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Vor dreissig Jahren eroberten die Taliban erstmals Kabul: Die Parallelen zur Gegenwart sind verblüffend

Дата публикации: 25-09-2026 03:30:00

Am 26. September 1996 marschierten die Koranschüler das erste Mal in der afghanischen Hauptstadt ein. Schon damals sorgte ihre frauenfeindliche Politik dafür, dass ihr Regime zum Paria in der Welt wurde.

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Vor dreissig Jahren eroberten die Taliban erstmals Kabul: Die Parallelen zur Gegenwart sind verblüffend

Am 26. September 1996 marschierten die Koranschüler das erste Mal in der afghanischen Hauptstadt ein. Schon damals sorgte ihre frauenfeindliche Politik dafür, dass ihr Regime zum Paria in der Welt wurde.

25.09.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Ein Panzer der Taliban steht im September 1996 am Tag nach der Einnahme der afghanischen Hauptstadt Kabul vor dem Präsidentenpalast.

Ein Panzer der Taliban steht im September 1996 am Tag nach der Einnahme der afghanischen Hauptstadt Kabul vor dem Präsidentenpalast.

B. K. Bangash / AP

Anderthalb Jahre hatten die Taliban Kabul belagert, doch dann ging alles ganz schnell: In einer Blitzoffensive eroberte die islamistische Miliz im September 1996 erst die östliche Stadt Jalalabad, dann schlug sie vor Kabul die Regierungstruppen in die Flucht. Die Verteidiger der Stadt unter Ahmad Shah Masud waren von dem raschen Vorstoss überrascht. Der erfahrene Kommandant sah keine andere Option, als sich kampflos zurückzuziehen. Am 26. September 1996 rückten die Koranschüler in der Hauptstadt ein. Nur zwei Jahre nach ihrer Gründung kontrollierten sie das politische und wirtschaftliche Zentrum Afghanistans.

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Wofür die neuen Herrscher standen, machten sie gleich klar: Noch in derselben Nacht drangen sie in die Wohnung von Najibullah ein, dem letzten kommunistischen Präsidenten, der das Land von 1986 bis 1992 regiert hatte. Der 49-Jährige lebte in einer Diplomatensiedlung unter dem Schutz der Uno. Die Taliban quälten und verstümmelten ihn, bevor sie ihn erschossen. Seine Leiche hängten sie vor dem Präsidentenpalast auf, zur Abschreckung aller Einwohner der Stadt.

Der Mord sorgte in Kabul für Entsetzen und im Ausland für Empörung. Doch er war nur der Anfang. Künftig würden Dieben die Hände abgehackt, und Ehebrecher würden gesteinigt, verkündeten die Taliban. Die Mädchenschulen wurden geschlossen und die Frauen angewiesen, sich komplett zu verhüllen. Zu arbeiten war ihnen fortan untersagt. Damit verloren das Bildungs- und das Gesundheitswesen von einem Tag auf den anderen einen Grossteil ihrer Mitarbeiterinnen.

Dreissig Jahre später fällt auf, wie wenig sich die Taliban verändert haben. Nach ihrer Machtergreifung 2021 haben sie die Frauen erneut aus der Öffentlichkeit verbannt, den Mädchen den Zugang zur Bildung verwehrt und die Arbeit der Hilfsorganisationen eingeschränkt. Ihr Regime ist international fast völlig isoliert, doch ihr Führer Mullah Haibatullah Akhundzada gibt sich kompromisslos. Wie sein Vorgänger, Mullah Mohammed Omar, lebt er zurückgezogen in Kandahar.

Am 15. August 2021 fällt Kabul nach der Flucht von Präsident Ashraf Ghani erneut an die Taliban, die noch am selben Tag den Präsidentenpalast übernehmen.

Am 15. August 2021 fällt Kabul nach der Flucht von Präsident Ashraf Ghani erneut an die Taliban, die noch am selben Tag den Präsidentenpalast übernehmen.

Zabi Karimi / AP

1996 stand Afghanistan vor dem Zerfall

Der damals 35-jährige Omar hatte die Taliban 1994 in der südlichen Provinz Kandahar mit einer Gruppe anderer früherer Mujahedin-Kämpfer gegründet. Das Land befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand von Chaos, Gewalt und Verfall. Nach dem Abzug der Roten Armee im Februar 1989 hatte sich eine prosowjetische Regierung unter Präsident Najibullah noch einige Jahre an der Macht halten können. Doch im April 1992 war sein kommunistisches Regime von einer Koalition aus Mujahedin gestürzt worden.

