Unterrichtsausfall, marode Schulen, soziale Ungleichheit: In Frankreich machen Schüler seit Tagen ihrem Unmut Luft. Die Linkspartei La France insoumise unterstützt die Proteste – einer ihrer Bürgermeister findet sogar, Gewalt könne legitim sein.
Unterrichtsausfall, marode Schulen, soziale Ungleichheit: In Frankreich machen Schüler seit Tagen ihrem Unmut Luft. Die Linkspartei La France insoumise unterstützt die Proteste – einer ihrer Bürgermeister findet sogar, Gewalt könne legitim sein.
01.10.2026, 05.30 Uhr
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Vor dem Lycée Paul-Éluard im Pariser Vorort Saint-Denis knallen Feuerwerkskörper. Dicht gedrängt stehen die Jugendlichen auf einem gemauerten Podest. Ein Mädchen hält eine brennende bengalische Fackel über die Gruppe. Rotes Licht fällt auf ihre Gesichter. Immer wieder skandieren die Schülerinnen und Schüler: «Siamo tutti antifascisti» – «Wir sind alle Antifaschisten».
Es ist Mittwochmittag. Normalerweise hätten Wassib und Mamadou jetzt Unterricht. Doch seit drei Tagen beteiligen sich die beiden 16-Jährigen an den Blockadeaktionen vor ihrer weiterführenden Schule in Saint-Denis. Rund zweihundert Jugendliche haben sich heute versammelt. Einige sitzen auf Klappstühlen vor dem Metallzaun, andere feixen in kleinen Gruppen auf dem Gehweg. Vor dem Eingang stehen mehrere Bereitschaftspolizisten.
Ratten, Kakerlaken und SchimmelbefallWassib trägt ein Megafon mit der Aufschrift «Free Palestine». Er besucht die Première, das Schuljahr vor der Abschlussklasse, und berichtet von Ratten, Kakerlaken und schimmeligen Wänden, die es an seiner Schule gebe. «Nur weil wir minderjährig sind, heisst das noch lange nicht, dass wir nichts zu sagen haben.»
Sein Freund Mamadou steht neben ihm. Er spricht über Räume, in die Wasser eindringe. «Im Winter ist es sehr kalt, im Sommer sehr heiss», sagt er. Es fehle an Belüftung und an Stühlen. Die Toiletten seien schmutzig. Die einstündige Mittagspause reiche kaum aus, um sich vernünftig zu ernähren: Wer eine halbe Stunde entfernt wohne, könne nicht nach Hause fahren; wer in der Mensa esse, stehe zu lange in der Warteschlange. «Und dann ist das Essen auch noch ungeniessbar!»
Etwas abseits von den Jungen halten zwei Schülerinnen Pappschilder hoch. «Vergoldete Büros für euch, heruntergekommene Schulen für uns», steht auf dem einen. Auf dem anderen: «Ich habe bessere Chancen, einem Drachen zu begegnen, als eine Vertretung für einen fehlenden Lehrer zu bekommen.»
Mit ihren Klagen über Lehrermangel, marode Gebäude und schlechte Lernbedingungen stehen die Jugendlichen nicht allein da. Seit Tagen finden an Hunderten von Schulen in Frankreich Proteste statt. Begonnen hatten sie in der vergangenen Woche in einem Lycée im Département Val-de-Marne südöstlich von Paris. Spontan und friedlich blockierten die Schüler dort den Eingang ihres Lycées, weil wieder einmal der Unterricht ausfiel und kaum Aufsichtspersonal da war.
Kurz darauf erfassten die Proteste weitere Schulen im Grossraum Paris, später auch in Lille, Rennes, Lyon, Marseille und anderen Städten. Vielerorts bekamen die Jugendlichen auch Unterstützung von Lehrern, die ihre Sorgen über den Zustand des Schulsystems teilen. Am Dienstag streikten Beschäftigte des öffentlichen Dienstes im ganzen Land für höhere Gehälter. Einige Schüler schlossen sich ihren Demonstrationen an. Doch an den Lycées blieb es längst nicht überall friedlich.
«Wer eine Ohrfeige bekommt, reagiert darauf»Am Mittwoch waren nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez landesweit 356 Einrichtungen von Blockaden und anderen Störungen betroffen. 625 Personen seien festgenommen worden. Es herrsche ein «Klima inakzeptabler Gewalt, insbesondere gegen Polizeikräfte», berichtete Nuñez. Bereits am Tag zuvor hatte die Regierung 440 Festnahmen, überwiegend von Minderjährigen, und 31 Verletzte unter Schülern und Beschäftigten gemeldet. Ein Lehrer im Norden Frankreichs sei geschlagen, ein Schulleiter durch einen Feuerwerkskörper verletzt worden. Ein weiterer habe eine Todesdrohung erhalten, erklärte Bildungsminister Édouard Geffray.
