Sind unsere Zeiten wirklich so irre, wie viele Menschen glauben? Ja, sagt der Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz im Interview. Und: Friedrich Merz mache durchaus einiges richtig.
03.10.2026 · 18:08 Uhr
Der Theologe, Psychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor Manfred Lütz (Archivbild).
Foto: Amanda BerensInterview | Düsseldorf · Sind unsere Zeiten wirklich so irre, wie viele Menschen glauben? Ja, sagt der Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz im Interview. Und: Friedrich Merz mache durchaus einiges richtig.
In Ihrem neuen Buch wagen Sie psychologische Lichtblicke in irren Zeiten. Wie irre sind denn diese Zeiten überhaupt? Oder reden wir uns das manchmal auch ein?
Lütz Na ja, wir leben tatsächlich in irren Zeiten. Wobei ich den Eindruck habe, dass das sogenannte politische Berlin immer noch ein bisschen so diskutiert wie in alten Zeiten. Dabei ist die Situation heute viel gefährlicher als sogar bei der Kubakrise. Damals hat es in Moskau immerhin noch ein Politbüro gegeben, das Chruschtschow mitkontrollierte. Jetzt kontrolliert Putin niemand. Aber auch der amerikanische Präsident Trump war in der ersten Präsidentschaft noch ein bisschen korrigierbar durch das Umfeld. Die psychischen Merkwürdigkeiten der Herrscher der Welt sind sehr viel ausgeprägter als früher. Wie auch die innenpolitische Situation: Die AfD ist die gefährlichste rechtsradikale Partei Europas, aber um AfD-Wähler, die ja nicht alle rechtsradikal sind, für die demokratischen Parteien zurückzugewinnen, bräuchte es viel mehr psychologisches Fingerspitzengefühl. Darum scheint sich aber keiner zu kümmern, und in Talkshows sitzen Diplomaten, deren Erfahrung mit zivilisierten Präsidenten herzlich wenig beim Umgang mit jemandem nutzen wie Donald Trump.
Aber hantieren wir nicht doch zu leichtfertig mit dem Begriff Irrsinn, um Menschen und aktuelle Situationen zu verstehen?
Lütz Früher wurden wir Psychiater Irrenärzte genannt und das klang gar nicht so diskriminierend, wie es heute natürlich klingt. Irre ist heute ein schillerndes Wort; man sagt ja auch zum Beispiel: irre gut. In meinem Buch versuche ich, die wichtigsten psychischen Krankheiten allgemein verständlich darzustellen und dass sich diese Krankheiten mit modernen Psychotherapiemethoden gut behandeln lassen. Andererseits schildere ich, wie diese faszinierenden Methoden nicht nur für das alltägliche Leben auch jedes gesunden einzelnen, sondern ebenso für die Politik genutzt werden können: etwa mit Paul Watzlawick nicht bloß immer nur auf Probleme und Defizite zu starren, sondern Chancen und Lösungen in den Blick zu nehmen.
Was sagen Sie denn Menschen, die sich gerade darin überbieten, in Friedrich Merz den schlechtesten Kanzler seit Bestehen der Bundesrepublik auszumachen?
Lütz Dieser negative Blick auf Merz ist im Grunde etwas kindlich, so ähnlich wie ein umgekehrter Weihnachtsmann. Das Kind denkt, der Weihnachtsmann macht alles gut. Und Merz ist jetzt der, der die Ursache für alles Schlimme sein soll. Aber wenn man das jetzt mal ganz nüchtern und realistisch sieht, ohne Merz gleich zu verteidigen: Die deutsche Wirtschaft war nach dem Zweiten Weltkrieg wohl noch nie so abhängig von der internationalen politischen Situation wie momentan. Was immer die Bundesregierung macht, kann sie an der Situation in der Straße von Hormus nichts ändern. Merz kann weder die Bundeswehr dort hinschicken, noch kann er etwas an der aggressiven Wirtschaftspolitik Chinas ändern – und erst recht nicht an der völlig unkalkulierbaren Zollpolitik von Donald Trump.
Ist die Kritik an Kanzler Merz damit in manchen Punkten grundlos?
Lütz Natürlich hat er auch Fehler gemacht, etwa in der Kommunikation, das sagt er ja auch selber. Aber mir scheint, dass all dies auch ein bisschen von den wirklichen Problemen ablenkt.
Ist das Gefühl, dass alles in der Welt nur noch Irrsinn ist, dann auch ein Mittel, uns die Wirklichkeit vom Hals zu halten?
