Bei einer Notbremsung blockiert oft das Vorderrad. Ein Fahrrad-ABS für E-Bikes soll das verhindern. Forschende der Hochschule Pforzheim haben die Technik mit entwickelt.
Ein Fahrradunfall ist oft mehr als nur ein einfacher Sturz. Nach Angaben von Unfallforschern werden in Deutschland jedes Jahr etwa 25.000 Menschen bei Fahrradunfällen schwer verletzt. Rund zwei Drittel der Radfahrenden tragen demnach keinen Helm.
Auch die Zahl der tödlichen Unfälle sinkt seit Jahren nicht deutlich. "Also wir haben über viele Jahre beim Fahrradunfall ungefähr 400 Getötete, mal mehr, mal etwas weniger. Und die Zahl bleibt über Jahre konstant", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Björn-Steiger-Stiftung. Ein Grund dafür sei die zunehmende Zahl von Elektrofahrrädern, so Brockmann. Diese seien schneller und würden von anderen Nutzergruppen gefahren. Das wirke der angestrebten Reduktion der Unfallzahlen entgegen.
Baden-Württemberg Statistik des Innenministeriums Beliebt, aber riskant: Darum enden Pedelec-Unfälle so oft tödlichAus diesem Grund haben Forschende bereits einige technische Möglichkeiten entwickelt, die das Fahrrad in kritischen Situationen sicherer machen. Doch eine Technik, die bei Autos und Motorrädern schon lange Standard ist, ist bei Elektro-Fahrrädern immer noch die Ausnahme: ABS - das Antiblockiersystem.

Eine typische Gefahrensituation ist das sogenannte Dooring: Eine Autotür wird geöffnet, ohne auf herannahende Radfahrende zu achten. In solchen Situationen kommt es oft zu einer plötzlichen Vollbremsung - meist mit einem "Stoppie". So nennt man das laut Bosch-Testfahrer Tobias Horn, wenn das Vorderrad auf Asphalt blockiert und dadurch das Hinterrad abhebt und man Gefahr läuft, über den Lenker zu gehen.
Auf einer Teststrecke in Reutlingen demonstriert Horn, wie sich Fahrräder mit und ohne ABS in einer solchen Situation verhalten. Ohne das Assistenzsystem kann das Vorderrad bei einer Notbremsung blockieren. Wegen des hohen Schwerpunkts besteht dann die Gefahr, über den Lenker zu stürzen.
Das kann jedoch verhindert werden, indem ein ABS den Bremsdruck anpasst. Dadurch soll das Fahrrad kontrolliert abbremsen, während Ausweichmanöver weiterhin möglich bleiben.
"Das ABS hat zwei Funktionen. Einmal eine Antiblockierfunktion, was man auch vom Auto oder vom Motorrad kennt. Dabei wird verhindert, dass das Vorderrad stehen bleibt und das Rad zur Seite wegrutscht", erklärt Oliver Maier, Entwicklungsleiter bei Bosch Bike Stability. Zusätzlich verfüge das System über eine Antiüberschlagsfunktion, "was dann eben den Sturz über den Lenker abschwächt".

Maier hat das System am Institut for Smart Bicycle Technology der Hochschule Pforzheim mitentwickelt. Dort entstand vor fast 20 Jahren ein erster Versuchsträger: Das weltweit erste Fahrrad mit ABS. Es hatte noch keinen Elektroantrieb und damals griff das System noch am Hinterrad ein.
Bei modernen E-Bikes sitzt das ABS mittlerweile am Vorderrad und passt dort den Bremsdruck an. Entwickelt wurde die Technik von den Pforzheimer Forschenden gemeinsam mit Bosch. Der erste Prototyp wurde sogar öffentlich gefördert. Die Entwicklung eines Fahrrad-ABS stellte das Team aber vor besondere Anforderungen.
"Der Schwerpunkt ist höher, das ABS muss leichter sein, es muss billiger sein, es muss kompakter sein, es muss ins Design integrierbar sein, das waren so die Herausforderungen", sagt Jürgen Wrede vom Institut for Smart Bicycle Technology (ISBT). Deshalb habe man sich auf ein System konzentriert, das nur die Vorderachse regelt. "Man kann die Vorderradbremse voll betätigen, ohne Angst haben zu müssen, dass das Rad blockiert."

Gewöhnungsbedürftig kann zunächst die Anordnung der Bremshebel sein, gerade für Ältere. Früher war die Vorderradbremse rechts, so wie auch heute noch bei Mopeds und Motorrädern. Bei neuen Fahrrädern ist sie aber schon länger links angebracht. Wer das nicht weiß, und den falschen Hebel zieht, riskiert ohne ABS einen Sturz.
Auch deswegen beschäftigen sich die Pforzheimer Forschenden auch mit kombinierten Bremssystemen für Vorder- und Hinterrad. Dabei soll es dann keine Rolle mehr spielen, welcher Bremshebel betätigt wird.
ABS bei E-Bikes ist im Verhältnis zu den Anschaffungskosten für ein neues Fahrrad nicht sehr teuer: Es kostet knapp 500 Euro Aufpreis. Trotzdem ist die Technik, vermutlich wegen der Zusatzkosten, noch nicht sehr verbreitet. Fest steht aber: ABS ist eine der wichtigsten Errungenschaften, um Unfälle beim Bremsen zu verhindern - gerade jetzt im Herbst, wenn Laub von den Bäumen fällt und Straßen und Radwege immer wieder nass und rutschig sind.