— Édouard Geffray (@EdouardGeffray) September 29, 2026Aujourd’hui, au moins 10 personnels de l’Éducation nationale et plusieurs élèves ont été blessés, notamment par des tirs de mortier.
Les premiers sont des fonctionnaires, qui servent l'intérêt général et le service public. Les seconds sont des élèves que nous avons tous les…
Den Unterrichtsausfall räumte der Minister in einem Interview mit RTL selbst ein: Sieben Prozent der Stunden in Frankreich würden nicht erteilt. Zum Schuljahresbeginn fehlte an knapp zwei Dritteln der öffentlichen weiterführenden Schulen mindestens eine Lehrkraft. Diese Forderungen müssten gehört werden, so Geffray, die Gewalt aber müsse aufhören.
Vor dem Lycée Paul-Éluard eskalierte am Montag ebenfalls die Lage. Vermummte, die sich unter die Schüler gemischt hatten, griffen die Bereitschaftspolizei mit Steinen und Böllern an. Die Beamten setzten daraufhin Tränengas ein. Am Tag darauf erschien der Bürgermeister der Stadt, Bally Bagayoko, vor der Schule. Der Politiker der Linksaussenpartei La France insoumise (LFI) stellte sich zwischen die Polizisten und die Schüler und versicherte den Jugendlichen seine Unterstützung. «Gewalt kann legitim sein», sagte er.
Was der Bürgermeister damit meinte, war, sich gegen mutmassliche Polizeigewalt zu wehren. Wer eine Ohrfeige bekomme, reagiere darauf, erklärte Bagayoko. Zugleich schränkte er ein, Gewalt solle aber vermieden werden. Von den Schülern wurde er gefeiert. Sie trugen ihn vor dem Schultor auf den Schultern, riefen seinen Namen und sangen gemeinsam die Marseillaise mit ihm.
Auch der LFI-Frontmann Jean-Luc Mélenchon stellte sich hinter die Jugendlichen. Zum Auftakt einer Demonstration des öffentlichen Dienstes am Dienstag in Paris erklärte er, seine Partei sei stolz darauf, «unsere Kinder» gegen die «Barbarei der Polizei» zu verteidigen.

Raphael Lafargue / Abaca / Imago
Ausserhalb seiner Partei stiess Bagayoko auf scharfen Widerspruch. Der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure meldete der Staatsanwaltschaft den Verdacht, der Bürgermeister habe zu Straftaten aufgerufen. Valérie Pécresse, die konservative Präsidentin der Hauptstadtregion Île-de-France, bezeichnete LFI als «Brandstifter im Feuerwehrkostüm»: Die Partei heize die Proteste an und gebe sich zugleich als Vermittlerin. Für die Schäden am Lycée in Saint-Denis machte Pécresse Bagayoko mitverantwortlich. Ihm werde sie eine Rechnung über 100 000 Euro für den Ersatz des beschädigten Schultors sowie Bewachung und Reinigung schicken, kündigte sie an.
«Unsere Botschaft ist angekommen»Yasmina und Neila finden die Kritik an Bagayoko ungerecht. Die beiden 17-Jährigen besuchen die Abschlussklasse am Lycée Paul-Éluard und schwärmen vom Bürgermeister. Die Vorwürfe kämen ausgerechnet von Leuten, die ohnehin nichts für die «93» täten, sagen sie. Die Zahl ist die Verwaltungsnummer von Seine-Saint-Denis, dem Département nördlich von Paris, zu dem auch die Stadt Saint-Denis gehört.
Für viele Bewohner steht die «93» zugleich für einen Ruf, den sie nur schwer loswerden. Schon ihre Adresse schmälere ihre Chancen bei Bewerbungen um Jobs oder Ausbildungsplätze, sagt Yasmina. Ihr Protest richte sich deshalb auch gegen soziale Ungleichheit. Sie wollten unter denselben Bedingungen lernen wie Jugendliche an besser ausgestatteten Schulen im Zentrum von Paris. «Wir verlangen wirklich nur das absolute Minimum.»
Neila sagt, sie halte die Gewalt für nötig. Eine frühere Blockade an ihrer Schule habe kaum Beachtung gefunden. Seit aber Feuerwerkskörper gezündet würden, reagierten die Schulleitung und die Medien. «Erst wenn es knallt, hört man uns zu.»
Auch Wassib hält friedliche Demonstrationen für wirkungslos. Die Blockade habe dagegen erste Zusagen gebracht, berichtet er. Die Schüler bekämen einen zusätzlichen Aufenthaltsraum, und es würden neue Ventilatoren aufgestellt. «Ich denke, unsere Botschaft ist angekommen.» Wann er wieder im Unterricht sitzen werde, will er nicht sagen. Die Proteste sollen am Donnerstag weitergehen.

Raphael Lafargue Abaca / Imago
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