Die «Formel 1 des Segelns» zieht bei ihrem zweiten Besuch am Genfersee noch mehr Zuschauer an. Trotzdem will die Rennserie vorerst nicht wiederkommen – und der Kanton ist nicht unfroh darüber.
Die «Formel 1 des Segelns» zieht bei ihrem zweiten Besuch am Genfersee noch mehr Zuschauer an. Trotzdem will die Rennserie vorerst nicht wiederkommen – und der Kanton ist nicht unfroh darüber.
20.09.2026, 19.01 Uhr
4 Leseminuten

Cyril Zingaro / Keystone
«Powered by nature», heisst das Motto der Rennserie Sail GP, «angetrieben von der Natur». Doch wenn der Wind nicht will, geht beim Segeln naturgemäss wenig bis nichts. Das gilt auf dem Genfersee ganz besonders. Der Wind kann dort auch wegen der Alpen und der Jurakette hyperlokal sehr unterschiedlich sein. Vor allem kann er von einem Moment auf den anderen die Richtung ändern, stark zunehmen oder – der häufigste Fall – praktisch auf null abflauen.
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So gesehen hat der Sail GP, diese «Formel 1 des Segelns», Hobbyseglern am Wochenende eine gewisse Genugtuung beschert: Auch die weltbesten Profis sind aufgeschmissen, wenn der Wind nicht mitspielt. Ihre Hightech-Katamarane mögen rund 30 000 Datenpunkte pro Sekunde erzeugen und analysieren lassen – trotzdem verschätzen sie sich zuweilen, ob es nun näher an Land oder mitten auf dem See doch noch etwas Wind hat.
Dem zweiten Gastspiel des Sail GP in der Schweiz, wieder im Genfer Vorort Cologny, wohnte deshalb eine gewisse Tragikomik inne. Vor einem Monat noch hatte das französische Team einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Mit 107 Kilometern pro Stunde flog das Boot auf seinen Tragflügeln (Foils) über die deutsche Ostsee.
Katamarane können ihre Foils kaum nutzenAuf dem Genfersee hingegen schlichen die Katamarane zuweilen in Schrittgeschwindigkeit übers Wasser. Am Samstag und über weite Teile des Sonntags erreichten die Boote selten die nötige Geschwindigkeit von rund 30 Kilometern pro Stunde, um ihre Foils zu aktivieren und sich aus dem Wasser zu erheben.
So unberechenbar wie der Wind gerieten auch die Rennresultate. Das Heimteam Explora Journeys Swiss vermasselte seinen Start im ersten Rennen, als es am oberen Ende der Startlinie von den Italienern weggedrückt wurde. Die Crew rund um den dreifachen Olympiateilnehmer Sébastien Schneiter wurde punktloser Letzter – gewann aber das zweite Rennen souverän. Dem vorherigen Gewinner Kanada ging es fast umgekehrt, er wurde Vorletzter.
Dieses Auf und Ab sollte sich für die Schweizer über das Wochenende hinweg fortsetzen. Beim Sail GP werden die 13 Boote nach mehreren Kollisionen seit dieser Saison in zwei Gruppen aufgeteilt; die beiden jeweils besten Teams qualifizieren sich für den Viererfinal. Die Schweizer schienen nach einem dritten und einem fünften Platz in den weiteren Rennen bereits abgeschlagen. Doch dann fuhren sie im letzten Rennen allen davon – und zogen in den Final ein, wie schon im Vorjahr in Genf.
Den Schweizern bot sich somit im vierten Jahr ihrer Teilnahme erneut die Chance, erstmals überhaupt einen Grand Prix zu gewinnen. Die Story wäre perfekt gewesen: Sébastien Schneiter stammt aus Genf, er lernte in der Société Nautique das Segeln, nur wenige Hundert Meter vom Rennparcours entfernt. Und sowohl der neue Sponsor des Schweizer Teams – eine Tochter des Schifffahrtsunternehmens MSC – als auch der Hauptsponsor des Sail GP, Rolex, stammen ebenfalls aus Genf.
Die Schweizer starten schlecht in den FinalDoch es sollte wieder nicht sein. Wie schon beim ersten Rennen am Samstag verzockte sich die Schweiz beim Start. Dem Team misslang ein Wendemanöver, so dass es erst mit besorgniserregendem Abstand auf das Feld über die Startlinie kam. Während das Schweizer Boot erst mühsam auf Touren kam, zogen die anderen Finalisten Australien, Spanien und Dänemark scheinbar mühelos davon.
Die Spanier gewannen schliesslich nach einem exzellenten Überholmanöver vor den Australiern. Die Schweizer wurden abgeschlagene Vierte. Somit erhielten sie auch nichts von den 800 000 US-Dollar Preisgeld, die unter den ersten drei verteilt werden.
Eine solche Chance zum Triumph daheim werden die Schweizer vorerst nicht mehr haben: Kommendes Jahr kehrt der Sail GP nicht wieder nach Genf zurück. Die Veranstalter begründen das damit, dass sie regelmässig in allen Heimatländern der Teilnehmer gastieren wollen. 2027 geht der Sail GP nach Italien.
Wind und Verkehr führen zu FrustrationenWomöglich sprechen auch andere Gründe gegen Genf. Der erneute Windmangel hat nicht nur unter den Athleten für Frustration gesorgt. So beschwerten sich während der Youtube-Übertragung im Chat mehrere Zuschauer. Einer von ihnen schrieb, er werde das Rennen im Nachhinein in doppelter Geschwindigkeit im Replay anschauen.
Ein weiteres Argument gegen Genf wäre der logistische Aufwand und eine nötige Strassensperrung. Schon vor Wochen bauten Kräne im Genfer Quartier Eaux-Vives die Technikzone auf. Das Seeufer ist so eng, dass es auf Hunderten Metern Länge für das Publikum abgesperrt wurde und das eigentliche Rennen ein paar Kilometer seeaufwärts stattfand.
Dazu wurde der Uferboulevard, eine wichtige Verkehrsader in die Genfer Nobelvororte, übers Wochenende grossflächig gesperrt. Dagegen hat es wiederholt Beschwerden gegeben. Wie viele, sei unklar, sagt der beim Kanton Genf zuständige Projektleiter Henri Della Casa auf Anfrage. Denn die Beschwerden gingen bei unterschiedlichen Departementen, Gemeinden und der Polizei ein.
Della Casa betont, dass der Kanton glücklich sei über den Sail GP und die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern. Zugleich sagt er, dass eine Veranstaltung dieser Grösse natürlich Einschränkungen, etwa beim Verkehr, bedeute. «Da gilt es eine Balance zu wahren. In diesem Sinne ermöglicht das kommende Jahr ohne Sail GP in Genf ein gewisses Durchatmen.»
Es scheint jedoch keineswegs ausgeschlossen, dass der Wettbewerb danach wieder nach Genf kommt. Die Veranstalter zeigten sich vor den Medien erneut zufrieden mit dem einzigen Standort des Sail GP, der nicht am Meer liegt. Und die im Vergleich zum Vorjahr auf 6000 Plätze vergrösserte Tribüne war erneut voll.
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