Die "Baseballschlägerjahre" haben die Kindheit und Jugend von Paula Fürstenberg geprägt. In ihrem neuen Essayband setzt sie sich damit und mit dem erneuten Erstarken rechter Kräfte in Deutschland auseinander.
Interview Paula Fürstenberg über Nachwendezeit "Die politische Depression ist nicht vorbei"
Von Vera Drude
Paula Fürstenberg blickt auf ihr Aufwachsen im Ostdeutschland der Nachwendezeit zurück und auf die Versprechen von Demokratie, Wohlstand und Sicherheit, mit denen ihre Generation aufgewachsen ist. Im Gespräch erzählt die Autorin, warum die Erfahrungen der "Baseballschlägerjahre" bis heute nachwirken und weshalb sie einen anderen Blick auf die deutsche Einheit fordert.
rbb: Frau Fürstenberg, Sie haben bisher zwei Romane veröffentlicht. Ihr neues Buch "Niewiedervereinigung" ist eher ein politischer Essay. Was war Ihre Motivation?
Paula Fürstenberg: Ich hatte das Gefühl, eine politische Depression zu entwickeln. Die Nachrichten gehen mir so nah, dass irgendein Umgang damit gefunden werden muss. Diese negativen, politischen Gefühle, die Ängste, die es auslösen kann, Nachrichten zu gucken, haben wenig Gesprächsraum. Ich wollte den Emotionen, die mit politischer Gegenwart verbunden sind, eine Ausdrucksform geben und ihnen eine Sprache verleihen.
Paula Fürstenberg wurde 1987 geboren und wuchs in Potsdam auf. Nach zwei Romanen setzt sie sich in "Niewiedervereinigung. 100 Zwischenrufe zur deutschen Einheit" entlang ihrer eigenen Biografie mit den Versprechen der Deutschen Einheit und der rechten Gewalt der Nachwendejahre auseinander. Das Buch ist im September erschienen.
rbb: Sie schreiben, dass hinter Ihrer politischen Depression eigentlich eine Wut steckt, die nicht nach außen treten kann und sich stattdessen nach innen wendet. Woher kommt diese Wut?
Paula Fürstenberg: Das hat damit zu tun, dass ich ein Nachwendekind bin und im Osten der Neunziger- und Nullerjahre aufwuchs. Mir wurde die Deutsche Einheit als erstmal schwierige Phase erzählt, aber am Horizont war immer das Versprechen, dass sie uns Wohlstand, Demokratie und Frieden sichern wird. Nach dem Nationalsozialismus gab es jetzt erstmals eine positive deutsche Selbsterzählung, nämlich dass man aus der Geschichte gelernt hat und nie wieder Faschismus auf deutschem Boden zulassen wird. Das war das Zukunftsversprechen, mit dem ich aufgewachsen bin. Aber je höher die blauen Balken in den Umfragen und den Wahlergebnissen wurden, umso klarer wurde, dass sich dieses Versprechen nicht einlöst. Da ist viel Wut entstanden, aber auch Verzweiflung und Trauer.
rbb: Der Titel "Niewiedervereinigung" impliziert eine Abkehr vom Gedanken der Deutschen Einheit. Was stört sie daran?
Paula Fürstenberg: Die Deutsche Einheit hat einerseits Demokratie und Frieden versprochen, andererseits war da das Angleichungsversprechen. Alle haben gesagt, dass hier bald Verhältnisse wie im Westen herrschen und Ost-West-Unterschiede für die nächste Generation überhaupt keine Rolle mehr spielen werden. Diese Generation sollten wir sein, die Nachwendekinder.
Es hat lange gedauert, zu verstehen, dass das immer noch eine Rolle spielt. Weil ich damit groß geworden bin, dass es eben keine Rolle spielen soll. Über die Jahre habe ich gemerkt, an wie vielen Stellen meine Ostsozialisierung mich prägt, sich Unterschiede auftun zu meinen westsozialisierten Freund:innen. Und dass manche dieser Unterschiede nicht ab-, sondern sogar wieder zunehmen, hat mich irgendwann zu dem Schluss gebracht, dass es mit dem Angleichungsversprechen nichts wird - und dass das in einer pluralen Gesellschaft aber auch gar kein Problem sein muss.
rbb: Wie sollten wir stattdessen auf die Wiedervereinigung blicken?
