Goldene Ballons, ein Sinfonieorchester und ein Gänsehautmoment, der das Publikum zum Schweigen bringt: Gianna Nannini hat die Berliner Waldbühne berührt, gerockt und nach fast 38 Jahren erneut tiefe Spuren hinterlassen.
Konzert Gianna Nannini in der Waldbühne "Italia, Italia" - große Emotionen und ein Moment der Stille
Von Kai Salander
Gianna, olé. Schon eine Dreiviertelstunde vor dem Konzert feiert die erste Reihe die italienische Rocklegende mit Fangesängen. Vor der Bühne schwenken die Anhänger Dutzende goldene Luftballons, passend zum Tourmotto “GiannaGold”, mit dem die 72-Jährige auf ein halbes Jahrhundert im Rampenlicht anstößt.
"Italia, Italia" schallt es noch vor dem ersten Ton, ein Freudenfest der italienischen Diaspora. Vor allem Menschen mittleren Alters sind gekommen. Auf dieser Bühne stand Nannini zuletzt 1988. Es ist ihr einziges großes Konzert in diesem Jahr und sie geht es anders an als gewohnt - mit einem Sinfonieorchester im Rücken. Ein Format, das sie in ihrer Karriere bisher erst einmal gewagt hat.
Plötzlich erstrahlen die großen Bildschirme hinter und neben der Bühne in weißem Licht. Es ist ein erstes Zeichen, dass die Show gleich beginnt, und zugleich Grund zum Jubeln - zumindest in der ersten Reihe, wo die Vorfreude greifbar ist.
Nach und nach erhellen hier und da kleine Lichter das Rund, sodass die Silhouetten des Orchesters allmählich deutlich werden. Wie eine Lichtgestalt kommt die Rockseniorin aus dem weißen Scheinwerferlicht ganz nach vorne an den Bühnenrand. Silbern glänzende Jacke, schwarzes Top, Lederhose und schwarze Stiefel: ein Outfit zwischen Showmasterin und Motorradklub. Ringsum gehen die Handys hoch, um den Beginn der Show zu filmen.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Von null auf Euphoriewelle mit einem Song - ein Turbostart. In ihrer kräftigen, rauchigen Stimme liegt noch immer viel Kraft. Beim Gitarrensolo schüttelt sie ihre kurzen braunen Haare, stellt sich auf ein Bein, lässt sich zur Seite kippen, nur um sich lässig am Mikrofon festzuhalten. Altersmüde? Nicht ein bisschen. Mal steht sie breitschultrig auf der Bühne, im nächsten Moment kniet sie beim Singen und läuft mit Sprungschritten auf und ab - ein kleines Workout im Rampenlicht.
Gianna Nannini wird 2025 im italienischen Macerata von hinten auf der Bühne angeleuchtet (Quelle: picture alliance/ipa-agency/Paolo Barigelli).
Bei der dritten Nummer nimmt Nannini kurz den Fuß vom Gas. Auf den Bildschirmen erscheinen antike Marmorfiguren, bleich und rissig im kalten Blau, ein Kopf mit lockigem Haar, ein gesenkter Blick, ein erhobener Arm.
Synthesizer-Flächenklänge schicken die Waldbühne ins Traumland, Nannini tanzt und dreht sich mit dem Mikrofonständer. Zwischendurch geht sie wieder ganz nah nach vorne, streckt die Arme aus, animiert zum Klatschen.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
In den ersten gefühlvollen Momenten wirkt ihre Stimme ein wenig gealtert, ist nicht ganz geschmeidig und firm wie bei den Rocknummern. Doch von Song zu Song entfaltet sich die Stimme weiter, und bei "Silenzio" - eingeleitet von einsamen Klavierakkorden - steht sie schließlich ganz allein vor dem Orchester und trägt die Show mit ihrer Stimme - kräftig und voller Emotion.
Zwischendurch verbeugt sie sich kurz, dann folgt ein dezenter Kostümwechsel: Für ihre Silberjacke zieht sie eine neue silbrig glänzende an. Beim Singen überrascht sie plötzlich mit unerwarteten Deutschkenntnissen. "Das Lied ist fertig", schmunzelt sie, sehr zur Freude des erstaunten Publikums.
Ansonsten folgt Schunkelnummer auf Schunkelnummer - ganz ohne Zwischenmoderationen. Sie erreicht die Fans über ihre Gesten, mit energischen Blicken, oder wenn sie in die Menge zeigt und die Ränge gleich darauf umso lauter mitsingen.
