Am Dienstag möchte die IG Metall ihre Tarifforderung festlegen. Es geht um knapp vier Millionen Beschäftigte im Kernbereich der deutschen Wirtschaft. Die Arbeitgeber betonen, Kosten senken zu müssen.
Die Ausgangslage für den größten Tarifkonflikt in diesem Jahr ist ungewöhnlich schwierig. Unfähigkeit bei der Krisenbewältigung attestiert die IG Metall vielen Unternehmen. Das ärgert die Arbeitgeber. Sie beklagen einen „unverhältnismäßigen Tonfall zum Auftakt der Tarifrunde“ und appellieren an die Gewerkschaft, „wie erwachsene Menschen“ miteinander umzugehen.
Unternehmen und Verbände fordern noch nachdrücklicher als sonst: Kosten runter am Standort Deutschland, damit die Metall- und Elektroindustrie die längste Krise in der Geschichte der Bundesrepublik endlich überwindet. Zu den Kostenfaktoren gehört das Personal.
Am Dienstag befassen sich die regionalen Tarifkommissionen der IG Metall mit der Tarifforderung, die anschließend vom Vorstand der größten deutschen Gewerkschaft beschlossen wird. Es geht um Einkommen und Arbeitsplätze von knapp vier Millionen Beschäftigten im Kernbereich der deutschen Wirtschaft: dem Fahrzeug- und Maschinenbau sowie der Elektroindustrie.
Die IG Metall berechnet ihre Forderung in der Regel mit der Inflationsrate sowie der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und schlägt dann noch, je nach Wirtschaftslage, eine Umverteilungskomponente obendrauf. Die Preise steigen 2027 voraussichtlich um knapp drei Prozent und die Produktivität um gut ein Prozent. Plus Umverteilung macht das fünf Prozent. Mit diesem Volumen geht die Gewerkschaft an den Start.
Energie, Bürokratie, Steuern und Abgaben sowie der Faktor Arbeit machen den Standort Deutschland zu teuer.
Stellungnahme der Arbeitgeber vor den Tarifverhandlungen
Wer fünf Prozent fordert, erreicht am Ende knapp drei Prozent. Doch selbst drei Prozent passen nicht annähernd in die Vorstellungswelt der Arbeitgeber: „Wir müssen die Kosten senken, um den Standort zu retten“, heißt es beim Dachverband Gesamtmetall, der diese Position mit Daten stützt: Die Produktion liege um 15 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, 340.000 Jobs seien seit 2019 weggefallen, jeden Monat kämen weitere 10.000 dazu.
„Energie, Bürokratie, Steuern und Abgaben sowie der Faktor Arbeit machen den Standort Deutschland zu teuer“, sagen die Arbeitgeber. Auch die IG Metall weiß, dass die Autoindustrie seit fünf Jahren mehr Geld im Ausland investiert als an den heimischen Standorten. Größere Tariferhöhungen sind in der Fläche, also für alle tarifgebundenen Unternehmen, unmöglich. Trotzdem – oder deswegen – geht die Gewerkschaft mit drei Forderungen an den Start.
Sichere Arbeitsplätze, eine Sonderzahlung in Unternehmen, die gut verdienen, sowie schließlich eine soziale Komponente für untere Entgeltgruppen. Letzteres ist am einfachsten umzusetzen, etwa durch eine Einmalzahlung, wie es sie immer wieder gibt in Tarifverträgen.
Orientierung an der UmsatzrenditeDie Sonder- oder Bonuszahlung für Firmen, denen es gut geht, hatten kürzlich die IG-Metall-Bezirksleiter von NRW und Norddeutschland in der „Süddeutschen Zeitung“ erläutert. Bislang gibt es die Möglichkeit, bei einer mickrigen Umsatzrendite unter 2,3 Prozent, das sogenannte T-Geld von 18,4 Prozent eines Monatseinkommens, das normalerweise im Juli fällig wird, nicht zu zahlen.