Während der sowjetischen Besetzung hatten Pakistan, Saudiarabien und die USA die Mujahedin-Parteien mit Geld und Waffen versorgt. Nach dem Sturz von Najibullah verloren die USA das Interesse an Afghanistan und stellten die Unterstützung ein. Die Mujahedin einigten sich zunächst auf eine Machtteilung: Burhanuddin Rabbani von der Partei Jamiat-e Islami wurde Präsident, während sein langjähriger Rivale Gulbuddin Hekmatyar von der Hezb-e Islami Regierungschef wurde.

Doch die Übergangsregierung zerbrach rasch im Streit, und das Land glitt in einen brutalen Bürgerkrieg ab. Die Fronten verliefen dabei zwischen den Volksgruppen der Paschtunen, Tadschiken, Usbeken und der schiitischen Hazara, deren Milizen sich in wechselnden Bündnissen bekriegten. Während sich Hekmatyar mit Rabbanis Militärchef Masud einen gnadenlosen Kampf um Kabul lieferte, der grosse Teile der Stadt in Trümmer legte, zerfiel das Land in verfeindete Fürstentümer.

Im Westen herrschte der Mujahedin-Führer Ismail Khan über Herat und die angrenzenden Provinzen, im Norden kontrollierte der frühere kommunistische General Abdul Rashid Dostom die Regionalmetropole Mazar-e Sharif, und um Jalalabad im Osten übernahm eine Shura (Rat) aus paschtunischen Milizführern die Macht. Das paschtunische Kernland im Süden schliesslich wurde von einer Vielzahl von früheren Mujahedin und kriminellen Banden terrorisiert.

Der Vorstoss der Taliban auf Kabul zwingt im September 1996 Tausende Zivilisten zur Flucht aus der Stadt, viele suchen Schutz jenseits der Grenze in Pakistan.

Der Vorstoss der Taliban auf Kabul zwingt im September 1996 Tausende Zivilisten zur Flucht aus der Stadt, viele suchen Schutz jenseits der Grenze in Pakistan.

AP

Die Taliban traten an, um die Ordnung wiederherzustellen

Diese Banden errichteten entlang der Landstrassen um Kandahar Strassensperren, um von den durchfahrenden Lastwagen Wegzoll zu kassieren. Für die lokale Wirtschaft war diese Praxis verheerend. Auch Pakistan, das den Handel mit den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens durch Afghanistan ausbauen wollte, sah dies zunehmend als Problem. Die Taliban setzten sich zum Ziel, dieser Anarchie ein Ende zu setzen und die Ordnung wiederherzustellen.

«Die alte Führerschaft der Mujahedin hatte völlig versagt und uns keinen Frieden gebracht», sagte Mullah Mohammed Ghaus, der zu den Gründern der Taliban gehörte, dem Journalisten Ahmed Rashid, der später das Standardwerk zu den Taliban schreiben sollte. Omar selbst sagte zu seinen Beweggründen: «Wir griffen zu den Waffen, um das Ziel des afghanischen Jihad zu erreichen und unser Volk vor weiterem Leid aus den Händen der sogenannten Mujahedin zu bewahren.»

Der 1959 geborene Bauernsohn hatte während der sowjetischen Besetzung in einem Dorf bei Kandahar zunächst eine Koranschule (Medressa) betrieben. Wie viele junge Afghanen schloss er sich dann den Mujahedin an und kämpfte bis zum Sturz Najibullahs für verschiedene Gruppen, wobei er ein Auge verlor. Als er sah, wie das Land unter seinen früheren Kampfgenossen in Anarchie und Korruption versank, sah er es als seine religiöse Pflicht an, für die Wiederherstellung der Einheit und die Einhaltung des islamischen Rechts der Scharia zu sorgen.

Viele Taliban waren ohne Kontakt zu Frauen aufgewachsen

Ein Talib ist wörtlich ein nach Wissen Strebender. Der Name Taliban kam daher, dass die meisten Gründer Koranschüler waren, die eine Medressa besucht hatten. Auch der Grossteil der ersten Rekruten stammte aus den Koranschulen, die während der sowjetischen Besetzung in den Flüchtlingslagern im pakistanischen Grenzgebiet entstanden waren. Viele dieser jungen Männer waren Waisen, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten. Sie waren damit nicht eingebunden in die traditionellen Familien- und Stammesstrukturen. Auch waren sie weitgehend ohne Kontakt zu Müttern, Schwestern oder Cousinen aufgewachsen, was zum Teil ihre frauenfeindliche Haltung erklärt.

