Härter, länger, weniger Pause? Als Sportwissenschaftler sehe ich Effizienz heute anders – und weiß, dass 7 Fehler oft Fortschritt und Trainingszeit kosten.
Härter, länger, weniger Pause? Als Sportwissenschaftler mit über 30 Jahren Training sehe ich Effizienz heute anders – und weiß, dass sieben Fehler häufig Fortschritt und Trainingszeit kosten.
Als ich als Jugendlicher mit dem Krafttraining begann, war meine Vorstellung von einem guten Training ziemlich einfach: Es musste hart sein. Je schwerer die Gewichte, je größer die Erschöpfung und je stärker der Muskelkater am nächsten Tag, desto erfolgreicher erschien mir die Einheit.
Später kamen Trainingspläne, sportwissenschaftliches Wissen, Leistungsdiagnostik und viele Jahre als Trainer hinzu. Nach mehr als 30 Jahren Training sehe ich Effizienz heute anders. Und ich kenne die häufigsten Fehler, durch die Krafttraining im Fitnessstudio oft ineffizient wird.
Dr. Michèl Gleich ist promovierter Bildungs- und Sportwissenschaftler sowie ehemaliger Leistungssportler. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Muskelaufbau? Maximalkraft? Allgemeine Fitness? Gesundheit? Rehabilitation? Je nach Ziel verändert sich das Training.
Trotzdem sehe ich häufig Menschen, die Übungen, Wiederholungen und Methoden wechseln, ohne genau zu wissen, warum. Mein eigenes Training ist heute einfacher geworden, wahrscheinlich, weil ich mit den Jahren immer mehr gelernt habe:
Ich brauche nicht jede Woche neue Übungen. Ich brauche gute Bewegungsmuster, eine nachvollziehbare Belastungssteuerung und eine Entwicklung, die ich über Wochen und Monate beobachten kann.
Ein Trainingsplan sollte kein Unterhaltungsprogramm sein. Er sollte eine Richtung vorgeben.
Ein Satz endet, schon ist bei vielen das Smartphone in der Hand, Nachrichten werden gelesen, soziale Medien geöffnet – und aus geplanten 90 Sekunden werden fünf Minuten. Das Problem daran ist nicht, dass der Körper nach wenigen Minuten plötzlich „auskühlt“ und dadurch automatisch die Verletzungsgefahr steigt. Für eine solche pauschale Aussage gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Grundlage.
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Das eigentliche Problem ist der Verlust von Struktur und Konzentration. Mein Tipp ist entsprechend simpel: Pause vorher festlegen, Timer starten, Smartphone dann wieder weglegen.
Manchmal braucht es einfach mehr Aufmerksamkeit im Training.
Eine kurze Pause fühlt sich intensiv an. Der Puls bleibt hoch, die Muskulatur brennt und das Training wirkt anstrengend. Aber Anstrengung und Trainingsqualität sind nicht dasselbe.
Wer schwere Kniebeugen, Bankdrücken oder andere anspruchsvolle Übungen absolviert, benötigt häufig mehrere Minuten, um im nächsten Satz wieder eine hohe Leistung erbringen zu können. Ein systematischer Review zeigt bei trainierten Personen Vorteile längerer Pausen von mehr als zwei Minuten für die Entwicklung maximaler Kraft.
Auch beim Muskelaufbau gibt es keinen guten Grund, Pausen zwangsläufig möglichst kurz zu halten. Eine Meta-Analyse von 2024 fand einen kleinen Vorteil längerer gegenüber sehr kurzen Satzpausen.
Als Orientierung können bei
Entscheidender als jede Zahl ist jedoch die Frage: Bin ich bereit, den nächsten Satz in der gewünschten Qualität auszuführen? Die Pause ist kein Gegner des Trainings. Sie ist Teil davon.
Eine gute Einheit muss keine zwei Stunden dauern. Für viele Menschen können 60 konzentrierte Minuten vollkommen ausreichen:
Die Pausen sind geplant. Die Übungen stehen vorher fest. Das Smartphone bleibt maximal „Werkzeug“. Und wenn nach 55 Minuten alles erledigt ist, trainiere ich nicht weitere 20 Minuten, nur damit sich die Einheit „richtig“ anfühlt.
