Hinter rauen Betonwänden beginnt ein ungewöhnlicher Aufstieg bis unters Dach des Centre Pompidou Metz. Die Tour durch „den chinesischen Hut“ von Shigeru Ban und Jean de Gastines enthüllt so manches Geheimnis des außergewöhnlichen Baus.
Metz · Hinter rauen Betonwänden beginnt ein ungewöhnlicher Aufstieg bis unters Dach des Centre Pompidou Metz. Die Tour durch „den chinesischen Hut“ von Shigeru Ban und Jean de Gastines enthüllt so manches Geheimnis des außergewöhnlichen Baus.
01.09.2026 , 15:42 Uhr
Ein Blick, den kaum jemand kennt – Aufstieg unters Dach des Centre Pompidou in Metz
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Vorbei an Lüftungsrohren und rauen Betonwänden geht’s hinauf, auf kleinen Stufen einer steilen Stahltreppe. Alle sind gespannt. Deswegen kommt die Menschenschlange aus gut einem Dutzend Leuten auf den Stufen immer wieder ins Stocken – manche machen schon hier Fotos, andere schauen erwartungsvoll nach oben. Dort gibt es helle Holzbalken zu sehen, sternförmig montiert, darüber die mindestens stadtbekannte elfenbeinweiße Hülle, die den Schacht in helles Licht taucht. Mit einer Sonderführung geht es durch einen architektonischen Hingucker der Region, den man sonst so nicht erkunden kann. „Keine Geräte, keine Anlagen, keine Rohre in den Ausstellungsräumen, wir können überall aufhängen.“ Generalsekretär Pascal Keller hat die Neugierigen vom großen Forum des Centre Pompidou Metz, durch das jeder Museumsgast hereinkommt, erst in die Ausstellungsräume geführt. Nun geht es bis unters Dach. Auf dem Weg hinauf lässt sich das Kunsthaus anders kennenlernen.
Schaut man sich das Centre Pompidou von außen an, sind drei Dinge besonders markant: das Dach in Form eines chinesischen Hutes, seine vier großen, tulpenförmigen Stützpfeiler und die Panoramafenster der drei Ausstellungsgalerien. Hinter den außergewöhnlichen Formen des 2010 eingeweihten Kunsthauses stecken als Architekten maßgeblich Shigeru Ban und Jean de Gastines. „2003 haben sie im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs den Zuschlag erhalten. Eine Jury wählte das Projekt aus 157 Bewerbungen aus der ganzen Welt aus“, erinnert Keller.
Das Besondere: Drei Ausstellungsgalerien, eine pro Etage, je 80 Meter lang, durchziehen als quaderförmige Röhren das Gebäude, kreuzen sich. Blickt man von oben, sind sie wie drei Stäbe eines Fächers, jede in einem spitzen Winkel von 45 Grad zueinander. Sämtliche Installationen verlaufen in Böden oder Decken – viel Freiheit, um Kunstwerke zu zeigen. Die Galerien öffnen sich an den Enden zu Fenstern, die aus dem Dach ragen und bekannte Gebäude in den Fokus nehmen. Kathedrale, Bahnhof oder den Viertelpark Jean-Marie-Pelt, der hinter dem Kunsthaus liegt. Als würde man durch ein Fernrohr auf Postkarten-Panoramen der Stadt schauen – vor mal grauer oder blauer Leinwand. Je nachdem, wie der Himmel über Metz sich gerade fühlt.
Am Ende der Stahltreppe erreicht die Gruppe eine leere Fläche, das Dach der dritten Galerie. Von oben bietet sich eine Aussicht mit Seltenheitswert – auf der Nordseite das bekannte Panorama von Metz, vorne mit Bahnhof und Wasserturm, dahinter Kirch- und Kathedraltürme, dazwischen graue und rote Dächer, grüne Tupfer und Fassaden aus gelbem Sandstein. Auf der Südseite das neue Viertel rund um das Hotel „Maison Heler“ von Star-Architekt Philippe Starck. Über uns thront das 90 Meter breite und 8.000 Quadratmeter große Dach. An manchen Stellen ist man dem Dachstuhl so nah, dass man die Balken berühren kann.
