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Debatte um Rentenreform: Maxi-Streit um Mini-Jobs

Дата публикации: 15-08-2026 09:04:48

Nach dem Streit um den Erhalt der "Rente mit 63" wird jetzt auch die vorgeschlagene Abschaffung der Minijobs heftig kritisiert. Brandenburger SPD- und CDU-Politiker stellen sich gegen die Pläne. Die Campingwirtschaft schlägt Alarm. Scheitert das ganze Rentenpaket?


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Debatte um Rentenreform Maxi-Streit um Mini-Jobs

Eine Leiter liegt auf einer Badeinsel auf dem Werbellinsee.
Eine Leiter liegt auf einer Badeinsel auf dem Werbellinsee.

Von Thomas Bittner

Heiner Koch ist Dauercamper im Campingpark Sanssouci, direkt am Templiner See bei Potsdam. Er genießt als Rentner den Sommer unter Bäumen. Und verdient sich noch etwas dazu. Er fährt hier den Shuttle-Bus, der morgens die Camper in die Stadt und abends zurück zu Zelten und Wohnmobilen bringt.

Als Minijobber bekommt er seinen Lohn dafür "auf die Hand", nur der Arbeitgeber zahlt etwas in die Sozialkassen ein. "Man will ja als Rentner auch noch was erleben. Mit diesem Geld kann ich mir einige Sachen leisten, auch für die Enkelkinder."

Sein Arbeitgeber ist Dieter Lübberding, Betreiber des "Königlichen Campingparks Sanssouci". "Minijobs decken uns die Spitzen ab, wenn wir in der absoluten Hauptsaison für einige Stunden Hilfe brauchen", erklärt der Familienunternehmer.

124.00 Minijobber in Brandenburg

Ohne Minijobs könnten die mehr als 170 Campingplätze in Brandenburg nicht wirtschaftlich arbeiten, denn für ganzjährige Vollzeitjobs reichen die Einnahmen nicht.

Längst sind die "geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse" mehr als nur ein zu vernachlässigender Hinzuverdienst für Rentner, Schüler oder Studierende. "Minijobs werden zur dauerhaften, sozial kaum abgesicherten Beschäftigungsform", analysierte die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission. In Brandenburg gibt es schon 124.00 Minijobber, vor allem im Handel, in Autowerkstätten, Restaurants und Hotels. Und eben auf Campingplätzen.

Keine Ausnahmen für Minijobs bei Steuern

Doch jetzt soll es den Minijobs an den Kragen gehen. Es ist die Empfehlung Nummer 26 aus der Liste mit 33 Vorschlägen der Rentenkommission, die nun die Gemüter erhitzt. Die Kommission empfiehlt, zukünftig Minijobs voll in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen und ihren Sonderstatus bei Steuern und Sozialversicherung abzuschaffen. Ausnahmen sollten nur noch für Schülerinnen und Schüler vorgesehen werden.

Eigentlich sind auch Minijobs versicherungspflichtig für die Beschäftigten: 3,6 Prozent Eigenanteil ist vorgesehen. Aber bisher gibt es die Möglichkeit, sich gegen den Rentenbeitrag zu entscheiden, damit aus der Beschäftigung mehr herausspringt. Davon machen sehr viele Minijobber Gebrauch. Ein doppeltes Minus: In die Rentenkasse fließt kein Geld vom Minijobber und die Beschäftigten sind im Alter nicht abgesichert.

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Wir haben Angst, dass die Leute nicht mehr kommen, weil sich das für sie nicht mehr rechnet, wenn sie 200 Euro verlieren

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Dieter Lübberding, Campingpark-Betreiber

Die Kommission sieht in den Minijobs einen Irrweg, weil man sich wegen der Obergrenze – derzeit 603 Euro – nicht aus der Teilzeitfalle befreien kann und weil die Sozialversicherungen mit erheblichen Mindereinnahmen zu kämpfen haben. Deshalb soll der Brutto-gleich-Netto-Job verschwinden.

Wenn man regulär Beiträge in die Renten-, Krankenkassen-, Pflege – und Arbeitslosenversicherung einzahlen muss, bleiben von den 603 Euro schnell nur noch 300 Euro bis 470 Euro übrig. Das macht die Jobs unattraktiv, wenn die Arbeitgeber nicht höhere Summen zahlen.

