Mit Lugano-Luzern wird zum dritten Mal in Serie ein Fussballspiel wegen fehlender Extrazüge verschoben. Die Swiss Football League intensiviert die Gespräche mit den SBB, diese bleiben hart. Mit Folgen für den künftigen Spielplan.
Mitarbeiter der SBB Transportpolizei überwachen die Einfahrt des Fanzugs der GC-Fans im Bahnhof Luzern.Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 19. 9. 2026)
Der Knatsch um die Extrazüge überschattet die bisherige Fussball-Saison. An diesem Samstag wird zum dritten Mal in Serie das Livespiel der Super League vorverschoben. Diesmal betroffen: Lugano-Luzern. Nur weil das Spiel schon um 18 Uhr beginnt, organisieren die SBB für die Luzerner Fans einen Extrazug, der sie nach Hause bringt. Die Praxis seit dieser Saison: Nach Fahrplanschluss fährt auch kein Extrazug mehr.
Die SBB ziehen die Schraube im Umgang mit Fussballfans an. Das Thema ist hochemotional. Spätestens die Vorkommnisse rund um das Spiel Sion-Zürich vor drei Wochen haben gezeigt: Es gibt in diesem Spiel nur Verlierer.
Auf rund vier Millionen Franken beziffern die SBB die ungedeckten Kosten pro Saison. Allerdings, ohne konkrete Zahlen zu nennen. «Sicherheitskosten, Vandalismus und Reisen ohne Ticketkauf», seien die Gründe, schreiben die SBB. Die Zahlungsmoral der Fussballfans in Extrazügen habe zuletzt abgenommen. Konkrete Zahlen auch hier: Fehlanzeige.
Das Protokoll der FCZ-Chaos-ReiseDas wirft zunächst die Frage auf: Warum bieten die SBB überhaupt Extrazüge an? Die einfache Antwort: Die SBB will niemandem eine Reise mit einer Horde Fussballfans zumuten. Wenn es dafür noch einen Beweis gebraucht hätte, so lieferten ihn die FCZ-Fans mit ihrem Verhalten am 19. September bei der Reise ins Wallis. Die SBB liefert auf Anfrage die Details: Anstatt per Direktzug ins Wallis reisten die FCZ-Fans im IC1, der nach Genf fährt. Unterwegs nach Bern wurde zweimal der Brandalarm ausgelöst. Der Zug fiel ab Bern aus – weil auch noch eine Rauchpetarde gezündet wurde. Anstatt danach direkt den Anschlusszug auf demselben Perron zu nutzen, begaben sich die FCZ-Fans in die Berner Bahnhofshalle, zündeten weitere Rauchpetarden und hinterliessen die Halle stark verschmutzt. Erst nachdem die Fans einen weiteren Zug wegen Brandalarms und Rauchentwicklung schachmatt setzten, entschieden sie sich zur Weiterreise.
Die FCZ-Fans machen aus der Reise zum Auswärtsspiel beim FC Sion «Pause» im Bahnhof Bern.Blick/Leserreporter
Die SBB verurteilen das Verhalten der FCZ-Fans «aufs Schärfste». Und was sagt der FCZ? Nichts. Auf die Bitte um eine Stellungnahme schreibt der Verein: «Wir äussern uns nicht dazu.»
Kommt nach dem Stadionverbot das Zugverbot?Reisende, die von Zugausfällen, Verspätungen oder sonstigen Unannehmlichkeiten betroffen waren, fragen sich vielleicht: Hätten die SBB überhaupt eine Möglichkeit, das Reisen von Fussballfans mit dem Zug zu verhindern? Wie sieht die rechtliche Grundlage für ein «Zugverbot» aus? Analog zu einem Stadionverbot, das Fans bei Verfehlungen in und rund um eine Fussball-Arena droht.
Felix Uhlmann ist Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Zürich. Im Gespräch mit «Schweiz heute» erklärt er: «Die SBB unterstehen einer Transportpflicht. Sie müssen alle Fahrgäste befördern, wenn sie sich an Gesetzes- und Tarifbestimmungen halten.» Festgehalten ist dies in Artikel 12 des Bundesgesetzes über die Personenbeförderung.
Felix Uhlmann ist Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Zürich.ZVG
Aber: Die SBB können Personen nur im Einzelfall ausschliessen – etwa wenn sie betrunken sind, sich ungebührlich benehmen oder Anordnungen des Personals nicht befolgen. «Die Hürden sind hoch und die Rechtslage ist nicht günstig für die SBB», erklärt Uhlmann, «denn die Massnahmen sind nur dann gerechtfertigt, wenn sie sich auf das gegenwärtige Verhalten beziehen.» Konkret: Wer früher schon zweimal die Notbremse gezogen hat, erhält deswegen kein Zugverbot. Er kann dafür gebüsst und aus dem Zug gewiesen werden, wenn er sich erneut danebenbenimmt. «Ein Kollektivausschluss ganzer Fangruppen wäre rechtlich nicht haltbar», sagt Uhlmann.