Lütz Absolut. Im Grunde ist die Ferndiagnose, Trump habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung eine Verharmlosung des Problems. Man hat da eine Schublade, mit der man die Illusion vermittelt, man habe das gefährliche Phänomen Trump damit wenigstens begrifflich im Griff – und dann könnte ja vielleicht sogar eine Therapie helfen. Doch das ist im Grunde ratlose Selbstberuhigung. Es ist absurd, einen Menschen, der zweimal erfolgreich Präsidentschaftswahlen in der wichtigsten Demokratie der Welt gewonnen hat, gestört zu nennen. Sicherlich hat er Eigenschaften, die an eine narzisstische Persönlichkeitsstörung erinnern wie Neid und Rachsucht. Darauf muss man sich psychologisch geschickt einstellen, um politische Probleme zu vermeiden.
Wie sollte man dann mit so einem Menschen auch aus Sicht des Psychiaters umgehen?
Lütz Realistisch. Die regelbasierte Ordnung, die wir gewöhnt sind und die solche Leute begrenzt hat, ist historisch gesehen eher die Ausnahme. Regelbasierte Ordnungen gab es vor allem nach großen Kriegen: nach den Napoleonischen Kriegen die Heilige Allianz, nach dem Ersten Weltkrieg den Völkerbund, nach dem Zweiten Weltkrieg die UNO. Offensichtlich ist der Menschheit nach solchen furchtbaren Kriegen ein Schrecken in die Glieder gefahren und hat als Reaktion darauf versucht, den Frieden durch all diese Ordnungen zu sichern. Das aber scheint jetzt wieder vorbei zu sein. Es scheint offensichtlich wieder das Recht des Stärkeren zu herrschen wie zuletzt im achtzehnten Jahrhundert. Für den brutalen Überfall auf die Pfalz, der Tausende Zivilisten das Leben kostete, hatte König Ludwig XIV. exakt dieselben völkerrechtswidrigen Gründe wie Putin für seinen Überfall der Ukraine.
Und das hat auch wieder einen neuen Typus Politiker geschaffen?
Lütz Noch vor 20 Jahren reiste ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin mit einer detaillierten Agenda nach Washington, die dann mit dem amerikanischen Präsidenten besprochen wurde. Das hat man abgearbeitet und anschließend zu Abend gegessen. Heute hat der Bundeskanzler keine Ahnung, welchen Trump er treffen wird und wie der gerade drauf ist. Aber auch das ist nicht so neu, dass die Launen der Herrscher die Schicksale der Welt bestimmen.
Aber wie sollte man angemessen darauf reagieren?
Lütz In meinem Buch habe ich ein paar psychologische Einsichten geschildert, die da hilfreich sein könnten. Man sollte vor allem nicht dauernd darüber jammern und klagen und hoffen, dass es bald besser wird. Und übrigens: Friedrich Merz macht es im Umgang mit Trump gar nicht so schlecht.
Zu den Menschen, die Merz pauschal kritisieren, gehören auch die Wähler der AfD. Wie ticken sie nach Ihrer Einschätzung?
Lütz Vor allem ticken sie normal. Seit etwa zehn Jahren werden AfD-Wähler auch in den Medien pathologisiert. Als hätten sie alle so eine DDR-Störung, seien frustriert usw.. Aber mehr als 43 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt können nicht alle gestört sein. Darum finde ich es wichtig, dass die demokratischen Parteien sich endlich darum bemühen, AfD-Wähler wieder zurückzugewinnen, indem man sie da, wo sie vernünftige Anliegen haben, ernst nimmt und sie nicht behandelt wie bockige Kinder oder Verrückte.
Es sind gewissermaßen Wähler hinter der Brandmauer …
Lütz … wobei kein Mensch weiß, was das eigentlich ist. Das Bild ist unmöglich. Sollen sich jetzt die armen AfD-Wähler auf den Weg begeben, über eine Mauer zu klettern, damit sie wieder in der politischen Mitte landen? Außerdem ist eine Mauer doch ein wirklich schlechtes Bild gerade für Menschen, die im „Mauerstaat DDR“ groß geworden sind. Dass man keine Zusammenarbeit mit einer so schlimmen Partei erwägt, finde ich richtig. Aber gegenüber den Wählern kann‘s doch keine Brandmauer geben! Da muss man sich bemühen zu verstehen, dass es zum Beispiel Menschen gibt, die sich in ihrer eigenen Stadt nicht mehr zu Hause fühlen, weil sie da überall ausländisch aussehende Menschen sehen, die kein Deutsch sprechen. Das ist ja noch nicht rechtsradikal. Aber wer das artikuliert, gilt ja sehr schnell schon als Rassist und Rechtsextremist. Eine Partei wie die Union hätte da eine wichtige Aufgabe. Wer denn sonst.
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