Die Polin ist eine von wenigen Frauen, die lange Wände ungesichert begehen. Sie entdeckte die extremste Form des Kletterns spät – und warnt davor.
Die Polin ist eine von wenigen Frauen, die lange Wände ungesichert begehen. Sie entdeckte die extremste Form des Kletterns spät – und warnt davor.
17.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

PD
Aleksandra Taistra klettert entschlossen, sie hat jeden Griff verinnerlicht. Ihre Finger krallen sich in einer Furche fest, sie zieht sich hoch, stösst mit den Füssen ab. Weit unter ihr der sardinische Wald. Später wird sie erzählen, wie ihre Gedanken flüchtig auftauchen, wie sie im nächsten Moment vergisst, was eben war. Sie ist im Hyperfokus, denkt nur an die nächste Bewegung.
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Alles andere könnte tödlich sein: Eine falsche Bewegung, und sie stürzt in die Tiefe. Taistra klettert die 200 Meter hohe Wand ungesichert.
Die «dümmste» KönigsdisziplinIm Mai begeht die 44-jährige Polin auf Sardinien die Mehrseillängenroute «Alfredo Alfredo» am Monte Oddeu. Sie klettert sie free solo: ohne Seil, nur mit Händen und Füssen. Vier Stunden lang klammert sie sich an der Wand fest, bis sie oben ankommt. Eine Freundin – sie ist gesichert – filmt sie.
«Alfredo Alfredo» umfasst sechs Seillängen, die Schlüsselstelle der Route ist mit 7a bewertet. Für erfahrene Kletterer gut machbar. Doch vor ihr hat sie niemand ungesichert geklettert. Auch weltweit ragt Taistras Free Solo heraus. Es zählt zu den schwierigsten, die je von einer Frau geklettert worden sind.
Nur wenige Frauen erklimmen ungesichert hohe Wände. Die französische Kletterin Catherine Destivelle machte in den achtziger und neunziger Jahren mit spektakulären Free-Solo-Begehungen von sich reden, die Amerikanerin Steph Davis in den nuller Jahren. Zuletzt erklomm die Kalifornierin Brette Harrington in Patagonien ungesichert die 750 Meter lange Route «Chiaro di Luna», die technisch weniger anspruchsvoll ist als «Alfredo Alfredo». Das war 2015.
Deutlich länger und aktueller ist die Liste der Männer, die free solo klettern. Dazu zählen nebst dem Amerikaner Alex Honnold der Schweizer Dani Arnold, der Deutsche Alexander Huber oder der Franzose Alain Robert. Arnold sagte einmal: «Free Solo ist die Königsdisziplin des Kletterns. Aber es ist natürlich auch die dümmste, absolut gefährlichste Spielart.»
Taistra empfiehlt niemandem, ohne Seil Wände zu erklimmen: «Wer free solo klettern will, muss zwanzig bis dreissig Jahre trainieren, um nicht zu sterben.»
Die Wand als FreundinSie selbst klettert, seit sie achtzehn war. Erst seit zwei Jahren tut sie es gelegentlich free solo. Jede Begehung ist dabei ein Projekt für sich. Taistra sagt: «Die Route muss sich so sicher wie der Gang von der Küche zum WC anfühlen. Auf rutschfestem Boden.» Für Aussenstehende mag der Satz absurd klingen. Doch Taistra ist eine Extremsportlerin: Mit riesigem Aufwand versucht sie, die Risiken zu minimieren.
Monatelang machte sie sich mit der Wand in Sardinien vertraut. Sie kletterte sie mehrfach gesichert und studierte die Griffe und Bewegungsabläufe ein. Zur Vorbereitung auf ein Free Solo klettert sie häufig auch nachts, wenn nichts und niemand sie ablenkt – dabei sichert sie sich selbst.
Nicht nur das: Mehrmals fuhr sie mit dem Van und den beiden Hunden an den Wandfuss, übernachtete dort und beobachtete Sonnenstand, Wandtemperatur und Witterung. «Wenn ich mich so höre, denke ich: ‹O Gott, sie ist verrückt.› Aber so verbinde ich mich mit einem Ort und freunde mich mit ihm an.»
Immer wieder betont sie, dass sie weder traumatisiert noch depressiv sei. Sie fühle sich oft missverstanden, sagt sie, denn: «Ich liebe mein Leben.» Ihr Therapeut habe sie zu Beginn einmal gefragt, warum sie bei seilfreien Klettertouren ihr Leben riskiere. Daraufhin zeigte sie ihm ein Video von sich beim Klettern und sagte: «Free Solo lehrt mich, wie man richtig lebt.»