Rückhalt gibt ihr nicht nur das Publikum, sondern auch ihre große Band, Backgroundsängerinnen, Bass, Rhythmus- und Leadgitarre, dahinter das Orchester samt Dirigent. Die Streicher verleihen den Balladen noch ein wenig mehr Romantik, dann wieder Herzschmerz.
Nach etwa einer Stunde folgt ein unerwartet stiller Moment. Zunächst erscheint das Schwarz-Weiß-Bild einer Seniorin auf den Bildschirmen. Es ist Großmutter Nannini. Aus dem Off erzählt die Enkelin auf Italienisch. Die Menge verstummt, als sie die Untertitel mitliest, andere Fans sprechen fließend Italienisch und verstehen jedes Wort.
"Das Haus meiner Großmutter war während des Krieges von Männern in Uniform besetzt. Sie ließ sich nichts anmerken, entschlossen und selbstbewusst. Sie stand einfach da vor ihrem Bügeleisen und bügelte die Welt. Keine Angst in den Augen, keine Träne. Nur diese stille Kraft der Frauen, die nicht schreien müssen. Und dieses heiße Bügeleisen war auch ein Versprechen. Ein Blick genügte, um zu verstehen: Komm’ zu nahe, und das wird sicher nicht nur das Hemd sein, das gebügelt wird. So war meine Großmutter. Tiefe Wurzeln, vom Wind gebeugte Äste, aber niemals gebrochen. Wie eine Eiche mitten im Sturm. Dieses Lied ist für sie und für Frauen wie sie."
Die 72-Jährige und ihre Musik scheinen unsterblich zu sein (Quelle: picture alliance/IPP/Italy Photo Press).
Auf die Hommage an die Powerfrauen folgt tosender Applaus. Dann setzt sich Gianna Nannini an den schwarzen Flügel, hinter ihr erscheinen drei Kronleuchter auf den Bildschirmen. Die Nummer braucht weder Band noch Orchester, nur Klavier und Stimme, genau wie die Frau, von der sie gerade erzählt hat - ohne große Geste, ohne Schreien. In die Stille grölt ein Mann "Gianna", einige lachen. Doch als Nannini spielt, wird es wieder still, nur ein Tuscheln ist zu hören, mehr nicht.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Zwei Nummern spielt sie, dann kommt ein Pianist auf die Bühne. Dramatisch zupft er zunächst an den Klaviersaiten, setzt sich und fährt in Windeseile über die Tasten. Halsbrecherische Rhythmen als Auftakt zu "Ragazzo dell'Europa", einer wahren Gänsehautnummer, die das Publikum mitsingt, mitklatscht - gemeinsam mit Gianna Nannini, die sich schließlich neben den Pianisten setzt, um mit ihm die Schlussakkorde zu spielen.
Ein beseelter Moment, die Klavierballaden haben Andacht und viel Wir-Gefühl gestiftet. Über dem gefühlvollen Klavier zerrt ihre kratzige Stimme am Herzen, im Publikum wischen sich einige Tränen aus dem Gesicht.
Als sie vor der Zugabe die Bühne verlässt, wabern meditative Synthesizer-Klänge aus den Boxen. Jetzt beleuchten nur wenige gedimmte Lichter das Orchester. Vereinzelt sind Rufe nach Gianna zu hören, andere klatschen, brechen wieder ab, kehren in sich, halten die Stille. Selbst diese kurze Kunstpause weckt die Sehnsucht nach Gianna Nannini, spürbar und hörbar in allen Ecken der Waldbühne.
Anschließend gibt sie gut eine halbe Stunde Zugabe, mit dabei der Welthit "Bello e impossibile", das Lied über das Schöne und das Unmögliche. Spätestens jetzt singen alle mit. Erneut zücken Tausende das Handy zum Filmen, Scheinwerfer erleuchten die Reihen, unzählige Hände in der Luft, geballte Energie beim Rudelsingen.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Gianna Nannini kann noch immer die großen Gefühle wecken, Emotionen altern nicht, ihre Songs haben sie offenbar für die Ewigkeit konserviert. Und an diesem Abend kann Nannini sie abrufen, ganz ohne kitschig zu werden. Von der Rocknummer bis zur Ballade: Für den Schwebezustand hat sie ihren Fans viele Erinnerungen tief ins Herz gepflanzt. Auf dem Heimweg zeigen sie sich gegenseitig die Konzertvideos auf ihren Handys, einige singen leise mit.
Sendung: rbb24 Inforadio, 20.09.2026, 08:11 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 20.09.2026, Kai Salander