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Regisseur Christian Petzold: "Kunst heißt auch Verschwenden"

Дата публикации: 17-09-2026 09:38:21

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) wird 60. Absolvent Christian Petzold spricht im Interview über Kino als Forschung - und das Recht auf Scheitern.


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Interview 60 Jahre DFFB Regisseur Christian Petzold: "Kunst heißt auch Verschwenden"

Archivbild: Christian Petzold am 15.02.2024 (Quelle: picture alliance/Abaca/M.Aurore)
Archivbild: Christian Petzold am 15.02.2024 (Quelle: picture alliance/Abaca/M.Aurore)

Von Christian Titze und Kai Salander

Noch vor dem Jubiläum kreischt die Kreissäge im Rohbau. Bauarbeiter verlegen Kabel in einem schwarzen Raum, der bald Kinosaal sein wird. Am Friedrich-Krause-Ufer in Berlin-Moabit richtet sich die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) ihr neues Zuhause ein, 60 Jahre nach ihrem ersten Tag am Theodor-Heuss-Platz.

Wie frei das Forschen und Lernen an dieser Akademie einmal war, weiß kaum jemand besser als Regisseur Christian Petzold. Er hat Ende der 1980er Jahre an der DFFB studiert, als es weder getrennte Fächer noch ein festes Kollegium gab, dafür vier Direktoren in sechs Jahren. Vor den Königskolonnaden im Berliner Heinrich-von-Kleist-Park, wo der heute 66-Jährige als Filmstudent seine ersten Tonaufnahmen gemacht hat, erinnert er sich an die goldenen Jahre der Akademie.

rbb: Herr Petzold, es ist ja schon eine ganze Weile her, dass Sie an der DFFB studiert haben. Was hat Ihnen das Studium gegeben?

Christian Petzold: Die Jahre an der DFFB waren vielleicht die schönsten Ausbildungsjahre, die ich mir überhaupt vorstellen konnte. Die Filmakademie heißt ja Akademie und ist keine Schule. Es gibt so eine Art Definition, dass die Mitglieder der Akademie nicht den Staat repräsentieren müssen. Die sind frei. Eine Schule dagegen ist immer eine staatliche Institution.

In der Akademie war uns allen klar, dass Kino nichts ist, was sich schulisch vermitteln lässt wie eine Grammatik, sondern dass man es erforscht. Auch mit Scheitern und Gruppenbildung. Und wir waren erwachsen. Wir mussten, glaube ich, 26 sein damals, oder eine Berufsausbildung gehabt haben. Oder im Gefängnis gesessen haben. Irgendeine Lebenserfahrung musste man haben.

Zur Person Symbolbild: Christian Petzold auf dem 71. Internationalen Filmfestival San Sebastian. (Quelle: dpa/Clemens Niehaus)

Christian Petzold wurde am 14. September 1960 in Hilden geboren. Nach Germanistik und Theaterwissenschaft an der FU Berlin studiert er an der DFFB und arbeitet dort als Regieassistent für Hartmut Bitomsky und Harun Farocki. Farocki wirkt bis zu seinem Tod 2014 an allen seinen Spielfilmen mit.

Der Abschlussfilm "Pilotinnen" entsteht 1994. Für "Die innere Sicherheit" bekommt Petzold 2001 den Deutschen Filmpreis, für "Barbara" 2012 den Silbernen Bären für die beste Regie, für "Roter Himmel" 2023 den Großen Preis der Jury. Zuletzt lief "Miroirs No. 3" in Cannes. Mit Thomas Arslan und Angela Schanelec gilt er als Vorreiter der Berliner Schule. Seit Mai 2025 ist Petzold Präsident der Viennale.

Manche von uns, ich zum Beispiel, haben zwei, drei Jahre nur Filme angeguckt. Wir hatten ein riesiges Archiv von über 1.500 35-Millimeter-Kopien aus der Filmgeschichte, die konnten wir bestellen und im Kino angucken. Und Kino ist ja auch Sprechen, ist miteinander reden, eine kollektive Kunst, keine individuelle. Dieses Miteinander-Sprechen, Gruppenbilden, etwas Ausprobieren, das waren schon die goldenen Jahre.

Die Filmakademie hatte kein festes Kollegium. Wir Studenten hatten eine Drittelparität, es gab die Dozenten, die Administration und uns. Zu Beginn des Semesters konnten wir uns Dozenten wünschen. Harun Farocki war also nicht fest angestellt, sondern Dozent für fünf Wochen. Dominik Graf kam dann, und Hartmut Bitomsky. Viele Leute, die schon in diesem berühmten ersten Jahrgang an der Filmakademie waren, kamen dann als Dozenten zu uns.

rbb: Was haben Sie unterm Strich mitgenommen?