Zunächst gingen die Taliban gegen die Strassensperren an der Landstrasse vor, doch rasch fassten sie grössere Ziele ins Auge. Im November 1994 fiel die Provinzhauptstadt Kandahar in ihre Hände, und im Februar 1995 standen sie erstmals am Rande von Kabul. Zum Applaus der Bevölkerung durchbrachen sie die Belagerung durch die Truppen Hekmatyars, der die Stadt über Jahre mit Raketen beschossen hatte, und liessen einen Konvoi mit Lebensmitteln in die ausgehungerte Stadt.

Erstmals nahm die Welt Notiz von dieser Miliz, die im Sturm weite Teile des Landes erobert hatte. Die NZZ schrieb, der Erfolg dieser mysteriösen islamistischen Studentenbewegung zeige, «dass die Mujahedin den politischen Kredit eines zehnjährigen Befreiungskriegs in den zwei Jahren der Selbstzerfleischung vollständig verspielt haben». Nicht nur die kriegsmüde Bevölkerung begegne den Taliban mit Sympathie, auch viele Soldaten liefen auf die Seite über, «welche die Rettung der afghanischen Nation unter der Fahne des Islam verspricht».

Pakistan setzte auf die Taliban zur Befriedung des Landes

Dieser erste Angriff auf Kabul endete für die Taliban aber im blutigen Debakel, als Masuds kampferprobte Truppen sie aus der Stadt vertrieben. Auch ein Vorstoss der Taliban auf Ismail Khans Hochburg Herat scheiterte im März 1995 unter hohen Verlusten. Bald waren sie mit einer Gegenoffensive konfrontiert, die sogar ihre Hauptstadt Kandahar bedrohte. Ihr Image als Friedensbringer war damit dahin. Für viele Afghanen seien die Taliban fortan nur noch eine weitere Kriegspartei gewesen, schrieb Ahmed Rashid in seiner Geschichte der Taliban.

Schon früh wurde vermutet, dass die Taliban von Pakistan unterstützt würden. Das Nachbarland hatte lange die Hezb-e Islami von Hekmatyar favorisiert, doch hatte sich der islamistische Parteiführer als unfähig erwiesen, die Macht in Kabul zu halten oder für Stabilität zu sorgen. Die Regierung von Benazir Bhutto schwenkte daher um zu den Taliban, die bessere Chancen versprachen, Afghanistan zu befrieden und den Überlandhandel mit Zentralasien zu sichern.

Bhuttos Regierung stritt eine Unterstützung stets ab, doch liess sie zu, dass sich Tausende Afghanen aus den Koranschulen im Grenzgebiet den Taliban anschlossen. Von Anfang an gab es zudem Hinweise, dass der pakistanische Militärgeheimdienst ISI die Taliban mit Waffen belieferte und Ausbilder schickte. Manche vermuteten gar, dass der ISI an der Gründung beteiligt gewesen sei. Ohne seine Hilfe hätten die Taliban wohl tatsächlich nicht so schnell vorrücken können.

Der tadschikische Mujahedin-Führer Ahmad Shah Masud (rechts, mit seinem Freund und Berater Abdullah Abdullah) führte nach dem Fall von Kabul den Widerstand gegen die Taliban an.

Der tadschikische Mujahedin-Führer Ahmad Shah Masud (rechts, mit seinem Freund und Berater Abdullah Abdullah) führte nach dem Fall von Kabul den Widerstand gegen die Taliban an.

Patrick Robert / Sygma / Getty

Für die Koranschüler war Kabul ein Sündenpfuhl

Als die Taliban im September 1996 im zweiten Anlauf Kabul einnahmen, zeigte sich, wie sehr ihre strikte Auslegung der Scharia ausserhalb des paschtunischen Kernlands auf Ablehnung stiess. Die persischsprachigen Tadschiken, die schiitischen Hazara und die Usbeken waren liberaler als die durch archaische Stammesstrukturen geprägte paschtunische Landbevölkerung im Süden. In den Grossstädten Kabul, Herat und Mazar-e Sharif hatte sich zudem ein gebildetes, modernes Bürgertum entwickelt, in dem Frauen selbstverständlich studierten und arbeiteten.

Dies führte unweigerlich zum Konflikt, als die Taliban die Macht in Kabul übernahmen. In der 1,2-Millionen-Stadt waren Paschtunen in der Minderheit. Gleich zu Beginn wurden Frauen angewiesen, die Burka zu tragen, Männer mussten sich einen Bart stehen lassen. Fernseher, Videos und Kassetten wurden konfisziert, und Musik wurde aus dem Radio verbannt. Alkohol wurde genauso verboten wie Schachspiel, Drachenfliegen und das Fotografieren von Menschen.

