotzdem, denn Washington und Moskau zeigen sich bereit, Geschäfte miteinander zu machen, und die Rechnung zahlen Kiew und Europa.
Europa am KatzentischUnd Europa? Berlin reagierte, wie Berlin immer reagiert. Die Bundesregierung versicherte, sie halte an den Sanktionen fest, die Unterstützung der Ukraine sei ungebrochen. Das Einfuhrverbot der EU für russischen Diesel gilt seit dem 5. Februar 2023 und bleibt bestehen. Am Montag setzten die EU-Außenminister zudem mehr als 1.500 Personen und Unternehmen auf die Sanktionsliste, die größte Runde seit 2022.
An der Lage ändert das wenig. Europa hat seine Dieselversorgung unter erheblichen Kosten umgebaut. Die Lücke, die russische Lieferungen hinterließen, schlossen Indien, die Türkei und der Nahe Osten, zu höheren Preisen und über längere Routen. Bis vor Kurzem stammte ein Teil dieses Diesels auf Umwegen doch aus Russland. Indiens größte Raffinerie in Jamnagar verarbeitete zu rund einem Drittel russisches Rohöl und lieferte einen erheblichen Teil ihres Diesels nach Europa. Erst seit Januar verbietet die EU solche Produkte und nimmt dafür nochmals höhere Preise in Kauf.
Gerade jetzt, da Europa diese Hintertür schließt, öffnet Washington Moskau die Vordertür. Russischer Diesel fließt mit amerikanischem Segen auf den Weltmarkt. Wo er dort gemischt, umgeladen und weiterverkauft wird, lässt sich kaum noch nachverfolgen. Die europäische Sanktion bleibt formal intakt und scheint nur Europa zu schaden.
Eine Reuters-Recherche vom 8. Oktober zeigt, wie weit das Geschäftsdenken reicht. Demnach sprachen Jared Kushner und Putins Berater Kirill Dmitrijew über den Einstieg eines amerikanischen Investors bei Nord Stream; zudem ist der Verkauf von Lukoils Raffinerien und Tankstellen in Europa an amerikanische und arabische Geldgeber im Gespräch. Über Europas Pipelines und Tankstellen verhandeln andere. Ins Bild passt, dass Washington Kiew nun mit einem Stopp von Waffen droht, die über PURL zum großen Teil Europa bezahlt.
Noblesse obligeIm kremlfreundlichen Lager ist die Formel Noblesse oblige längst angekommen. Der in den USA lebende Militärpublizist Andrei Martyanov schrieb schon im April 2020, mitten im damaligen Ölpreiskrieg, von einer Noblesse oblige der Supermächte. Russland wolle Amerikas Macht stutzen, aber nicht zerstören, die Großen müssten die Welt gemeinsam ordnen. Zum Diesel-Deal zeigt er nun ein Gemälde Iwan Aiwasowskis von 1892, auf dem amerikanische Schiffe Getreide ins hungernde Russland bringen. Heute sei es umgekehrt. Die Lesart ist parteiisch, aufschlussreich ist sie trotzdem. In ihr ist Noblesse oblige ein Pakt unter Großmächten, und Europa bleibt, wie der Dritte Stand im Frankreich des 18. Jahrhunderts, der Stand, der die Lasten trägt und nicht gefragt wird.
Europa dagegen versteht Noblesse oblige als Pflicht zur Regeltreue, um nicht zu sagen zur Prinzipienreiterei. Es hält sich auch dann an Regeln, wenn es ihm selbst schadet, weil es sich als Hüter einer Ordnung versteht, die auf Regeln beruht. Diese Verlässlichkeit macht es berechenbar, und in der Politik von Trump und Putin ist Berechenbarkeit eine Schwäche. Wer vorher weiß, dass der andere nicht ausschert, muss ihn nicht fragen. Der Nasenring, an dem Europa durch die Manege gezogen wird, ist aus seinen eigenen Prinzipien geschmiedet.
Es gab schon einmal einen Moment, in dem Washington und Moskau Europa gemeinsam vorführten. Als britische und französische Truppen im Herbst 1956 am Suezkanal landeten, drohte Bulganin mit Raketen, und Eisenhower verweigerte den Europäern Öl, bis sie abzogen. Adenauer, der an diesem Tag zufällig in Paris weilte, soll Guy Mollet getröstet haben, Europa werde seine Rache sein. Wenige Monate später wurden die Römischen Verträge unterzeichnet.
Siebzig Jahre später dreht Washington wieder an einem Hahn, diesmal an Putins Dieselhahn. Eisenhower führte damals immerhin Prinzipien ins Feld, heute genügt eine günstige Tankfüllung vor der Wahl. Derweil steht Adenauers Rache immer noch aus. (von Maurice Olivier Dorffer)
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