Petzold: Erst einmal, dass es jenseits von Schule eine andere Form von Bildungsvermittlung geben kann, die nicht nach curricularen Überlegungen geht, sondern wo man sich frei etwas erarbeitet. Wir haben manchmal drei Wochen am Schneidetisch gesessen und einen Film von John Cassavetes Einstellung für Einstellung angeschaut. Wie kommt man von einer Einstellung in die nächste? Das war hochtheoretisch, ein Theorieseminar, und zugleich wahnsinnige Praxis. Diese großen Dichotomien, Theorie und Praxis, die verschwammen dort. Alles, was ich heute in meinem eigenen Filmleben mache, habe ich an der DFFB gelernt, gerade weil es dort keine Spezialisierung gab.

Heute ist alles Spezialisierung, auch an den Filmhochschulen, da muss ich mich entscheiden, Drehbuch, Produktion, Regie oder Kamera. Wir hatten das nicht, wir konnten alles machen. Ich habe drei Monate Kopierwerkstechnik gemacht, zwei Monate Tontechnik. Ich bin hier in diesem Kolonnadenpark mit einem Nagra-Gerät herumgelaufen und habe Vögel und Atmos aufgenommen, zwei Monate lang. Und dass man das alles macht, war richtig. Heute muss man sich mit 21 entscheiden, gerade mal von der Schule runter, willst du Ton machen oder Kameramann werden oder Drehbücher schreiben. Das hatten wir nicht. Davon zehre ich bis heute.

rbb: Vielleicht verlangt die Gesellschaft heute schlicht etwas anderes von Berufseinsteigern, diese Tendenz gibt es in vielen Bereichen.

Petzold: Nehmen wir das Wort Verschwendung. Es gibt ja immer diesen Bund der Steuerzahler oder wie der heißt, der solche Verschwendungslisten macht. Die würden auch sagen, Kunst ist Verschwendung, ein Theaterstück ist eine Verschwendung, ein Bild anzukaufen ist eine Verschwendung. Während dieses Neoliberalismus ist unheimlich nach Effektivitäten geschaut worden, auch nach persönlichen Effektivitäten. Du musst deinen Körper in Form bringen, du musst für die Gesellschaft da sein. All diese Sachen tun der Kunst natürlich nicht gut. Kunst heißt auch Verschwenden, Scheitern, und Spaß haben am Verschwenden und Scheitern.

rbb: An den Universitäten ist dieser Freiraum verschwunden, alles ist verschulter und spezialisierter geworden. Was erwarten Sie heute von der DFFB? Gibt sie ihren Studenten einen Werkzeugkasten mit, mit dem sich etwas anfangen lässt?

Petzold: An der DFFB kann man zum Beispiel nicht lernen, wie man mit Schauspielern arbeitet. Das ist unmöglich, weil das Arbeitsverhältnis ein anderes ist, während des Studiums kann man die Leute ja nicht bezahlen. Man dreht also mit Freunden, in Situationen, die dem nicht entsprechen, was einen später im klassischen Filmbusiness erwartet.

Aber das ist nicht die Aufgabe der DFFB, das kann man selber machen. Was man an der DFFB lernen kann, ist, dass es eine Filmgeschichte gibt

rbb: Ist eine Institution wie die DFFB dazu in der Lage? Sie hat die Spitze inzwischen geteilt, kaufmännisch und künstlerisch, was vielleicht nicht schlecht ist.

Petzold: Ich weiß nicht. Ich habe von 1988 bis 1994 studiert, mit einem Jahr Unterbrechung, und in der ganzen Zeit vier Direktoren gehabt. Heute habe ich nicht mehr viel Kontakt zur DFFB, ich hatte vor mehreren Jahren noch ein Seminar gemacht, sonst nichts mehr. Ich glaube, da gab es dann diese Skandale, wer wird jetzt der neue Direktor der Filmakademie. Bei uns waren es vier, und die waren mir alle egal. Dass man einen Direktor wie eine Vaterfigur braucht, das war uns völlig egal, wir waren das selber. Wir machten selber unser Studium und brauchten keinen Head of Department oder wie man das nennt.