Dieser Gedanke hat sich in meinem eigenen Training vermutlich am stärksten verändert.
Früher war ich manchmal stolz darauf, nach einer Einheit vollkommen erschöpft zu sein. Heute interessiert mich viel mehr, ob der gesetzte Reiz angemessen war.
Man kann 60 Minuten trainieren und danach völlig fertig sein, ohne besonders zielgerichtet trainiert zu haben. Und man kann nach 45 konzentrierten Minuten das Fitnessstudio verlassen, ohne sich zerstört zu fühlen – und trotzdem hervorragend trainiert haben.
Ein aktuelles Positionspapier des American College of Sports Medicine von 2026 fasst 137 systematische Reviews mit mehr als 30.000 Teilnehmern zusammen. Eine der wichtigsten Botschaften daraus ist erstaunlich unspektakulär: Für die meisten Menschen sind regelmäßiges Krafttraining, ausreichendes Trainingsvolumen und eine zum Ziel passende Belastung wichtiger als komplizierte Methoden.
Wir unterschätzen häufig die Grundlagen, weil sie nicht spektakulär genug erscheinen.
„Noch eine Wiederholung!“ gehört seit Jahrzehnten zur Kultur des Krafttrainings.
Training nahe am Muskelversagen kann sinnvoll sein. Aber nicht jeder Satz muss dort enden. Meta-Analysen zeigen keinen eindeutigen Vorteil davon, konsequent bis zum momentanen Muskelversagen zu trainieren, wenn Muskelwachstum das Ziel ist.
Gerade bei komplexen Übungen bezahle ich maximale Ermüdung häufig mit schlechterer Technik und zusätzlichem Regenerationsbedarf. Heute lasse ich deshalb bei vielen Arbeitssätzen bewusst ungefähr eine bis drei technisch saubere Wiederholungen in Reserve.
Denn die entscheidende Trainingseinheit ist nicht nur die heutige. Es ist auch die, die ich übermorgen wieder qualitativ absolvieren kann.
Progression ist wichtig. Aber sie bedeutet nicht ausschließlich, jede Woche mehr Scheiben auf die Hantel zu legen.
Wenn beim Bizeps Curl plötzlich der gesamte Oberkörper mithilft, die Kniebeuge immer flacher wird oder beim Rudern vor allem Schwung das Gewicht bewegt, ist die Zahl auf der Hantel größer geworden – die Trainingsqualität aber nicht zwangsläufig.
Meine Regel ist simpel: Das Gewicht muss zur Bewegung passen, nicht die Bewegung zum Gewicht.
Fortschritt kann ebenso bedeuten, dieselbe Last kontrollierter, über eine größere Bewegungsamplitude oder mit besserer Technik zu bewegen.
Unsere Fitnesswelt liebt Abwechslung. Neue Übungen, Challenges und Methoden liefern ständig neue Reize – zumindest für unsere Aufmerksamkeit.
Der Körper braucht dagegen häufig etwas viel Langweiligeres: Kontinuität.
Wer Übungen ständig wechselt, kann schwer beurteilen, ob er tatsächlich stärker geworden ist. Deshalb halte ich über längere Zeiträume an wichtigen Bewegungsmustern fest und verändere gezielt Belastung, Wiederholungen oder Volumen.
Training darf Freude machen. Aber es muss nicht jede Woche neu erfunden werden, um zu funktionieren.
Früher beschäftigte mich vor allem der erste. Heute weiß ich, dass alle drei zusammengehören. Training setzt einen Reiz. Die Anpassung benötigt Erholung. Danach folgt der nächste sinnvolle Reiz.
Wer jede Einheit maximal gestaltet, jede Pause verkürzt und jeden Satz bis zur vollständigen Erschöpfung führt, trainiert vielleicht sehr hart – aber nicht zwangsläufig intelligent.
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