Über 35 Jahre nach der Einheit dominieren Westdeutsche viele Spitzenpositionen. Soziologe Michael Hartmann erklärt die Gründe.

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Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt die deutsche Führungselite fest in westdeutscher Hand. Unter den über 250 Dax-Vorstandsmitgliedern stammt nur eine einzige Person aus Ostdeutschland – die VW-Vorständin Hauke Star. In der Politik, Verwaltung und Justiz sieht es kaum besser aus.
„Der Grund ist einfach: Es hat nach 1989 auf allen Ebenen einen nahezu kompletten Elitewechsel gegeben“, erklärt Michael Hartmann, emeritierter Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der TU Darmstadt, dem „Handelsblatt“. Westdeutsche Führungskräfte übernahmen damals die Schlüsselpositionen und brachten ihre eigenen Leute mit.
Diese Personalentscheidungen prägen die Auswahl bis heute. West-Eliten besetzen Positionen nach den Kriterien, nach denen sie selbst aufgestiegen sind. Dabei spielt die soziale Herkunft eine ausschlaggebende Rolle.
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Die westdeutsche Elite erkennt sich an bestimmten Verhaltensmustern des Bürgertums. Diese haben sich über Systembrüche hinweg vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik im Kern kaum verändert. Wer dazugehört, tritt souverän auf – durch ruhige Gesten, direkten Augenkontakt oder die Wahl der richtigen Armbanduhr.
„Man kennt die wesentlichen Teile des bürgerlichen Bildungskanons, hält diesen Kanon auch für wichtig“, so Hartmann. Bei der gepflegten Konversation können Mitglieder dieser Gruppe mit Verweisen auf historische Gegebenheiten oder kulturelle Ereignisse Vertrautheit demonstrieren. Teure Hobbys wie das Sammeln von Oldtimern dienen als Erkennungszeichen.
In der DDR galten völlig andere Maßstäbe – etwa die Herkunft aus der Arbeiterklasse oder Linientreue. Das prägende bürgerliche Milieu existierte dort allenfalls noch in Resten.
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Die Zahlen belegen die soziale Schließung: Seit über hundert Jahren stammen über 80 Prozent der Spitzenleute in der deutschen Wirtschaft aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung. In Justiz und Verwaltung sind es über zwei Drittel.
Nur in der Politik ist es ausgeglichener – allerdings mit einem Übergewicht dieser privilegierten Gruppe seit der Jahrtausendwende. Menschen wie Joe Kaeser, der mit Mittlerer Reife bei Siemens einstieg und bis 2021 Vorstandschef wurde, bleiben Ausnahmen. Solche Karrieren werden prominent dargestellt, ändern aber nichts am Gesamtbild.
Wirtschaft bleibt fest in westdeutscher HandIn der Wirtschaft gibt es keine Ost-Eliten, weil es im Osten keine großen Konzerne gibt. Kein einziges ostdeutsches Unternehmen taucht in der Rangliste der hundert größten deutschen Firmen auf.
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In Mecklenburg-Vorpommern sind acht der zehn größten Unternehmen nur Dependancen westdeutscher Firmen. Die beiden anderen sind nach westdeutschen Maßstäben Mittelständler. Selbst wenn VW in Zwickau produziert und Opel in Eisenach – die Entscheidungen fallen in Wolfsburg und Amsterdam.
Der erste ostdeutsche Bundesrichter wechselte erst 2008 nach Karlsruhe. Seit 2020 sitzt mit Ines Härtel die erste in Sachsen-Anhalt geborene Professorin am Bundesverfassungsgericht.
Politik zeigt Veränderung – aber nur auf LandesebeneIn der Politik hat sich mehr bewegt als in der Wirtschaft. Die Parteien gingen ab Ende der Neunziger zunehmend dazu über, Politiker mit DDR-Biografie auf die Kandidatenlisten zu setzen. Unter den heutigen Ministerpräsidenten im Osten ist kein einziger mehr, der im Westen groß geworden ist.
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Auf Bundesebene bleibt die Unterrepräsentanz jedoch drastisch. Im Bundeskabinett, unter den Staatssekretären und Abteilungsleitern ist der Anteil von Personen mit DDR-Biografie sehr gering. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern ist die Hälfte des Kabinetts und jeder zweite Staatssekretär im Westen aufgewachsen.
Hartmann sieht nur einen Ausweg: „Letztlich wird es, wie bei den Frauen, ohne Quoten nicht gehen.“ Gleiche Bildungschancen und der Verzicht auf Eliteuniversitäten reichen nicht aus. Die Gesellschaft brauche vielfältigere Eliten mit unterschiedlichen Perspektiven – aus verschiedenen sozialen Schichten und aus Ost und West.
cb