Paula Fürstenberg: Mir kommt die Deutsche Einheit - wie wir sie öffentlich erzählen - einseitig vor. Diese Erzählung als große Glücksstunde ist unvollständig. Sie hat eine Schattenseite, über die sehr lange nicht gesprochen wurde: Die Zunahme rechter Gewalt, die mit der Vereinigung 1990 einhergegangen ist, und über die wir jetzt unter dem Stichwort "Baseballschlägerjahre" erst seit ein paar Jahren sprechen.
Mir ist wichtig, die Erzählung zu vervollständigen, sodass sie mehr Menschen miteinschließt, als sie das bisher tut. Vor allem die Perspektiven derer, die dieser Gewalt am stärksten ausgesetzt waren und die ihre Geschichten so schlecht erzählen konnten, weil sie nicht in die Erfolgsgeschichte gepasst haben.
rbb: Was meinen Sie, wenn Sie von einer Sprachlosigkeit der Nachwendejahre sprechen?
Paula Fürstenberg: Bevor der Hashtag "Baseballschlägerjahre" uns vor ein paar Jahren eine Überschrift dafür gegeben hat, wie wir eigentlich groß geworden sind in diesem Nachwendeosten, gab es überhaupt keine Erzählung davon, dass das irgendwas Besonderes gewesen sein könnte. Während man aufwächst, hält man ja alles für normal, weil man nichts anderes kennt.
Wir Jugendliche untereinander haben untereinander natürlich über die rechte Gewalt gesprochen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass Lehrer:innen oder unsere Eltern mit uns darüber gesprochen hätten. Das war einfach normal und deswegen wurde darüber auch lange nicht geredet.
rbb: Wie prägen diese Erinnerungen ihren heutigen Alltag?
Paula Fürstenberg: Neulich Abend war ich bei einer Freundin, die zwei kleine Kinder hat. Ich hatte das Buch in der Hand, das gerade aus der Druckerei gekommen war. Und ich musste anfangen zu weinen, weil ich diese beiden kleinen Kinder vor mir gesehen habe und daran denken musste, wie meine Freundin und ich in den Neunziger- und Nullerjahren groß geworden sind - mit welcher Selbstverständlichkeit von rechter Gewalt, von Nazis in den Straßen, von rechten Parolen, den Demos, auf die wir gegangen sind, den Todesfällen, die es gegeben hat. Ich hatte gehofft, diese Zeit wäre vorbei oder die Dinge würden sich legen oder besser werden.
Aber die Bedrohungslage nimmt wieder zu. Die Kids müssen sich heute wieder zwischen rechts und links entscheiden, wie wir damals. Queere, migrantische und linke Jugendliche müssen wieder Angst im öffentlichen Raum haben, wie wir damals. Dass auch meine beiden Patenkinder wieder mit so viel Angst werden aufwachsen müssen, hat mir komplett den Stecker gezogen. Ganz konkret ist es die Angst, wieder so unsicher zu leben, wie wir groß geworden sind.
rbb: Was ist Ihre Strategie, um die politische Depression zu überwinden?
Paula Fürstenberg: Ich hatte gehofft, dass das Schreiben dieses Buchs die politische Depression auffangen kann oder ich sie dadurch in den Griff bekomme. Aber als es fertig war, ist mir klar geworden, dass die Ursachen, die dazu geführt haben, dieses Buch zu schreiben, nicht verschwunden sind - im Gegenteil. Die politische Depression ist nicht vorbei. Das Buch ist eine Art und Weise, einen Umgang damit zu finden. Ich glaube, dass schon ab dem Moment, wo man der Sprachlosigkeit nicht ganz erliegt, sondern irgendwie weiterredet, die Depression auf eine Art gezähmt ist. Das ist der Versuch, den ich mit dem Buch mache.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Vera Drude.
Es handelt sich um eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version des Gesprächs. Den gesamten Beitrag können Sie per Klick auf das oberste Bild sehen.
Sendung: rbbKultur - das Magazin, 12.09.2026, 18:30 Uhr
Video: rbbKultur - das Magazin, 12.09.2026, Paula Fürstenberg im Gespräch mit Vera Drude
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