Als Promi gehört es heute zum guten Ton, die eigenen Schönheitseingriffe öffentlich zu machen. Wieso unsere Autorin kein Fan davon ist.
Kolumne „Body Issues“
Botox-Beichten sind weder fortschrittlich noch feministischAls Promi gehört es heute zum guten Ton, die eigenen Schönheitseingriffe öffentlich zu machen. Wieso unsere Autorin kein Fan davon ist.
11. September 2026
| Lesezeit: 5 Min.
Jeder Mensch hat einen Körper – und sich wahrscheinlich schon einmal für ihn geschämt. Doch körperliche Schamgebiete sind keine Privatsache. Sie sind politisch. Die Kolumne „Body Issues“ betrachtet Körpernormen und Schönheitsideale alle zwei Wochen im Vergrößerungsspiegel. Folge Eins: Was bringt es uns eigentlich, wenn Promis ihre Schönheitseingriffe mit uns teilen?
Über die Autorin
Franziska Setare Koohestani ist freie Autorin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt in Köln. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Popkultur und ihren Nischen, Diskriminierung und Schönheitsnormen. 2024 erschien ihr erzählendes Sachbuch „Hairy Queen – Warum Körperbehaarung politisch ist“ im Ullstein Verlag. Sie ist große Kritikerin der Beauty-Industrie, gleichzeitig (leider) große Konsumentin.
Es ist Sommer 2019, ich bin 23 Jahre alt und habe den heftigsten Akne-Ausbruch seit meiner Pubertät. Also schmiere ich mir eine Mischung aus Zitronensaft, Zucker und Olivenöl ins Gesicht. Ich hoffe, dass sie meine Akne heilt. Tut sie nicht.
Schuld an meinem DIY-Dilemma ist das unter Beauty-Youtube-Kenner:innen damals legendäre Video der „Go To Bed With Me“-Serie von Harper’s Bazaar mit Ex-Disney-Schauspielerin Bella Thorne. Sie erklärt darin zwar, gegen ihre Akne ärztlich verschriebene Medikamente eingenommen zu haben. Wirklich geholfen hätte aber die in besagtem Video vorgeführte Mixtur aus Zucker, Zitronensaft und Öl – klar. Das als Hautpflege-Routine getarnte Dessert-Rezept löste eine Online-Lawine an Kritik aus. Schade, dass ich mich da längst einbalsamiert hatte.
Heute schickt es sich nicht mehr, mutmaßliche Akne-Medikament-Wahrheiten hinter DIY-Pasten zu verbergen oder die Öffentlichkeit anzuschwindeln. Oder sogar, wie einst Beyoncé, Madonna und J.Lo, so zu tun, als sei man bloß eine ausgeschlafene, bestens hydrierte Person, die sich viel bewegt. Statt eine, die sich zudem von Ernährungsberatung entwickelten Diäten, Personaltrainer-Sessions und teuren Beauty-Behandlungen unterzieht.
Personen des öffentlichen Lebens sind derzeit gewillter, sich zu offenbaren, wenn es um ihre angeblichen Schönheitsgeheimnisse geht. Seien sie noch so teuer, zeitintensiv und schwer zugänglich. Noch so eindeutige Belege für ihre Privilegien. Zeitgemäßer als zu behaupten, die straffe Stirn käme allein vom Wassertrinken und Eincremen, ist es nun, die Botoxbehandlung zuzugeben.
Die neue Schönheits-Transparenz praktizieren Berühmtheiten aus dem Showbusiness ebenso wie Content Creator:innen auf Social Media. Darunter solche, die sich feministisch positionieren. Nicht, obwohl sie offen darüber sprechen, was sie wie verwenden und wo sie sich womit genau haben behandeln lassen – indem sie es tun. Entweder ganz beiläufig oder mit großer „Public Service Announcement“-Geste. Rapperin Ikkimel sagte neulich in einem Podcast: „Ich glaube, dass Botox die moderne, gute Hautcreme ist.“
Ist es nicht. Doch den Eindruck könnte man gewinnen, auch, wenn im Internet unterwegs ist. Man begegnet dann etwa dem reichweitenstarken Clip einer Influencerin, die ausführlich ihre Oberlidstraffung dokumentiert. Angeblich, um ihren ach so wachen Blick nicht fälschlicherweise als „naturgegeben“ darzustellen. Das wirkt erst mal erfrischend, weil es entlarvt, wie teuer, zeitintensiv und künstlich Schönheit sein kann. Aber führen bloße Beauty-Beichten nicht auch zum Verlangen nach Nachahmung? Schafft man damit nicht immer neue Body Issues (wie schlaffe Oberlider)?
Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner sieht diese neue Offenheit kritisch und nennt sie einen „Feminismus der Transparentmachung“. Demnach legt man mit dem Lüften der eigenen Schönheitsgeheimnisse offen, wie man sich selbst mithilfe eines bestimmten Produktes oder einer invasiven Behandlung vermeintlich zu mehr Schönheit und dazugehörigen Privilegien verholfen hat. Mit Betonung auf: sich selbst. Wer aber profitiert noch davon? Dient das Transparent-Machen der eigenen Beauty-Eingriffe tatsächlich der Aufklärung oder eher der Inspiration? Ist sie ein feministischer Fortschritt oder bloß eine Marketing-Strategie?
