Ohne Pilot, mit Waffenschacht und europäischem Denkzentrum: Die Airbus-Kampfdrohne U740 Valkyrie hebt in Europa ab. Wirtschaftspolitisch ist die Vision klar.
Stand: 15.10.2026, 18:51 Uhr
Ohne Pilot, mit Waffenschacht und europäischem Denkzentrum: Die Airbus-Kampfdrohne U740 Valkyrie hebt in Europa ab. Wirtschaftspolitisch ist die Vision klar.
München – Ein Startschuss ohne Startbahn, ein Flugzeug ohne Cockpit und ein Fluggerät für den Einsatz an der Seite bemannter Kampfjets: Kürzlich hob in Nordeuropa eine Drohne ab, welche die militärische Luftfahrt grundlegend verändern könnte. Die U740 Valkyrie absolvierte ihren Erstflug auf europäischem Boden, wie Airbus nun in einer Mitteilung bekanntgibt. Damit beginnt für die kontinentalen Luftstreitkräfte eine neue Etappe.
Wie schnell sich die Lage verschiebt, zeigt der Blick auf den Ukraine-Krieg: Seit der Eskalation im Jahr 2022 prägen mittlerweile unbemannte Systeme das Gefechtsfeld. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob solche Kampfdrohnen kommen, sondern wer sie baut und wer ihre Software beherrscht. Genau hier setzt das Projekt von Airbus Defence and Space an.

Hinter dem Erstflug steht ein klares strategisches Ziel: Europa will bei seiner Landes- und Bündnisverteidigung nicht von Entscheidungen außerhalb des Kontinents abhängen. Wie ernst es dieser Anspruch meint, zeigt sich an einer Kampfdrohne, deren digitales Nervenzentrum künftig komplett aus Europa stammen soll.
Erstflug von Airbus-Kampfdrohne: Was die U740 Valkyrie kannDie U740 basiert auf der XQ-58 Valkyrie des US-Rüstungsunternehmens Kratos. Mit 9,1 Metern Länge und 8,2 Metern Spannweite ist sie vergleichsweise kompakt, ihr maximales Abfluggewicht liegt bei rund drei Tonnen. Sie operiert üblicherweise in bis zu 13,7 Kilometern Höhe und erzielt eine Reichweite von über 5000 Kilometern.
Kampfdrohne U740 Valkyrie von AirbusValkyrien (im Deutschen „Walküren“) sind weibliche Gestalten der nordischen Mythologie. Sie entscheiden in der Schlacht, wer fällt, und geleiten die gefallenen Krieger in die Halle des Gottes Odin, Walhall. Im Rüstungsbereich steht der Name heute für die US-Kampfdrohne XQ-58 Valkyrie des Herstellers Kratos, auf deren Basis die U740 entsteht. Die Indienststellung bei der Bundeswehr ist für 2029 geplant.
Beim Erstflug am 29. September hob das Fluggerät von einer Testanlage in Nordeuropa ab. Wie Airbus Defence and Space jetzt mitteilte, seien alle gesetzten Testziele erreicht worden. Dazu zählten ein raketengestützter Start von einer mobilen Rampe – unabhängig von verwundbaren Startbahnen – sowie Flugmanöver in verschiedenen Höhen bis Mach 0,8.
Airbus und das „Europa-Gehirn“: Wer die Software kontrolliertDie Flugzelle stammt aus den USA, das Denkvermögen soll aus Europa kommen. Airbus rüstet die Drohne mit einem eigenen Missionssystem namens MARS aus. Die Abkürzung steht für „Multi-platform Autonomous Reconfigurable and Secure“. Laut Airbus soll dieses „europäische Gehirn“ die vollständige Souveränität über Daten und Software-Entscheidungen garantieren.
Beim Erstflug war MARS allerdings noch nicht an Bord. Der nächste Testflug Anfang 2027 soll das Missionssystem erstmals live im Flug erproben. Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Hält die europäische Software, was der Flugzeugtest verspricht? Die Antwort entscheidet über den weiteren Zeitplan.
Kampfdrohne im Team: Die Rolle an der Seite des EurofightersDie Bundeswehr plant den Einsatz der Valkyrie vor allem als Collaborative Combat Aircraft (CCA). Gemeint ist ein hochgradig vernetzter Verbund aus unbemannten Begleitdrohnen und einem bemannten Kampfjet. Die Drohne kann zwar autonom operieren, soll aber primär die Schlagkraft des Eurofighters erhöhen – etwa bei der Aufklärung, der elektronischen Kampfführung oder dem Vordringen in stark gesicherte Lufträume.
Airbus-Verteidigungschef Michael Schöllhorn formuliert den Kern der Idee so: „In einer zunehmend komplexen und umkämpften Bedrohungslage benötigen Luftstreitkräfte heute bezahlbare Kampfmasse.“ Dahinter steckt handfestes Kalkül: In Rüstungskreisen wird geschätzt, dass unbemannte Begleitjets in Beschaffung und Betrieb bis zu 90 Prozent günstiger sind als bemannte Kampfflugzeuge. Insgesamt plant die Bundeswehr perspektivisch mit einem Bedarf von bis zu 400 schwer bewaffneten Begleit- und Jagdbomberdrohnen, um ab 2030 auch Aufgaben alternder Tornados zu übernehmen.
Milliardenschwerer Rüstungswettbewerb um KampfdrohnenDer Vorstoß von Airbus geschieht nicht im luftleeren Raum. Weil das deutsch-französische Zukunftsprojekt FCAS durch anhaltende Führungsstreitigkeiten geplatzt ist, sucht die Luftwaffe nach einer schnellen Brückentechnologie für den Eurofighter. Für das kommende Jahr bereitet das Verteidigungsministerium einen großen Auswahlwettbewerb vor.

Airbus steht dabei unter Zugzwang: Im Rennen um Bundeswehr-Aufträge fordern Konkurrenten wie das Münchner KI-Rüstungsunternehmen Helsing mit seiner Drohne CA-1 „Europe“ sowie Rheinmetall mit der Boeing-Entwicklung MQ-28 „Ghost Bat“ den europäischen Branchenprimus heraus.
Souveränität als Standortfrage: Das verspricht AirbusSchöllhorn sieht in der Kombination aus bewährter Kratos-Flugzelle und europäischem Airbus-Missionssystem den schnellsten Weg zur Unabhängigkeit: Bis Ende des Jahrzehnts könne so ein einsatzbereites CCA-System an die Truppe übergeben werden. Parallel arbeitet Airbus bereits an der rein europäischen Eigenentwicklung „Ravenstorm“ für die 2030er-Jahre.
Für den Rüstungsstandort Europa ist das Projekt ein Gradmesser: Wer Software und Sensorik selbst beherrscht, sichert strategische Handlungsfähigkeit. Ob das Modell aufgeht, entscheidet sich an der Integration des MARS-Systems, den anstehenden Schießtests und dem straffen Zeitplan. (Verwendete Quellen: Airbus Defence and Space, Heise, Spiegel, Handelsblatt, Bundeswehr)
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