Worte können lügen. Verhalten nicht. Wie ein Mensch mit Ihrem Nein umgeht, verrät mehr über ihn als hundert Liebeserklärungen.
Worte können lügen. Verhalten nicht. Wie ein Mensch mit Ihrem Nein umgeht, verrät mehr über ihn als hundert Liebeserklärungen.
„Du bist die Frau meines Lebens.“ Schön. Aber wertlos, wenn derselbe Mensch Ihr Nein nicht akzeptiert. Wer wissen will, wie jemand wirklich tickt, sollte weniger zuhören und genauer hinschauen.
Denn reden können Menschen viel. Sie können schmeicheln, versprechen und lügen. Deshalb interessiert mich beim Kennenlernen nicht nur, was ein Mensch sagt – sondern auch, was er tut, sobald er nicht bekommt, was er will.
Worte erzählen Ihnen, wer jemand sein möchte. Verhalten zeigt Ihnen, wer vor Ihnen steht. Und ein einziges Nein verrät darüber manchmal mehr als hundertmal „Ich liebe dich“.
Chris Oeuvray ist psychologische Beraterin mit Schwerpunkt auf Narzissmus und Mobbing. Sie ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Gerade Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen können beim ersten Kennenlernen ausgesprochen anziehend wirken. Studien zeigen, dass narzisstische Bewunderung mit romantischer Attraktivität in frühen Beziehungsphasen zusammenhängt. Narzisstische Rivalität zeigt dagegen ihre problematische Seite stärker in längerfristigen Beziehungen.
Das passt zu dem, was Betroffene beim Lovebombing erleben. Komplimente, Nachrichten von morgens bis abends, große Gefühle, Zukunftspläne. Sie haben endlich jemanden gefunden, der Sie sieht. Nach zwei Wochen wird vom gemeinsamen Urlaub gesprochen. Nach sechs Wochen liegt vielleicht schon der Wohnungsschlüssel auf dem Tisch.
Genau jetzt rate ich zum Langweiligsten, was man frisch Verliebten sagen kann: Warten Sie.
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Aus meiner Beratungspraxis empfehle ich eine einfache Regel: Treffen Sie in den ersten drei Monaten keine Entscheidungen, die Sie schnell abhängig machen oder nur schwer rückgängig zu machen sind.
Ziehen Sie nicht vorschnell zusammen. Geben Sie Ihre Wohnung nicht auf. Vermischen Sie nicht sofort Ihre Finanzen. Unterschreiben Sie keine gemeinsamen Verträge. Machen Sie sich nicht wirtschaftlich abhängig.
Zwar fällt nach exakt drei Monaten keine narzisstische Maske. Dafür gibt es keine wissenschaftlich belegte Frist. Aber drei Monate geben Ihnen Zeit und somit etwas, was Lovebombing nicht verträgt: Beobachtungsmaterial.
Falls es die große Liebe ist und Sie die nächsten 30 Jahre miteinander verbringen, sind drei Monate nichts. Aber wenn Sie dadurch eine toxische Beziehung erkennen, bevor Sie Wohnung, Geld oder Selbstständigkeit aufgegeben haben, sind diese drei Monate möglicherweise lebensrettend.
Sie müssen in diesen drei Monaten keine Fallen stellen. Das Leben liefert genügend Situationen.
Sie möchten heute Abend Ihre Freundin treffen. Sie wollen noch nicht zusammenziehen. Sie haben keine Lust auf Sex. Sagen Sie Nein und beobachten Sie.
Respektiert Ihr Gegenüber Ihre Entscheidung? Bleibt seine Zuneigung bestehen, obwohl Sie nicht tun, was er möchte? Darf Ihre Meinung neben seiner existieren? Oder verändert sich plötzlich die Stimmung?
Vielleicht wird aus „Ich liebe deine Unabhängigkeit“ plötzlich: „Deine Freundinnen sind dir wohl wichtiger als ich.“ Aus „Bei mir darfst du immer du selbst sein“ wird: „Warum musst du eigentlich immer deinen Kopf durchsetzen?“
Überschwänglicher Nähe mutiert zu Schweigen, dem anfänglichen Charme weicht Abwertung. Aus einem Wunsch wird Druck. Und dann hören Sie auf, die wunderschönen Sätze vom Anfang gegen das Verhalten von heute aufzurechnen. Das Verhalten ist ehrlicher.
Ein Mensch muss Ihre Grenze nicht mögen und darf Enttäuschung zeigen oder anderer Meinung sein. Respekt zeigt sich nicht darin, dass zwei Menschen immer dasselbe wollen, sondern darin, dass Ihr Nein bestehen bleiben darf.
Es lohnt sich also, einen Blick über die erste Begeisterung hinaus zu werfen. Das zeigt auch Studien. Demnach war die narzisstische Seite, die auf Selbstinszenierung und Bewunderung zielt, mit kurzfristigem romantischem Erfolg verbunden. Die rivalisierende, abwertende Seite stand stärker mit langfristigen Beziehungsproblemen in Verbindung.
Auch außerhalb romantischer Beziehungen zeigt sich dieser zeitliche Effekt. In einer Längsschnittstudie sank die anfängliche Beliebtheit narzisstischer Personen mit der Zeit. Arrogant-aggressives Verhalten und wahrgenommene Unzuverlässigkeit gewannen dabei an Bedeutung. (PubMed)
Das heißt nicht, dass Sie nach drei Monaten eine Diagnose stellen können oder müssen. Nur sollten sie verstehen, wie dieser Mensch Sie behandelt und wie es Ihnen geht.
Stellen Sie sich deshalb beim Kennenlernen drei Fragen:
Die letzte Frage ist entscheidend. Denn „Ich respektiere dich“ ist schnell gesagt. Respekt zeigt sich erst dann, wenn Respekt etwas kostet.
Lassen Sie sich deshalb Zeit. Genießen Sie die Komplimente, die Schmetterlinge und die verrückten ersten Wochen. Aber geben Sie dabei nicht Ihr eigenes Leben an der Garderobe ab.