Wenn das Bolzenschussgerät seine Arbeit getan hatte und das Schwein zu Fleisch geworden war, durften auch die Kinder dabei sein. Der Geruch von Kolophon, dampfende Fleischberge in hellrosa bis dunkelrot, Eimer mit heißem und kaltem Wasser sowie schnelle Schritte auf gefrorenem Boden haben sich in meine Erinnerung gearbeitet.
Leben und Tod, Körper und Gewalt finden immer wieder Eingang in meine Texte. Wie könnten sie es auch nicht, sind sie doch zentrale Themen der (menschlichen) Existenz? Seit Menschen Kunst schaffen, stellen sie Jagdszenen und Schlachtung genauso dar wie Gemeinschaft und Trauer. Von den Höhlenmalereien, über die Szene der Ochsenschlachtung Rembrandts, Pressefotos oder Büchern wie "Und überall Federn", die Kunst reibt sich am seidenen Faden des Lebens.
Der alte Schlachthof hat ähnlich wie ich schon viele Jahre keine toten Tiere mehr gesehen. Von Wien bis Wels und darüber hinaus wurden ehemalige Tötungsstätten zu offenen, soziokulturellen Orten der Begegnung. Während man sich in Wien die heutige Arena mit Besetzungen erkämpfen musste, wurde der Schlachthof in Wels wesentlich friedvoller, aber doch voll Engagement, in ein Leben nach dem Tod überführt.
Eine Freundin schreibt mir: Eyyy, Alter Schlachthof war doch immer Prime Fortgeh-Location in Wels! Und so besuche ich diese Prime Fortgeh-Location und werde nicht enttäuscht. Von Orchestermusik über Wiener Lied, Punk und Lesungen, was kann man im Schlachthof bitte nicht sehen?
Wo einst todgeweihte Ochsen durch die Gänge getrieben wurden, plaudern wir heute mit g’spritztem Most, Soda-Zitron und einem Zweigelt. Tagsüber schreibe ich in meinem kleinen Büro über das Leben und das Sterben und den Schlachthof, als Ort des Ausprobierens, des Zusammenkommens, des Feierns, des Denkens, des Lachens, des Grübelns. Auch Hochzeiten finden hier statt, wird mir gesagt. Und ich finde das – ja – passend, um nicht schön zu sagen. Das zweite Leben als Antidote des ersten.
Ich habe vor Kurzem davon geträumt, wie meine Mutter spät am Abend Gewürze in den Speckbachen reibt: kalte Hände in kaltem Fleisch. Ich kenne den Geschmack des Todes, er schmeckt nach Pfeffer, Knoblauch und Koriander, nach Wacholderbeeren, Lorbeerblättern und Salz, viel Salz. Wir stecken Wurstmasse in den Fleischwolf, braten die Leber. Ich wache auf, weiß erst nicht, wo ich bin. Dann nehme ich den Stift neben meinem Bett, kritzle in annähernd leserlicher Schrift. Das Schreiben ist der Körper und die Gewalt, das Leben und der Tod. Gleichzeitig ist es nicht mehr als eine Ansammlung von Worten. Bedeutungslos. Faschiertes – gemischt.
Ich schließe die Augen, für ein paar rastlose Züge.
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