Gefälschte Signaturen, manipulierte Provenienzen und ganze Produktionsketten: Der Kunsthistoriker Professor Henry Keazor zeigt in der Städtischen Galerie, wie Fälschungen glaubwürdig werden und mit welchen Methoden sie sich entlarven lassen.
Neunkirchen · Gefälschte Signaturen, manipulierte Provenienzen und ganze Produktionsketten: Der Kunsthistoriker Professor Henry Keazor zeigt in der Städtischen Galerie, wie Fälschungen glaubwürdig werden und mit welchen Methoden sie sich entlarven lassen.
28.09.2026 , 07:00 Uhr
Professor Dr. Henry Keazor erklärt in der Städtischen Galerie Neunkirchen, wie Kunstfälschungen entstehen und mit welchen Methoden sie sich erkennen lassen.
Foto: Stefan LautenschlägerRichard, Judy und Matthew Perlman glaubten, mehrere Werke von Andy Warhol gekauft zu haben. Erst als sie die Bilder weiterverkaufen wollten, kamen Zweifel an deren Echtheit auf. Die Familie klagte gegen mehrere Beteiligte, die ihr die Werke verkauft hatten, darunter einen Galeristen und einen Händler. Doch bei der Täuschung ging es nicht nur um die Bilder: Auch Stempel und Dokumente waren gefälscht. Diesen Fall nutzt der Kunsthistoriker Henry Keazor am Freitagabend in der Städtischen Galerie Neunkirchen als Aufhänger für seinen Vortrag „Kunstfälscher! – Zwischen Expertise und Irrtum. Strategien und Entlarvung gefälschter Kunst“. Anhand des Falls erläutert er, wie mehrere Elemente dazu beitragen können, eine Fälschung glaubwürdig erscheinen zu lassen.
„Die Echtheit dieser Kunstfälschung wird durch die Kette hergestellt“, sagt Keazor. Händler, angebliche Expertisen und Provenienzdokumente könnten gemeinsam eine „Infrastruktur der Glaubwürdigkeit“ erzeugen. Im Warhol-Fall habe es sogar einen Hinweis gegeben, der sich vorab hätte überprüfen lassen: „Andy Warhol hat in verschiedenen Zeiträumen verschieden signiert.“ Nicht nur das Bild selbst könne also gefälscht werden, sondern auch die Dokumente und Angaben, die seine Echtheit belegen sollen. Wie eine solche Täuschung auffliegen kann, zeigt laut Keazor der Fall des britischen Fälschers Shaun Greenhalgh. Seine Eltern hätten gegenüber Händlern ältere, leicht verwirrte Menschen gespielt, die die Kunstwerke angeblich gefunden hätten. Entlarvt worden sei eine seiner Arbeiten durch einen Rechtschreibfehler in einem Teilrelief.
Für die Entlarvung von Kunstfälschungen gebe es deshalb nicht die eine Methode. Provenienzforschung könne Hinweise liefern, sei aber nicht immer zuverlässig. Hinzu kämen chemische und physikalische Untersuchungen sowie die stilistische Analyse eines Werks. Selbst Rechtschreibfehler könnten dabei Spuren sein. „Vermittlung von Wissen ist eine Methode gegen Kunstfälschung“, sagt Keazor. Schon ein internationaler Museumsverband habe sich im 19. Jahrhundert mit der Bekämpfung von Fälschungen beschäftigt. Seine Hinweise auf problematische Werke seien allerdings nicht öffentlich verbreitet worden, weil Fälscher sich daran hätten orientieren können. Die Aufklärung über Fälschungen habe der Verband dennoch als wichtiges Mittel betrieben. Auch moderne Technik biete laut Keazor keine einfache Lösung. Künstliche Intelligenz könne bei der Fälschungserkennung künftig hilfreich sein, sei derzeit aber noch fehleranfällig. Für ihr Training benötige sie Werkkataloge – in denen wiederum unerkannte Fälschungen enthalten sein könnten. Bei Druckgrafiken stoße sie zudem an Grenzen. „Man muss nach Genre und Technik differenzieren“, sagt Keazor.
Die Schwierigkeit beginne für Keazor bereits bei der Frage, was überhaupt als Fälschung gelte. Zwischen Original, eigenhändiger Replik, Kopie, Pastiche, Stilnachahmung und Fälschung gebe es Unterschiede. Auch der Begriff des Originals habe sich historisch verändert: „Das Original ist kulturell und zeitlich verschieden definiert.“ Bei einer tatsächlichen Fälschung könne etwa eine fremde Signatur hinzugefügt werden. Der Fälscher Han van Meegeren habe seine vermeintlichen Vermeer-Gemälde unter anderem mit Bakelit behandelt, damit die Farbe schneller trockne. Mit Terpentin und Schmutz könne sich zudem der Eindruck jahrhundertealten Staubs erzeugen lassen. Eine Fälschung könne aber auch dort entstehen, wo das Werk selbst unverändert bleibe – etwa durch gefälschte Dokumente.
Für Liane Wilhelmus, Leiterin der Städtischen Galerie, ist das Thema auch für das eigene Haus relevant. Die Galerie zeige zeitgenössische Kunst, zugleich würden Werke zeitgenössischer Künstler gefälscht. Bei der Entlarvung müssten Kunstgeschichte, Restaurierung und Naturwissenschaften ineinandergreifen. Die Besucher könnten nach dem Vortrag genauer auf Signaturen achten und sich fragen, was einen Künstler und sein Werk ausmache, so Wilhelmus.
Für Keazor reagieren Fälschungen auf das Wissen und den Geschmack ihrer Zeit. „Fälschungen sind auch Zeitbomben“, sagt er. Was lange als überzeugend gelte, könne durch neue Erkenntnisse auffliegen – und was lange übersehen worden sei, könne dadurch wieder zum Thema werden. (pra/sara)
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