„Madame Kali“ arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Sexarbeiterin und Domina. Sie stattet auch Senioren im Altersheim oder zu Hause einen Besuch ab.
„Madame Kali“ arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Sexarbeiterin und Domina. Sie verführt nicht nur in ihren Räumlichkeiten in Bielefeld, sondern stattet auch Senioren im Altersheim oder zu Hause einen Besuch ab. Wie funktioniert Sexarbeit mit bettlägerigen Kunden?
Modelle von männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen liegen auf Kommoden, eine Lichterkette sorgt für rotes Dämmerlicht. Mit einer ausschweifenden Geste deutet „Madame Kali“ hinter sich auf den Gynäkologie-Stuhl, den Hundekäfig samt Futter- und Wassernapf und die beachtliche Sammlung an Peitschen und Reitgerten an der Wand:
„Madame Kali“ heißt eigentlich Mechthild Janda, ist 53 Jahre alt, kommt aus Bielefeld, ist Diplom-Erziehungswissenschaftlerin – und seit mehr als zehn Jahren hauptberuflich im Escortservice tätig. Auch Senioren zählen zu ihren Kunden.
Sie lächelt breit und zeigt dabei ihre Zähne. Kleine Grübchen bilden sich an ihren Wangen und ihre hochgezogenen Augenbrauen verleihen ihr einen schelmischen Ausdruck. Ihr Name „Madame Kali“ kommt von der hinduistischen Göttin der Zerstörung und Transformation, die oft nackt dargestellt wird. Der Vorsatz „Madame“ sei sehr typisch für Dominas in der BDSM-Szene, sagt sie.
Nachdem sie sich jahrelang um Menschen mit Behinderung gekümmert hatte und in ihrer Einrichtung Einsatzleitungsvertreterin wurde, hängte sie den Job an den Nagel. „Mir hat es vor allem mit den Arbeitszeiten gereicht. Das war einfach nicht mein Ding. Jetzt kann ich mir meine Termine selbst legen“, resümiert sie. „Für mich stand aber gar nicht zur Debatte, dass ich weiterhin für Menschen da sein und mich um sie kümmern werde. Das war für mich klar.“
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„Madame Kali“ bekommt einen Anruf. Der Klient meldet sich mit seinem „Sklavennamen“, wie es oft üblich ist in der BDSM-Szene. „Hallo, hier ist der Knabe Wolfgang*. Ich würde für heute Abend gerne das Duo Infernale buchen.“
„Madame Kali“ zögert nicht. „Alles klar, was möchtest du erleben? Was sind deine Kinks?“ So geht sie einige Fragen durch, bis sie sich auf eine Uhrzeit und ein Programm geeinigt haben. „Die meisten Kunden sind ganz normale Leute – nur eben mit einem anderen sexuellen Geschmack“, erklärt sie. Gibt es auch etwas, was sie nicht macht? „Ja – Kotzspiele und ich lasse mir nicht in den Mund pinkeln.“ Ihren Stundenlohn möchte sie nicht preisgeben.
Das Bedürfnis nach dieser Art der Sexualität kennt kein Alter. Deswegen bietet „Madame Kali“ auch Hausbesuche für Menschen im Altersheim an. Geprägt von den Erfahrungen ihrer früheren Arbeit will sie auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen Zugang zu Sexualität ermöglichen. Das sei vor allem für Menschen mit Behinderung, die beispielsweise im Rollstuhl ihr Studio nicht erreichen können, interessant. „Sex ist ein Grundbedürfnis, das bei einer Behinderung oder im Alter nicht einfach verschwindet.“
Die Kunden würden „Madame Kali“ über ihre Website finden oder kennen jemanden, der sie kennt. Einige Senioren würden sogar bei der Buchung die Hilfe der Pfleger in Anspruch nehmen.
Je nachdem, was gebucht ist, packt sie ihre Tasche mit ihren Utensilien. „Strapse, Brustwarzenklammern und Strap-on“, zählt sie einige ihrer Hilfsmittel auf. Man müsse ein wenig abpassen, dass die „coolen Pfleger“ im Altersheim seien, die sie über einen Nebeneingang ab 21.30 Uhr zu den Kunden bringen würden. „Da gibt es auch einige, die richtig prüde sind.“
Die Tätigkeit als Sexarbeiterin und als Domina bei älteren Personen seien im Vergleich zu jüngeren Kunden etwas schwieriger. „Bei einem bettlägerigen dominanten Senior, der mich gerne auspeitschen möchte, ist der Akt schwierig, aber in den meisten Fällen kein Problem. Man muss nur etwas erfinderisch werden.“ Dabei sei ihr Einfallsreichtum und Gelenkigkeit gefragt.
„Aber Sex ist viel mehr als Geschlechtsverkehr. Eine Berührung in einer schönen Atmosphäre ist oft genauso viel wert. Deshalb sollte es auch eigentlich Orgas-kann statt Orgasmus(s) heißen.“ Ältere Kunden hätten aber nicht per se andere Bedürfnisse als jüngere. Vorher müsse man nur absprechen, was für Erwartungen der Kunde hat und wie diese erfüllt werden können.
„Einige nehmen vorher Viagra. Das ist für mich aber überhaupt kein Problem“, sagt „Madame Kali“. „Ab wann ist man schon alt. Viele ältere Personen sind es gewohnt, offen mit ihrer Sexualität umzugehen.“ Die Vorurteile gegenüber nachlassender Sexualität im Alter würden in den Köpfen der anderen stecken. Sie könne von einer abnehmenden Libido im Alter bei ihren Kunden jedenfalls nicht feststellen.
*Anmerkung: Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Von Hannah Baumann