Was passiert, wenn nicht mehr nur die Kamera, sondern auch das Smartphone selbst zum dokumentarischen Instrument wird?
Was passiert, wenn nicht mehr nur die Kamera, sondern auch das Smartphone selbst zum dokumentarischen Instrument wird? Für „Social Studies“ begleitete Lauren Greenfield 30 Jugendliche aus Los Angeles über Monate hinweg und erhielt Zugang zu ihren digitalen Lebenswelten. Mehr als 150 Drehtage und über 2.000 Stunden Screen-Recordings bilden das Material für ein Projekt über Identität, Selbstinszenierung, Gruppendruck und die Macht sozialer Plattformen. Vom 26. September 2026 bis 12. Januar 2027 ist „Social Studies“ bei Fotografiska Berlin zu sehen.
Lauren Greenfield beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit amerikanischer Jugend-, Konsum- und Medienkultur. Arbeiten wie „Fast Forward“, „Girl Culture“ oder „THIN“ entstanden noch vor der Allgegenwart des Smartphones. „Social Studies“ setzt diese Langzeitbeobachtung fort – unter veränderten Bedingungen.
Denn diesmal entsteht ein wesentlicher Teil des Materials direkt aus den Geräten der Jugendlichen selbst. Greenfield fotografiert nicht nur ihr Leben, sondern untersucht auch jene parallele Wirklichkeit, in der Chats, Feeds, Bilder, Likes, Schönheitsideale und Algorithmen zunehmend darüber mitentscheiden, wie junge Menschen sich selbst und andere wahrnehmen.
Das Handy als Zugang zur privaten Bildwelt
Für das Projekt stellten 30 Jugendliche aus zehn öffentlichen und privaten Schulen in Los Angeles Greenfield ihre Smartphones zur Verfügung. Die fotografischen und filmischen Aufnahmen entstanden zwischen 2021 und 2023, mit besonderem Fokus auf das Schuljahr 2021/22 – also unmittelbar nach den COVID-Lockdowns, als Bildschirmzeit und Social-Media-Nutzung für viele Jugendliche noch einmal erheblich an Bedeutung gewonnen hatten.
Der Ansatz verschiebt die klassische dokumentarische Distanz. Greenfield beobachtet nicht nur von außen, sondern erhält Einblick in Inhalte, die Eltern oder Lehrer häufig nie sehen: private Nachrichten, Posts, Bilder und die permanente Selbstbeobachtung innerhalb sozialer Netzwerke.
Die daraus entstehenden Geschichten behandeln Mobbing, Schönheitsideale, Rassismus, Sexualität, Neid, Zugehörigkeit und Entscheidungen, die in einer Lebensphase getroffen werden, in der Identität ohnehin noch im Entstehen begriffen ist.
Vom Screen in den Ausstellungsraum
„Social Studies“ erschien ursprünglich als fünfteilige Dokumentarserie für FX und Disney+. Für Fotografiska wird das Material nun auf rund 5.000 Quadratmetern in eine begehbare Ausstellung übersetzt.
Die räumliche Umsetzung ist dabei mehr als reine Vergrößerung. Private Posts werden zu großformatigen Fotowänden, ein nachgebautes Jugendzimmer verbindet physischen Rückzugsraum mit digitalen Feeds, und in einem sogenannten Algorithmus-Raum können Besucher nachvollziehen, wie schnell die Perspektive eines fremden Feeds zur eigenen Wahrnehmungsumgebung wird. Ein eigener Screening-Raum zeigt zusätzlich alle fünf Teile der Dokumentation.
Damit verlangsamt die Ausstellung genau das, was soziale Medien beschleunigen. Aus dem flüchtigen Scrollen wird Betrachtung, aus dem privaten Smartphone-Bild ein öffentliches Dokument.
Fotografie unter neuen Bedingungen
Für die Fotografie ist „Social Studies“ auch deshalb interessant, weil die Arbeit eine zentrale Verschiebung sichtbar macht: Bilder sind längst nicht mehr nur Ergebnis fotografischer Beobachtung. Sie sind selbst Teil des sozialen Geschehens.
Selfies, Posts, Screenshots und algorithmisch kuratierte Bildwelten prägen Verhalten, Körperbilder und soziale Beziehungen. Die Kamera dokumentiert diese Prozesse nicht mehr von außen; sie ist in ihnen enthalten.
Greenfields Projekt bewegt sich deshalb zwischen Fotografie, Film, visueller Anthropologie und digitalem Archiv. Die Ausstellung fragt letztlich weniger danach, ob soziale Medien gut oder schlecht sind, sondern danach, wie tief sie bereits in die Konstruktion von Identität eingreifen.
Dass die Schau in eine Zeit fällt, in der europaweit über Altersgrenzen, Plattformregulierung und den Umgang Jugendlicher mit sozialen Medien diskutiert wird, verleiht ihr zusätzliche Aktualität. Greenfield versteht die Arbeit dennoch ausdrücklich nicht als politisches Statement, sondern als Porträt einer Generation in ihrer eigenen Sprache.
Vom Dokument zur Debatte
Fotografiska erweitert die Ausstellung um ein Bildungs- und Diskussionsprogramm. Gemeinsam mit dem Education Innovation Lab und weiteren Partnern sollen Workshops mit Berliner Jugendlichen entstehen. Deren Ergebnisse fließen in Unterrichtsmaterial zum Umgang mit sozialen Medien ein. Schulklassen erhalten kostenlosen Eintritt.
Zum Begleitprogramm gehören Gespräche über Social Media und Einsamkeit, die Rolle von Lehrern und Erziehern sowie die Frage nach möglichen Altersgrenzen für soziale Plattformen. Greenfield selbst spricht am 26. September über das Aufwachsen mit sozialen Medien.
Lauren Greenfield als Chronistin der Gegenwart
Greenfield studierte visuelle Anthropologie in Harvard und verbindet seit den 1990er Jahren Fotografie, Dokumentarfilm und kommerzielle Bildproduktion. Ihre Arbeiten kreisen immer wieder um Konsum, Status, Körperbilder und soziale Rollen.
Zu ihren bekanntesten Projekten gehören „The Queen of Versailles“, „Generation Wealth“ und „THIN“. Ihre Fotografien befinden sich unter anderem in den Sammlungen des J. Paul Getty Museum, des LACMA, des San Francisco Museum of Modern Art, der National Gallery of Art und der Smithsonian National Portrait Gallery.
Bei „Social Studies“ richtet Greenfield diesen Blick nun auf eine Generation, deren visuelle Sozialisation kaum noch von Social Media zu trennen ist.
Die vielleicht interessanteste Frage der Ausstellung lautet deshalb nicht, wie Jugendliche heute soziale Medien benutzen. Sondern wie sehr soziale Medien inzwischen die Jugendlichen benutzen.
Lauren Greenfield – Social Studies
Fotografiska Berlin
Opening: 25. September 2026
Laufzeit: 26. September 2026 bis 12. Januar 2027
Oranienburger Straße 54, Berlin
Alle Bilder: © Lauren Greenfield / Fahey Klein Gallery
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