Eine neue Studie behauptet: Wer beim Essen viel trinkt, isst mehr. Warum diese Schlagzeile irreführt und warum Sie Ihr Glas getrost behalten können.
Eine neue Studie behauptet: Wer beim Essen viel trinkt, isst mehr. Warum diese Schlagzeile irreführt und warum Sie Ihr Glas getrost behalten können.
Ein Glas Wasser zum Essen gilt als einer der ältesten Diät-Tipps überhaupt: Es soll den Magen füllen, satt machen und so ganz nebenbei beim Abnehmen helfen. Auch wenn es dafür nie wissenschaftliche Beweise gab - der Mythos kllingt plausibel, daher wirkt er glaubwürdig.
Doch nun rüttelt eine neue Studie aus den USA jetzt an diesem Volksglauben – und sorgt für mediale Verwirrung, denn nun soll Wasser trinken auf einmal dicker machen. Also am besten „trocken essen“?.
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Forscher der Cornell University und der Penn State University haben Daten aus zwei Laborexperimenten mit insgesamt 86 Erwachsenen ausgewertet. Die Teilnehmenden aßen zweimal ein Mittagessen – entweder Chili con Carne oder Chicken Tikka Masala, unterschiedlich scharf gewürzt – während Kameras jeden Bissen und jeden Schluck Wasser aufzeichneten. Das Ergebnis: Wer mehr trank, aß tendenziell auch mehr.
Konkret hingen 100 Gramm zusätzliches Wasser mit rund 39 Gramm mehr Nahrung zusammen. Auch häufiges Hin- und Herwechseln zwischen Bissen und Schluck war mit einer leicht höheren Nahrungsaufnahme verbunden.
Klingt dramatisch – ist es aber nicht. Denn was in vielen „Wasser-macht-dick“-Schlagzeilen untergeht: Es handelt sich um eine Sekundäranalyse mit einer sehr kleinen Stichprobe, erhoben unter künstlichen Laborbedingungen bei genau einer Mahlzeit. Die Wasser-Essen-Kopplung war zudem gar nicht die eigentliche Fragestellung der Studien – im Zentrum stand ursprünglich, wie Schärfe das Essverhalten beeinflusst.
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Die gefundenen Effektgrößen sind zwar statistisch messbar, ihre praktische Bedeutung für den Alltag bleibt jedoch unklar. Eine Korrelation aus dem Labor sagt zudem nichts darüber aus, was langfristig mit Gewicht oder Gesundheit passiert – dafür bräuchte es Interventionsstudien über Wochen oder Monate, keine Videoanalyse einer einzelnen Mahlzeit.
Interessant ist die Studie trotzdem – weil sie einen weiteren Hinweis darauf liefert, dass die alte Annahme „Wasser füllt den Magen und bremst den Appetit“ physiologisch zu kurz greift. Wasser erhöht das Magenvolumen zwar kurzfristig, dieser Effekt hält jedoch meist nicht lange an und erklärt langfristige Sättigung vermutlich nur zu einem kleinen Teil.
Als mögliche Erklärung für den gefundenen Zusammenhang diskutieren die Studienautoren einen Mechanismus namens „sensory-specific satiety“: Der ständige Wechsel zwischen dem Geschmack des Essens und dem neutralen Wasser könnte das natürliche Nachlassen der Lust am Essen verzögern. Eine spannende Hypothese – aber keine bewiesene Ursache.
Das eigentliche Problem liegt ohnehin weniger in der Studie selbst als in der allgemeinen Erwartung, aus jeder neuen Ernährungsstudie sofort eine Alltagsregel zu stricken. Erst hieß es „Wasser macht schlank“, jetzt droht das Gegenteil zur neuen Regel zu werden. Beides ist Newstickerei ohne solide Basis.
Ob jemand beim Essen viel oder wenig trinkt, hat nach aktuellem Forschungsstand weder Auswirkungen auf sein Gewicht noch auf seine Gesundheit – denn dafür fehlen jegliche Beweise. Daher sollte man beim Essen nur trinken, wenn man wirklich Durst hat. Und das gilt generell für Gesunde, nicht nur beim Essen: Unser echter, biologischer Durst ist stets das beste und wichtigste Signal, zu trinken. Dazu müssen Sie auch keine „2-Liter-am-Tag-Trinken“ erreichen - denn auch diese Regel ist nicht mehr als Mythos.
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