Mullah Omar hatte sich im März 1996 in Kandahar zum Amir al-momenin, zum Befehlshaber aller Gläubigen, erklärt. Er weigerte sich, andere Gruppen in die Regierung einzubinden. Keiner der sechs Taliban, die er in die Shura in Kabul entsandte, hatte jemals in einer grossen Stadt gelebt. Die relativ liberale Hauptstadt war für sie ein Sündenpfuhl. Sie verstanden nicht, dass Kabul nicht wie ein Dorf geführt werden konnte. Auch hatten sie keine Erfahrung in der Verwaltung. Sie zeigten aber auch nur bedingt Interesse, eine eigene Regierung in Kabul aufzubauen. Geführt wurde das Land weiterhin von Omar aus Kandahar.

Auch nach der Einnahme von Kabul gingen die Kämpfe weiter

Für Afghanistan war die Einnahme von Kabul eine Zäsur, das Ende des Bürgerkriegs bedeutete sie aber nicht. Bereits damals war klar, dass sich der Norden den Taliban nicht kampflos ergeben würde. «Greifen sie den Norden an, werden sie auf den erbitterten Widerstand der dort siedelnden Tadschiken und Usbeken treffen», schrieb die NZZ am Tag nach dem Fall von Kabul. Ein Gegenschlag der geflüchteten Regierungstruppen sei ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Dies sollte sich als richtig erweisen. Angesichts der Bedrohung durch die Taliban schlossen die rivalisierenden Milizen Masuds, Dostoms und des Hazara-Führers Karim Khalili eine Allianz. Schon im Oktober 1996 startete Masud einen Gegenangriff und trieb die Taliban unter schweren Verlusten bis an den Rand von Kabul zurück. So ging es in den folgenden Jahren weiter: Einmal drangen die Taliban vor, dann wurden sie wieder zurückgeworfen. Beide Seiten verübten dabei brutale Massaker, die das Zusammenleben der Volksgruppen auf Jahre vergifteten.

Am Ende waren es aber nicht ihre afghanischen Feinde, die den Taliban zum Verhängnis wurden, sondern ihr Bündnis mit al-Kaida. Die Weigerung von Mullah Omar, nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 Usama bin Ladin an die USA auszuliefern, führte zur Intervention der Amerikaner. Am 13. November 2001 zog die Anti-Taliban-Allianz wieder in Kabul ein, während die Taliban über die Berge nach Pakistan flohen. Fünf Jahre nach der ersten Eroberung der Stadt schien die Herrschaft der Taliban zu Ende. Doch wer damals glaubte, dass die Koranschüler verschwinden würden, der irrte sich.

Dreissig Jahre nach der ersten Einnahme von Kabul haben die Taliban die afghanische Hauptstadt fest im Griff. Die Hoffnung, dass sie sich nach ihrem Sieg mässigen würden, hat sich nicht erfüllt.

Dreissig Jahre nach der ersten Einnahme von Kabul haben die Taliban die afghanische Hauptstadt fest im Griff. Die Hoffnung, dass sie sich nach ihrem Sieg mässigen würden, hat sich nicht erfüllt.

Elke Scholiers / Getty

8 Kommentare

Kurt Engel

26.09.2026

1 Empfehlung

Es gibt Staaten, die sollte man sich selbst überlassen. Keine Hilfe von Aussen. Wenn die was wollen, dann sollen die sich melden. Auch eine Absage muß möglich sein. Interessant doch, daß die beschimpften Staaten immer die sind, die es zu etwas gebracht haben, wo Kapitalismus herrscht, egal in welcher Form. Und fast immer sind es Demokratien.

Hartmut Kientz

25.09.2026

2 Empfehlungen

Ein klassischer Fall eines „ failed State“ , ähnlich wie Somalia und Haiti. Bezeichnend für die desolate Lage ist dass niemand sich noch wirklich für dieses Land interessiert weil alle gelernt haben dass man dort nur verlieren kann. Wenn die Taliban mittlerweile relativ geräuschlos regieren liegt dies vermutlich auch daran dass die Mehrheit der Afghanen ihre Ansichten teilt. Nach Jahrzehnten des Krieges sind sie zudem Armut und Entbehrungen gewöhnt, sie kennen ja gar nichts anderes.

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