Die vielen sechseckigen Module aus Holz, aus denen der Dachstuhl besteht, sieht man von hier ganz deutlich. „Das Fichtenholz stammt aus Deutschland, aus dem Schwarzwald.“ 16.000 Holzstücke, zu 1.600 Leimholzbalken zusammengefügt. Wie Sterne. Oder: „Sie sollen an das Geflecht eines chinesischen Hutes erinnern und sind insgesamt 18 Kilometer lang“, berichtet Keller. Läuft man auf dem Dach der dritten Galerie zur Mitte, blickt man direkt ins Forum hinunter. Zu den „Tulpenpfosten“ aus Lärchenholz, auf denen das Dach ruht. Dann schweift der Blick zu den Kurven und Gegenkurven des Daches, die das Innenleben des Gebäudes mal eng umhüllen, mal weit überspannen.
Panoramasicht und Nähe zum Holz – eigentlich ganz gemütlich. „Auf dieser Plattform sollte ursprünglich das Restaurant einziehen“, erklärt Keller. Also deswegen ist hier oben so viel Platz. Aber: „Das wäre in einer Höhe gewesen, die über den Normen liegt.“ Heißt: Alles wäre deutlich komplizierter geworden – Eingänge, Fahrstühle, Brandschutz und so weiter. Daher ist das Restaurant heute im ersten Stock.
Was über dem Dachstuhl so weiß glänzt, ist eine Polytetrafluorethylen-Membran aus Glasfaser und Teflon. Mit Selbstreinigung. Eigentlich. „Am Anfang funktionierte das gut. Aber dann kamen durch die Stadtentwicklung ringsum große Baustellen, die viel Staub freisetzten“, sagt Keller. Weil das Regenwasser vom Dach über die Tulpenpfeiler hinabgeleitet und in den Wellen-Garten vor dem Kunsthaus fließt, muss umweltschonend gereinigt werden. Das übernimmt eine spezialisierte Mannschaft, die das Dach jährlich professionell reinigt. Am Ende des Winters, wie Keller erklärt.
Auf dem Weg nach unten geht es wieder in die Ausstellungsräume. Ausgestellt werden kann auf insgesamt 5.000 Quadratmetern. Es ist die Ausstellungswand der Grande Nef im Erdgeschoss, die mit 18 Metern Höhe selbst die Dimensionen des Mutterhauses toppt. Heißt: Hier können und werden Werke gezeigt, die selbst für eines der berühmtesten Museen der Welt zu groß sind. Etwa „Parade“, der gigantische Bühnenvorhang, den Pablo Picasso 1917 für das gleichnamige Ballett von Léonide Massine gemalt hat. „2012 konnte das monumentale Werk von 10,50 mal 16,40 Metern hier ausgestellt werden“, erzählt Keller. Das heißt aber nicht, dass der Metzer Bau seinem Pariser Vorbild keinen Tribut zollen würde: Der zentrale Pfeiler mit der Flagge an der Spitze misst exakt 77 Meter – eine Anspielung auf das Jahr 1977, in dem das Centre Pompidou in Paris gegründet wurde.
Das Kunsthaus summiert sich aber nicht auf Dach und Ausstellungsräume. Neben Empfang und Shop in und neben der Forum-Eingangshalle gibt es unter anderem noch ein Auditorium mit 144 Sitzplätzen, ein Café im Erdgeschoss, ein Restaurant im ersten Stock, eine Terrasse und zwei Gärten. Der kleine Garten mit seinen markanten Birken an der Südseite lässt sich besser erkunden, wenn man eine Karte gelöst hat. Aber den zwei Hektar großen Garten an der Nordseite kennt selbst, wer noch nie einen Fuß in das Kunsthaus gesetzt hat. Wo sonst in Metz läuft ein Rasen in solch ebenmäßigen Wellen zu, um in Mulden abzusinken und sich wieder zu Wellen zu türmen? Das Architekturbüro Nicolas Michelin Associés und der Landschaftsarchitekt Paso Doble verbinden hier städtisches Grün und technische Lösungen. Stichwörter: auf dem Dach aufgefangenes Regenwasser. Sodass die Kunst in Metz schon vor dem Museum anfängt, als praktisch-technische Problemlösung, dann mit Objekten das Gebäude bevölkert, um mit dem Dach noch einen besonderen Akzent zu setzen. (lck)
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