Mit «richtig leben» meint Taistra, gut zu sich selbst zu sein. In der Vorbereitung auf ein Free Solo geht sie achtsam mit sich um, setzt ihrem Umfeld Grenzen und hört auf ihre innere Stimme. Fühlt sie sich vor einem Free Solo nicht gut, verzichtet sie und kehrt um. Am Felsen bleibt sie ruhig. Sie lebt im Hier und Jetzt, ist von niemandem abhängig ausser von sich selbst.
Manchmal frage sie sich, warum ihr das am Boden nicht immer gelinge: «Warum fühle ich mich dort oft nicht so grossartig? Warum sage ich nicht Nein zu Leuten, die mich nach Mitternacht nerven und anrufen? Warum bin ich nicht immer gut zu mir selbst?»
Vom Sportklettern zum Free SoloEinst zählte Aleksandra Taistra zu den besten Sportkletterinnen der Welt: Sie meisterte als vierte Frau eine Route im Schwierigkeitsgrad 8c+. Die Route führte auf einen 24 Meter hohen Felsen. Damals konnte sie sich weder vorstellen, hohe Wände zu erklimmen, noch sie free solo zu klettern. Bis sie den Schweizer Alpinisten Roger Schäli traf.
Schäli fragte Taistra in Spanien, ob sie Mehrseillängen ausprobieren wolle. Taistra wusste nicht einmal, was das ist. Sie kletterte bis dahin nur eine Seillänge. Er nahm sie mit nach Sardinien. Sie fuhren in eine Schlucht, wo er auf eine 400 Meter hohe Wand zeigte. Taistra glaubte nicht, dass man dort hinaufklettern kann. Sie tat es trotzdem.
Nach vier Klettertagen hatte sie sich ins Mehrseillängenklettern verliebt. Mit den höheren Wänden weitete sich ihr Horizont. Sie beschloss, ihren Träumen zu folgen, Polen zu verlassen. Seitdem lebt sie dort, wo ihr Kletterprojekt sie hinführt. Seit vier Jahren ist das Sardinien. Hier arbeitet sie als Kletterlehrerin und Physiotherapeutin.

PD
Taistra entwickelte sich von der Wettkampf- zur Extremkletterin. Zunächst reizten sie besonders technisch anspruchsvolle Mehrseillängen im alpinen Stil, bei denen die Bohrhaken weit auseinander liegen. Entsprechend heftig können Stürze sein, an manchen Stellen sogar lebensgefährlich. Taistra suchte nach einem Weg, die Angst so weit über dem Boden zu kontrollieren. So kam sie auf die Idee, zur Vorbereitung free solo zu klettern.
Im Juli 2024 kletterte sie zum ersten Mal ohne Seil: «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht nervös war.» Zugleich war da dieses Gefühl: so neu und so intensiv. Die Free Solos wurden rasch mehr als ein Training. Zwar absolviert sie weiterhin Mehrseillängen, mittlerweile aber konzentriert sie sich auf die seillosen Begehungen. Sie empfindet diese heute als «freundlicher» und «friedlicher».
Der Weg zurück auf den BodenNach einem Free Solo fällt es ihr schwer, zurück in den Alltag zu finden. Sie sagt: «Ich gehe auf den Boden, schaue nach links und rechts und mag die Welt nicht.» Sie fühlt sich entfremdet von der Gesellschaft, versteht den «Blödsinn auf dem Boden» wie teure Markenkleidung nicht. Zu intensiv hat sie einen einfachen Moment erlebt.
Oft werde sie gefragt, ob Free-Solo-Klettern süchtig mache. In gewisser Weise ja, sagt Taistra: «Das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben und sich grossartig zu fühlen, ist so schön. Man will es festhalten und sucht nach spannenderen und riskanteren Projekten.» Wie diese Suche enden kann, zeigt die Geschichte des Free Solo. Bekannte Kletterer stürzten ab: unter ihnen der Amerikaner John Bachar, der Brite Derek Hersey und der Deutsche Martin Feistl.
Um nicht in ein «schwarzes Loch» zu springen, redet Taistra mit ihrem Therapeuten über das Free-Solo-Klettern. Sie versucht, das Gute daran in den Alltag mitzunehmen, es als sportliche Herausforderung zu betrachten. Sie sagt: «Ich behandle es wie das Lesen eines Buches. Diese Seite, bumm! Die nächste Seite ist das normale Leben.»
Für den Herbst plant sie auf Sardinien zwei weitere Free-Solo-Begehungen, die anspruchsvoller sind als die Route im Mai. Mit ihnen würde sie sich endgültig als neue herausragende Figur im weiblichen Free Solo etablieren. Das beeindruckt Aleksandra Taistra jedoch kaum. «Das Schönste am Free Solo ist, dass es kein Wettbewerb ist», sagt sie.
Wäre es einer, fügt sie hinzu, sässe sie vielleicht nicht mehr hier.