Die DFFB

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin startet am 17. September 1966 als erste Filmschule Westdeutschlands, eröffnet vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (SPD). Im ersten Jahrgang sitzen Wolfgang Petersen, Helke Sander, Harun Farocki, Hartmut Bitomsky und Holger Meins. 1968 besetzen Studierende das Haus, im November werden 18 von ihnen fristlos entlassen. Heute lernen rund 280 Studierende in fünf Gewerken. Die Akademie gehört als GmbH dem Land Berlin, für 2026 sieht der Haushalt 13,25 Millionen Euro vor, bewilligt sind zunächst 9,58 Millionen. Am 18. September öffnet die DFFB am neuen Standort in Berlin- Moabit ihre Türen.

rbb: Wieviel Platz hat die Branche für Autodidakten? Rainer Werner Fassbinder ist ohne Filmschule zu Großem gekommen. Geht das heute noch, oder führt der Weg zwingend über so eine Akademie?

Petzold: Ich glaube, dass es nur über diese Schule geht, weil wir keine richtige Industrie haben. Bei Fassbinder waren es die 1960er Jahre, das war noch etwas anderes. Außerdem hatte er eine Theatergruppe um sich herum. Und die Kränkung, nicht an der DFFB angenommen worden zu sein. Er hat sich ja beworben und wurde nicht genommen. Diese Kränkung hat ihm eine gehörige Portion Energie gegeben. Er war aber in München, und in München gab es Kino. Von Jean-Marie Straub hat er eine Einstellung geschenkt bekommen, er hatte Kontakt zu Klaus Lemke und Max Zihlmann. Es gab also eine Kultur.

Vielleicht gibt es das heute auch, mit kleinen Handykameras. Das Problem ist nicht die Herstellung von Filmen, das Problem ist die Distribution. Wo will man das sehen? Wer verleiht das? Wer bewirbt das? Auf Youtube kannst du alles senden, wenn du möchtest. Aber Kino ist eine kollektive Kunst. Eine Kunst, in der man anwesend und abwesend zugleich im Kinosessel sitzt, mit anderen Menschen zusammen, einsam und trotzdem kollektiv. Das ist etwas anderes.

Wenn mir Leute sagen, du kannst doch für drei Euro einen Film drehen, dann kannst du das machen, du bezahlst aber niemanden und weißt nicht, wo er läuft. Wir müssen für die Strukturen arbeiten, und da geht es nicht nur um die Produktion, es geht auch um den Erhalt der Kinos. Wenn ich in Berlin über den Tauentzien fahre und überlege, was da alles war, als ich studiert habe, Royal Palast, Broadway, Gloria. In Frankreich sagt man, eine Stadt ohne Kino ist keine Stadt, das ist wie eine Stadt ohne Friedhof, ohne Marktplatz, ohne Park, ohne Kirche. Und ich fahre hier durch brandenburgische Städte, da ist überhaupt kein Kino mehr, nichts. Dieser kollektive Ort Kino, das hat viel mit der Filmakademie zu tun.

rbb: Um nochmal auf die Finanzierung zu kommen. Man kann keine Filme machen ohne viel Geld in die Hand zu nehmen. Ihre Filme werden sich noch in 50 Jahren verkaufen, einen Box-Office-Hit hatten Sie trotzdem nie. Wie vermitteln Sie jungen Leuten, dass sie sich frei entfalten können in einem Bereich, der nach Marktgesetzen funktioniert?

Petzold: Ich habe ja gerade gesagt, dass es gar kein Kino mehr in Deutschland gibt. Es wird auch nicht viel Kino produziert. Es werden Fernsehproduktionen produziert, 15 oder 20 Filme, Serien werden produziert. Aber das Kino findet in Deutschland nicht richtig statt, schon eine lange, lange Zeit nicht. Und für Filmstudenten, es gibt ja mehrere Institutionen, nicht nur die DFFB, es gibt Ludwigsburg und München und Babelsberg. Da kommen jedes Jahr ganz viele Leute raus, die Filme machen wollen. Und wenn es kein Kino gibt, was wollen die machen? Wo gehen die hin? Die machen eine Fernsehserie, zwei Folgen davon.

Ich empfand die DFFB immer als den Ort, wo die Leute nicht für diesen Bereich ausgebildet werden, nicht wie eine Nachwuchsförderung, sondern als einen Ort, wo sich dagegen aufgelehnt wird.

Vielen Dank für das Gespräch

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Interviews.

Sendung: rbb|24, 17.09.2026 11:40 Uhr

Audio: rbb|24, 17.09.2026 11:40 Uhr, Christian Titze und Kai Salander im Gespräch mit Christian Petzold

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