Dieses Instrument möchte die IG Metall nun sozusagen andersherum, für gut verdienende Firmen im Tarifvertrag festschreiben: Wenn eine bestimmte Rendite überschritten wird, steigt automatisch die Sonderzahlung, das T-Geld könnte verdoppelt werden.
Zum Beispiel Rheinmetall. Der Rüstungskonzern wies zuletzt eine Rendite von 18 Prozent aus. Auch Firmen in der Bahnindustrie, im Flugzeug- und Schiffbau sowie der Energiewirtschaft geht es deutlich besser als Autoherstellern und deren Lieferanten.
Wir werden alles berücksichtigen: von sicherer Beschäftigung in Krisenunternehmen bis hin zum gerechten Anteil der Beschäftigten an Übergewinnen.
Nadine Boguslawski, Vorstandsmitglied der IG Metall
Zur Vorbereitung der Tarifrunde hat die IG Metall bundesweit 267.000 Beschäftigte in 3200 Betrieben befragt: Wie läuft es im Betrieb? Welche Themen sind Dir wichtig? Welche Forderung hältst Du für angemessen?
Die Hälfte bewertete die Situation im Unternehmen als sehr gut oder gut, ein Drittel meinte „geht so“, und jeder Fünfte nimmt die Situation als schlecht (16,9 Prozent) oder sehr schlecht (4,7 Prozent) wahr. Neben sicheren Jobs erwarten die Befragten „eine moderate (47,8 Prozent) bis kräftige Entgelterhöhung (35 Prozent)“, wie die IG Metall die Umfrage und ihre Auswirkung auf die Tarifpolitik resümiert.
„Wir werden alles berücksichtigen: von sicherer Beschäftigung in Krisenunternehmen bis hin zum gerechten Anteil der Beschäftigten an Übergewinnen“, sagt Nadine Boguslawski, die im Vorstand der Gewerkschaft die Tarifpolitik verantwortet.
Am Ende dürfte es also eine durchschnittliche Tariferhöhung geben, die deutlich unter den geforderten fünf Prozent liegt. Damit nehmen Arbeitgeber und Gewerkschaft Rücksicht auf die Krisenfirmen in der Autoindustrie. Und die boomenden Branchen zahlen ihren Belegschaften einen Extrabonus.
600.000
Beschäftigte beteiligten sich vor zwei Jahren an den Warnstreiks.
Seit Monaten bereiten die Tarifpartner in den Regionen die Tarifrunde vor, das gilt insbesondere für Baden-Württemberg. Hier, im Kernland der IG Metall, spielt die tarifpolitische Musik, hier wurde unter anderem die 35-Stunden-Woche durchgesetzt.
Doch das Autoland Baden-Württemberg ächzt unter der Krise wie keine andere Region in Deutschland. Entsprechend zurückhaltend sind die Erwartungen der baden-württembergischen Metaller an die Tarifrunde.
Um das auszugleichen, möchten die Gewerkschaftsstrategen mit einem Tandem die Verhandlungen führen: Die junge und eher unerfahrene IG-Metall-Bezirksleiterin aus Stuttgart bekommt Unterstützung durch den Gewerkschaftschef aus NRW, der schon mehrere Tarifkompromisse ausgehandelt hat.
Die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage durch die Beschäftigten fiel in NRW deutlich besser aus als in Baden-Württemberg. Und was noch wichtiger ist: Mit Arndt Kirchhoff führt in NRW ein Unternehmer die Verhandlungen, der als einer der letzten Vertreter des Rheinischen Kapitalismus unter den Arbeitgeberfunktionären gilt: soziale Marktwirtschaft inklusive funktionierender Sozialpartnerschaft.
Im Oktober beginnen die Verhandlungen, ab November darf die IG Metall zu Warnstreiks aufrufen. Auf diese Art der Mitgliederbeteiligung wird die Gewerkschaft nicht verzichten. In der Tarifbewegung vor zwei Jahren beteiligten sich rund 600.000 Beschäftigte an Warnstreiks. Seitdem hat sich die Autokrise verschärft. Beide Seiten möchten so schnell wie möglich eine Verständigung und unbedingt eine Eskalation vermeiden.