Bundesrat wollte Transportpflicht lockernInteressant: Der Bundesrat wollte die Transportpflicht bereits einmal lockern. Am 28. August 2013 war das («Botschaft zur Änderung des Personenbeförderungsgesetzes»). Die SBB sollten die Möglichkeit erhalten, Fans aus Regelzügen zu weisen, falls der Klub die Buchung eines Charterzuges abgelehnt hätte. Doch der Nationalrat wies die Vorlage am 12. März 2014 mit 142 zu 30 Stimmen zurück. Es wurde nichts aus der Gesetzesrevision.
Weil die Gesetze sind, wie sie sind. Und weil die SBB die Fans möglichst von allen anderen Reisenden trennen wollen, werden sie weiterhin Extrazüge anbieten. Die SBB bekennen sich dazu – nur eben nicht mehr nach Fahrplanschluss. «Die Transportpflicht gilt nur im Rahmen des Fahrplans – auf Extrazüge ausserhalb besteht kein Anspruch», sagt Uhlmann.
SFL hofft auf Einsicht der SBBDie Swiss Football League arbeitet trotzdem genau darauf hin. Nach drei Spielverschiebungen in Serie sagt CEO Claudius Schäfer zu «Schweiz heute»: «Wir intensivieren die Gespräche sowohl mit den SBB als auch mit Klubs und kantonalen Behörden. Wir hoffen, dass die SBB auf den Entscheid zurückkommen und baldmöglichst auch wieder Extrazüge anbieten, wenn keine Regelzüge fahren.»
Die SBB gehen derzeit den eingeschlagenen Weg weiter. Sie schreiben: «Die SBB hält an der Praxis fest, dass Fanzüge dann zum Einsatz kommen, wenn auch ein Regelangebot besteht. Spätverbindungen sind für die SBB sehr aufwändig bis unmöglich. Die Gründe sind insbesondere knappe Ressourcen beim Rollmaterial und Personal sowie Baustellen. Bei Fanzügen besteht ein erhöhter Reinigungsaufwand. Fanzüge, die in der Nacht verkehren, können am nächsten Tag nicht eingesetzt werden und fehlen im Betrieb.»
SBB gestalten künftig den SpielplanDie gute Nachricht: Lugano-Luzern ist vorerst das letzte Livespiel am Samstagabend, das wegen fehlender Extrazüge vorverschoben werden muss. Bis und mit Runde 22 (am 6. und 7. Februar 2027) ist keine Partie mehr betroffen. Nur, die restlichen Spiele der Saison sind noch nicht angesetzt. Und deshalb gilt: Die SBB erstellen nicht nur den Fahrplan für ihre Züge. Sondern künftig auch den Fussball-Spielplan. Die SFL muss künftig also neben den ohnehin schon herausfordernden Rahmenbedingungen der kantonalen Behörden weitere Einschränkungen in Kauf nehmen.
Von diesen ist auch das Schweizer Fernsehen betroffen. Samstagabend-Spiele zwischen Teams, die geografisch weit auseinander liegen, kann es künftig nicht mehr geben. Die SRG schreibt auf Anfrage: «Ziel der SRG ist es, die Vielfalt des Schweizer Fussballs abzubilden und über die gesamte Saison hinweg Spiele aus allen Regionen der Schweiz zu zeigen.» Das Livespiel wird auf SRF, RTS und RSI gezeigt. Gut möglich, dass es künftig schwieriger wird, bei der Auswahl für Ausgewogenheit zu sorgen.
Die Vorverschiebungen schlagen sich in den Zuschauerzahlen nieder. In der laufenden Saison gab es fünf Spiele um 20.30 Uhr. Gemäss SRF verfolgten diese durchschnittlich 102'000 Personen am TV-Gerät (Marktanteil 12,6 Prozent). Die beiden Spiele um 18 Uhr dagegen nur 58'000 Personen (Marktanteil 8 Prozent). Dass auch «Blue» nicht glücklich ist über die Verschiebungen, weil die verschobenen Spiele die exklusiven Live-Spiele des Pay-TV-Senders konkurrenzieren, versteht sich von selbst.
Fazit: Der Extrazug-Knatsch geht an diesem Wochenende in die vorerst letzte Runde. Aber zu Ende ist er noch lange nicht.
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