Eine Querschnittlähmung verändert das Leben komplett: Familie, Beruf, Freizeit. Wer könnte da einfühlsamer unterstützen als Schicksalsgenossen im Rollstuhl? In Ulm machen das die "Peers".
Kaum eine Verletzung verändert das Leben derart gravierend wie eine Querschnittlähmung. Familienleben, Beruf, Freizeit - nichts ist wie davor. In Ulm gibt es die "Peers", Menschen mit Querschnittlähmung im Rollstuhl, die sich an der Uniklinik Ulm um Patientinnen und Patienten kümmern, die neu in dieser Situation sind. Sie begleiten sie oft jahrelang. Einer der Helfer ist Hans Peter Thomas.
Begleitung zum Auto-Umrüster: Hans nimmt sich die ZeitUnd einer "seiner" Patienten ist Axel Bitzer. An diesem Nachmittag sitzt er bei ihm am Krankenhausbett. Der junge Familienvater ist seit einem Fahrradunfall querschnittgelähmt. Wegen einer schlecht heilenden Druckstelle ist er gerade wieder in der Klinik.
Den Helfer von den Peers braucht der Familienvater gerade, weil er in sein rollstuhlgerecht umgebautes Auto einen Spezialsitz einbauen lassen will. "Für mich ist es jetzt die Frage mit der neuen Situation, wie ich im Fahrzeug die Mobilität erreiche, und die Entlastung, die ich brauche", erklärt Axel Bitzer.
Er bittet Hans Peter Thomas um Unterstützung, fragt, ob er ihn zu einem Umrüstunternehmen begleiten würde. Der Helfer ist nämlich in Fragen von Spezialausstattung mittlerweile Experte. Die Antwort kommt sofort: "Aber selbstverständlich!"
Hans Peter Thomas hat die Peers für Querschnittgelähmte mitentwickeltHans Peter Thomas ist sozusagen ein "alter Hase": Seit 45 Jahren ist er schon querschnittgelähmt. Kein Unfallopfer - ein Tumor hat ihn zum Rollstuhlfahrer werden lassen. Er ist gerade mal 19, leistet seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Und hat plötzlich Probleme beim Gehen, stolpert immer öfter. Eine Untersuchung ergibt letztlich die folgenreiche Diagnose: Rückenmarkstumor.

Mehrere Operationen folgen, dann die Querschnittlähmung: Erst nur teilweise, später komplett. Hans Peter Thomas ist aber kein Mensch, der lange mit seinem Schicksal hadert. Er stellt sich auf seine neue Lebenssituation ein und engagiert sich sogar im Behindertensport: Betreibt Rollstuhltennis, nimmt sogar an internationalen Turnieren teil. Und fährt Handbike - mehrere tausend Kilometer im Jahr.
Praktische Tipps für das Leben im RollstuhlDass ich erklären kann, wie ich mich im Bett am besten anziehe. Wie ich mich auf die Toilette umsetze. Wie ich ins Auto einsteige.
Bei den "Peers" ist Hans Peter Thomas von Anfang an dabei. Seit 20 Jahren begleitet er Patientinnen und Patienten an der Ulmer Uniklinik. Damals muss er selbst als Reha-Patient zurück in die Klinik. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er schon seit 25 Jahren im Rollstuhl. Das Zimmer teilt er sich mit drei frisch Verletzten. Sie und ihre Angehörigen haben viele Fragen an den "erfahrenen" Querschnittgelähmten.
In der Zeit kommt ihm die Idee mit den Peers. Viele praktische Tipps für das Leben im Rollstuhl kann er aus eigener Erfahrung geben. "Dass ich erklären kann, wie ich mich im Bett am besten anziehe. Wie ich mich auf die Toilette umsetze. Wie ich ins Auto einsteige."
Peer heißt: auf AugenhöheDer englische Begriff "peer" bedeutet auf Deutsch so viel wie "auf Augenhöhe". In diesem Fall wortwörtlich, betont Yorck-Bernhard Kalke. Der Leiter des Ulmer Querschnittgelähmten-Zentrums hat das Peer-Angebot gemeinsam mit Hans Peter Thomas entwickelt.
Aktuell gibt es fünf Begleiterinnen und Begleiter: eine Frau und vier Männer. Sie haben unterschiedliche Lähmungsgrade und können ähnlich betroffenen Patienten aus eigener Erfahrung Tipps geben. Manche haben auch spezielle Angebote wie Maltechniken. Als Auszeit vom Klinikalltag, oder um von möglichen Schmerzen etwas abzulenken.

Manche der Peers sind freie Mitarbeiter und werden von der Fördergemeinschaft für das Querschnittgelähmten-Zentrum bezahlt. Andere verzichten darauf und arbeiten ehrenamtlich. Von allen erwartet der Leiter des Zentrums Yorck-Bernhard Kalke vor allem eines: Sie müssen sich medizinisch auf dem Laufenden halten.
So müssen sie sich etwa mit Komplikationen bei Querschnittlähmungen auskennen: Beispielsweise mit Spastik, Blasensteinen, die bei Querschnittgelähmten häufiger auftreten, oder mit offenen Stellen. "Dass sie da mitwirken und versuchen, mit den Patientinnen und Patienten, für die sie mitverantwortlich sind, Lösungswege zu finden."
Ein ehrliches Lächeln, dass er sich auf morgen freut, das ist dann der Lohn, den ich zurückbekomme.
Hans Peter Thomas ist auch nach 20 Jahren engagiert dabei. Manche Patienten begleitet er schon genau so lange. Sein Lohn hat nichts mit Geld zu tun, sagt er. Und ist auch nicht mit Geld zu bezahlen. "Wenn ich bei einem Patienten einen Glanz in den Augen sehe, ein ehrliches Lächeln, dass er sich auf morgen freut, das ist dann der Lohn, den ich zurückbekomme."
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