Eine Falschmeldung trieb Zehntausende nach Ceuta. Der Fall zeigt, wie schwer sich Irrtum und Absicht im Netz unterscheiden lassen.
Eine Falschmeldung trieb Zehntausende nach Ceuta. Der Fall zeigt, wie schwer sich Irrtum und Absicht im Netz unterscheiden lassen.
Vergangene Woche machten sich innerhalb weniger Stunden mehr als fünfzigtausend Menschen von Marokko aus auf den Weg in die spanische Exklave Ceuta, ausgelöst durch eine Nachricht, die sich über TikTok, WhatsApp und Instagram verbreitete und behauptete, die Grenze nach Europa sei offen.
Tatsächlich handelte es sich um die verkürzte Wiedergabe eines Gerichtsurteils. Am Ende standen Zehntausende zurückgeschickte Menschen und mindestens 72 Tote. Ob eine gezielte Kampagne dahintersteckte oder sich ungeprüfte Informationen viral verselbstständigten, lässt sich bis heute nicht klären. Genau diese Unschärfe verdient einen genaueren Blick.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Denn was in Ceuta geschah, ist kein Einzelfall, sondern folgt einem vertrauten Muster. Beispielsweise schon während der Corona-Pandemie kursierten Behauptungen über angebliche Chip-Implantate in Impfstoffen und über eine längst beschlossene Impfpflicht, die Zehntausende auf die Straße trieben, lange bevor entsprechende Entscheidungen überhaupt gefallen waren.
Auch damals ließ sich selten sauber trennen, wo ein ehrlicher Irrtum aufhörte und eine bewusste Täuschung begann. Genau dieses Problem begegnet uns im digitalen Zeitalter immer häufiger, wenn sich Informationen über digitale Wege schnell und einfach weit verbreiten lassen.
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Am Anfang steht selten die komplette Erfindung von falschen Fakten. Häufiger verdreht jemand eine Tatsache, verkürzt einen komplizierten Sachverhalt und lässt dabei Einschränkungen oder relativierende Merkmale weg, bis eine einfache, eingängige Botschaft übrig bleibt.
Diese wandert von einer sozialen Plattform zur nächsten, wird übersetzt und umformuliert und entfernt sich dabei immer weiter von ihrem Ursprung, während die vereinfachte Version längst ihr Publikum gefunden hat – quasi eine Art „Stille Post“ im Internet.
Wichtig zu wissen ist dabei: Falsche Informationen verbreiten sich oft schneller als richtige, weil soziale Netzwerke Inhalte belohnen, die Aufmerksamkeit erzeugen, unabhängig davon, ob sie stimmen. Eine kurze, emotionale Botschaft wie die Grenze ist offen lässt sich in Sekunden erfassen und teilen, während es Minuten dauert, ein Gerichtsurteil korrekt einzuordnen, und diese Einordnung selten dieselbe Reichweite erreicht.
Bis Faktenchecks erscheinen, hat sich die Falschmeldung meist schon selbstständig gemacht. Genau deshalb gehen populistische Inhalte meist auch schneller viral als sachliche Darstellungen.
In diesem Zusammenhang unterscheiden Fachleute zwischen Misinformation und Desinformation, wobei der Unterschied nicht im Inhalt liegt, sondern in der Absicht, wie er verbreitet wird.
Von Misinformation spricht man, wenn jemand eine falsche Behauptung weitergibt, weil er sie selbst für wahr hält, während Desinformation voraussetzt, dass jemand eine irreführende Behauptung bewusst streut, um ein bestimmtes Verhalten oder eine politische Reaktion zu erzeugen. In der Praxis lässt sich diese Absicht aber oft nur schwer nachweisen, denn dieselbe Behauptung kann aus Hoffnung geteilt, wirtschaftlich verstärkt und politisch genutzt werden.
Eine zusätzliche Gefahr sind Troll- und Bot-Armeen, also Netzwerke aus bezahlten Kommentatoren und automatisierten Accounts, die im Auftrag staatlicher Akteure gezielt Stimmungen erzeugen.
Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine dokumentieren Forschende regelmäßig, wie solche Netzwerke Falschbehauptungen über Geflüchtete und den Kriegsverlauf verbreiten, wobei automatisierte Accounts zeitweise einen Großteil der Beiträge ausmachten. Anders als bei spontaner Weitergabe steckt hier von Beginn an eine Organisation dahinter.
Ein Blick auf aktuelle Konflikte im Nahen Osten zeigt, wohin sich die Entwicklung bewegt, denn dort kursieren mittlerweile vollständig KI-generierte Bilder, Videos und ganze Nachrichtenportale, die frei erfundene Ereignisse zeigen und Millionen Aufrufe erzielen.
Was früher aufwendige Produktionen erforderte, entsteht heute in Minuten und nahezu kostenlos, während die Fähigkeit, Fälschungen zu erkennen, nicht im gleichen Tempo mitwächst. Es spricht aktuell leider nur wenig dafür, dass sich dieses Problem zeitnah von selbst lösen wird.
Das Phänomen der Falschmeldungen bleibt nicht abstrakt, sondern erreicht Sie mitunter direkt im Familien- oder Bekanntenkreis, etwa wenn in einer WhatsApp-Gruppe ein angeblich brisantes Video ohne erkennbare Quelle kursiert.
Skepsis ist außerdem angebracht, wenn eine Nachricht stark emotionalisiert, zu schnellem Handeln auffordert oder sich keiner nachvollziehbaren Quelle zuordnen lässt.
Auch fehlende Kontextinformationen, reißerische und stark polarisierende politische Inhalte oder eine Verbreitung über neu angelegte Accounts sollten Sie aufmerksam machen.
Bevor Sie eine Nachricht weiterleiten, hilft deshalb oft ein Moment des Innehaltens und der eigenen Recherche, um im Internet Wahres von Unwahrem unterscheiden zu können.
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