Plötzlich staunen die Engländer, wie gut Florian Wirtz spielt – Jürgen Klopp und einer neuen Rolle im DFB-Team sei Dank. Am Sonntag wartet die Bewährungsprobe.
Florian Wirtz zeigt, wie schnell es im Fußball geht. Plötzlich staunen die Engländer, wie der oft und hart kritisierte Liverpool-Star spielt – Jürgen Klopp und einer neuen Rolle im DFB-Team sei Dank. Schon am Sonntag wartet die Bewährungsprobe.
Keine Woche ist es her, da stand Bastian Schweinsteiger in Augsburg, analysierte die DFB-Pleite gegen Griechenland (0:1) und sagte in seiner Funktion als ARD-Experte: „Wir haben nicht mehr diese Spieler, die den Unterschied ausmachen.“ Stattdessen referierte Schweinsteiger desillusioniert vom „Mittelmaß“ des deutschen Fußballs.
Und damit zu Florian Wirtz.
12 Tore und 15 Vorlagen in 47 Länderspielen sprechen in der Tat nicht für einen Unterschiedsspieler. Schon eher für Mittelmaß. Kurz darauf aber, am Donnerstag gegen Serbien (2:0), gelang Wirtz eine seiner besten Vorstellungen im DFB-Dress. Er traf und assistierte, er wuselte und initiierte, er war überall und dabei zumeist einen Ausfallschritt voraus.
So widerlegte Wirtz, was Schweinsteiger und natürlich auch die Engländer denken. Auf der Insel, wo Wirtz seit Sommer 2025 lebt und spielt, beim FC Liverpool, scheint Dauer-Nölen über den Deutschen ja beinahe Volkssport geworden zu sein.
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„Ich glaube, so viele Engländer und Liverpool-Fans haben noch nie ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft geguckt. Sie haben einen Jungen gesehen, der vor Spielfreude sprüht und der bretthart gearbeitet hat“, lobte Bundestrainer Jürgen Klopp, bekanntlich eine Liverpool-Legende. Ein Jahr vor Wirtz' Wechsel hatte Klopp den Verein verlassen.
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Jetzt scheint die Vereinigung ungeahnte Dynamiken zu entwickeln, auch wenn die Bewertungen im Fußball – wir kennen das – zu schnell zu extrem ausfallen. Es war bloß ein Spiel. Gegen ein bemerkenswert schwaches Serbien. Trotzdem zeigte Wirtz, was er kann: diese gedankliche Wachheit, diese filigranen Bewegungsmuster, diese Ideen und ihre Ausführung – das war ein Statement in eigener Sache.
Das „Liverpool Echo“ griff die Kombination auf. „Klopp umarmt Wirtz“, schrieb das Blatt und wertete Wirtz’ Leistung als „dringend benötigten Schub nach seinen Schwierigkeiten in Anfield“. Klopp kennt seine Engländer, er sagte: „Ich weiß gar nicht, wie viel Flo richtig machen müsste, damit da alle happy sind.“
Exemplarisch für die beißenden Kritiken sei Jamie Carragher genannt, selbst eine Ikone in Liverpool. „Ich glaube nicht, dass Wirtz seit seiner Ankunft außer Form ist. Ich glaube tatsächlich, dass wir das sehen, was er ist“, meinte er in seinem Podcast. Und: „Die Lücke zu dem Niveau, das er erreichen müsste, um die Erwartungen zu rechtfertigen, ist fast zu groß. Du kannst sie nicht schließen.“
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Dabei erinnerte Klopp an außersportliche Faktoren. Wirtz stieß unmittelbar nach dem tragischen Unfalltod des Liverpool-Profis Diogo Jota zum Klub, er wurde Teil einer trauernden Mannschaft. „Da kommst du als neuer Spieler, und alle sehnen sich sofort danach, dass einer die Kohlen aus dem Feuer holt. Das ist eben unmöglich“, sagte Klopp.
7 Tore und 10 Vorlagen in 49 Pflichtspielen 2025/26 steuerte Wirtz bei, Trainer Arne Slot probierte ihn auf verschiedenen Offensivpositionen, nichts fruchtete wirklich. Scheinbar. In Wahrheit war Wirtz besser, als er gemacht wurde.
Schon in seiner Premierensaison spielte er oft den vorletzten oder vorvorletzten Pass – die tauchen aber in keiner Statistik auf. Inzwischen setzt Slot-Nachfolger Andoni Iraola den 23-Jährigen konsequent als Zehner ein. Wirtz steht bei einer Torvorlage in sechs Partien, nichts Berühmtes, die Saison ist noch lang.
Klopp wiederum stellte Wirtz in seinem 4-3-3-System in den halblinken Achterraum, wie das im modernden Fußballsprech heißt. Heißt: Während Aleksandar Pavlovic als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler agierte, gestaltete Wirtz das deutsche Spiel davor im Tandem mit Tom Bischof (und gewissermaßen im Dreieck mit Pavlovic).
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Wie ein freies Radikal tummelte sich Wirtz auf dem Rasen, für die Serben nie zu fassen; Bischof rühmte ihn als „brutalen Fußballer“. Das Ganze hatte Ähnlichkeiten zum Rollenprofil, das Wirtz bei Xabi Alonsos Leverkusenern zur stärksten Version seiner selbst gemacht hatte.
Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann hingegen hatte ihn zumeist auf dem linken Flügel eingesetzt – in der Versuchsanordnung, alle begabten Feinfüßer von Wirtz über Jamal Musiala bis Kai Havertz oder Leroy Sané irgendwie gemeinsam auf dem Platz unterzubringen. Der Plan scheiterte.
Nun, am Donnerstag, berichtete Wirtz, was Klopp ihm aufgetragen hatte: „Dass ich wieder den Fußball spiele, den man von mir gewöhnt ist. Es geht auf jeden Fall in die Richtung.“
Nach Serge Gnabrys Auswechslung war Wirtz gegen Serbien sogar DFB-Kapitän, erstmals. Bei RTL/Sky sagte er über Klopp: „Ich glaube, dass er uns auf jeden Fall auf die Spiele sehr gut vorbereitet und vor allem mit dem Gegenpressing auf ein Niveau gebracht hat, das kein Gegner gerne hat. Da hat er uns sehr gut mitgenommen in seiner Idee. Dann kann ich auch meine Qualitäten zeigen, wenn wir im Ballbesitz sind.“
Der Serbien-Sieg war ein hoffnungsvoller Anfang, aber eben: ein Anfang. „Es reicht nicht, wenn du ein Spiel überragend spielst und dann im nächsten Spiel wieder nicht“, betonte Wirtz. Bereits am Sonntag, in Thessaloniki gegen Griechenland, wartet die Bewährungsprobe. Fehlen wird dann nur Schweinsteiger. Statt der ARD überträgt RTL.