Solche Inhalte werden auf Social Media oft mit einem bemerkenswerten Ausruf eingeleitet: I Don't Gatekeep! Aber ist das nicht eigentlich Quatsch? Hier sei die feministische Tiktok-Creatorin Hierhelena zitiert, die in einem Clip sagt: „Es gibt kein Gatekeeping bei Konsum“. Sie kritisiert zu Recht die Verwendung des Begriffs, wenn jemand auf Social Media Produktinformationen teilt. Eigentlich bedeutet Gatekeeping in diesem Zusammenhang, Ressourcen und Macht so zu verwalten, dass sie nur wenigen Menschen zugänglich sind.
Der Kampf dagegen wiederum heißt, den Zugang für jene zu ermöglichen, denen er strukturell verwehrt ist. Wer so tut, als würde man eine Anti-Aging-Creme nicht mehr gatekeepen wollen, gibt vor, damit wichtiges Geheimwissen zugänglich zu machen. Dabei wird man doch sowieso dauernd mit Anti-Aging-Marketing belästigt. Zugänglichkeit ist hier nicht das Problem.
Das gilt nicht für alle Inhalte, in denen jemand online auf die eine oder andere Art Produkte oder Behandlungen bespricht, doch: Wer sich mit viel Reichweite als Kämpfer:in gegen Gatekeeping oder für den Feminismus geriert, während man Anti-Aging-Produkte und Injektions-Routinen teilt, überhöht Konsum-Empfehlungen zum Akt weiblicher Solidarität. Wie solidarisch aber ist es, auf der großen Bühne der Öffentlichkeit mittels Transparenz (direkt oder indirekt) unkritisch Tipps für Beauty-Behandlungen zu verbreiten, auf dass zumeist Frauen wegen des unrealistischen Ideals eines ewig jugendlichen Aussehens dafür hunderte Euros ausgeben? Das ist keine Aufklärung, sondern als Aufklärung verkaufte Werbung. Transparenz verkauft sich.
Wer will schon jemand sein, der seine Schönheitsgeheimnisse anderen vorenthält? Ich nichtWer könnte ein besserer Indikator dafür sein als die Kardashian-Jenners? Vor Kurzem erst postete Kylie alle Details zur eigenen Brust-OP, und ihre Schwester Khloé gleich eine ganze Liste aller Eingriffe und Treatments, denen sie sich je unterzogen haben will. Bei allem Respekt: Diese Frauen tun nichts, wenn es nicht profitabel wäre. Zum Beispiel für die personal brand. Unvergessen, wie Kylie sich in der Episode „Lip Service“ ihrer Reality-Show Keeping Up With The Kardashians nach einem Zwiegespräch mit Schwester Kim zum Geständnis ihrer Lippenunterspritzungen (und ehemaliger Lippenscham) durchrang.
Die Transparenz verhalf ihr zu Sympathie – schließlich fühlt sich jede:r mal unwohl in seinem Körper. Das war 2015. Wenig später brachte Kylie dann die „Kylie-Lip-Kits“ auf den Markt, Sets mit Liplinern und flüssigen Lippenstiften. Ein Business, das sie mit 21 Jahren zur Milliardärin machte. In Deconstructing The Kardashians (2026) resümiert die Autorin MJ Corey: „Eine neue Ära kuratierter Transparenz begann“.
Fast möchte ich schlussfolgern: Da lüge man mir in Zukunft doch lieber wieder was vom Wassertrinken vor! Aber nur fast. Auf persönlicher Ebene kann ich schließlich gut verstehen, was zur Transparenz veranlassen dürfte. Wer will schon jemand sein, der seine Schönheitsgeheimnisse anderen vorenthält? Ich nicht. Mit Freund:innen tausche ich mich häufig über Make-up, Haut- und Haarpflege aus. Über unsere Versuche, dem Schönheitsdruck nicht zu erliegen, das Scheitern daran. Mal regen diese Gespräche zum Konsum an, mal bewahren sie davor. Wenn mir eine Freundin ein Kompliment für meinen Lipgloss macht, verrate ich ihr, woher ich ihn habe. Nun bin ich aber auch kein Promi, ein Lipgloss kein Facelift, und meine Freund:innen nicht meine parasoziale Gefolgschaft.
Das Gute daran, kein Promi zu sein, ist kein Promi zu sein. Ohne Superreiche übermäßig bemitleiden zu wollen: Die Körper von Menschen des öffentlichen Lebens, besonders weibliche, stehen unter extremer Beobachtung und unter einem Optimierungsdruck, wie man ihn sich als Normalo kaum vorstellen kann. Zugleich wiegen die Worte und Taten bekannter Menschen schwer, haben gesellschaftliche Auswirkung. Das macht auch Versuche der Anpassung an Schönheitsideale sowie Widerständigkeit demgegenüber umso wirkmächtiger.
Ja, auch Promis mögen Akne haben und sich an ihren Lippen stören – so sehr, dass sie sich einer Filler-Behandlung unterziehen. Doch ihr Leben findet unter völlig anderen Vorzeichen statt, im Guten wie im Schlechten. Es hilft, sich das gelegentlich zu vergegenwärtigen. Also, Memo auch an mich selbst: Nachmachen muss man ihnen echt nicht alles.
Text: Franziska Setare Koohestani
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Redaktion: Sophie Aschenbrenner
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke
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Digitales Storytelling: Sophie Aschenbrenner
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