Widerstand von SPD und CDU

Wie schon bei der Diskussion um die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren kommt der Widerstand gegen die De-facto-Abschaffung der Minijobs derzeit aus den Ländern, auch aus den Parteien, die in Berlin die Regierung stellen.

Neuestes Beispiel: Kurt Fischer, bekannt als SPD-Generalsekretär in Brandenburg, schreibt an seine eigene Parteivorsitzende, aber diesmal als Brandenburger Präsident des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland. Statt "Liebe Bärbel" heißt es "Sehr geehrte Frau Bundesministerin Bas". Der Minijob solle als "flexible Beschäftigungsform" erhalten bleiben.

"Viele Betriebe müssten Öffnungszeiten reduzieren"

"Viele Betriebe müssten ihr Leistungsangebot einschränken, Öffnungszeiten reduzieren oder Dienstleistungen zurückfahren. Gleichzeitig würde sich der ohnehin bestehende Fachkräftemangel weiter verschärfen, da kurzfristige und saisonale Personalbedarfe kaum noch gedeckt werden können", fasst Fischer im Brief die Konsequenzen der Rentenpläne zusammen.

Damit trifft er die Stimmung auf den Zeltplätzen. "Wenn immer weniger übrigbleibt, macht es keinen Spaß mehr, wird es weniger lukrativ", sagt Heiner Koch auf dem Sanssouci-Platz. Und Unternehmer Lübberding sorgt sich: "Wir haben Angst, dass die Leute nicht mehr kommen, weil sich das für sie nicht mehr rechnet, wenn sie 200 Euro verlieren, und wir die Spitzen nicht mehr abdecken können."

SPD-Mann Fischer bekommt Rückendeckung von Frank Bommert, dem stellvertretenden Fraktionschef der CDU im Landtag, Wirtschaftspolitiker und selbst Unternehmer: "Ich finde die Abschaffung des Minijobs nicht gut, weil der Job dann für die Unternehmen zu teuer wird und die Leute ausbremsen wird, die nebenbei noch was machen wollen."

"Erscheinungsbild einer geschlossenen Partei zerstört"

Dass CDU- und SPD-Politiker aus den Ländern bereits jetzt die Rentenpläne torpedieren, ist für den Politikbeobachter Albrecht von Lucke, Redakteur der Fachzeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik", ein Zeichen sinkender Autorität.

"Es sind mittlerweile beide Parteiführungen so schwach, dass sie nicht mehr die Autorität haben, ihre Partei auf Linie zu bringen." Er habe gewaltige Zweifel, ob das Rentenpaket durchkomme. Statt die Rentenreform als “Gesamtkunstwerk” zu unterstützen, melde jeder seine Einzelinteressen an. "Das zerstört natürlich das Erscheinungsbild einer geschlossenen Partei."

SPD-Generalsekretär und Camping-Lobbyist Fischer sieht das anders: "Beim Minijob kann ich das auch gut mit meinen Ansichten als Sozialdemokrat vereinen, weil ich überzeugt davon bin, dass der Minijob oft Menschen mit geringen Einkommen unterstützt. Am Ende sitzt niemand an der Kasse und verdient sich was dazu, der richtig großes Vermögen hat."

Für die Menschen mit wenig Einkommen möchte er den Minijob erhalten. Als Camping-Präsident und als Sozialdemokrat.

Gesetze kommen nie so aus dem Parlament heraus, wie sie eingebracht werden. Für Fischer sind die abschlagsfreie vorzeitige Rente und die Minijobs nur "zwei Punkte eines sonst sehr großen Pakets, an denen wir im parlamentarischen Verfahren noch arbeiten sollten."

Fixbetrag für die Rente als Kompromiss

Bei den Minijobs könne es sicherlich auch Kompromisslösungen geben, sagt Fischer im rbb24-Gespräch. Man könnte einen Fixbeitrag für die Rente festlegen. Mehr Beitrag als heute, aber immer noch lukrativ genug als Anreiz für Minijobber.

Darauf könnte es hinauslaufen: Die Rentenkommission hatte selbst Ausnahmen für Schülerinnen und Schüler vorgeschlagen, Rentnerinnen und Rentner haben von Rentenbeiträgen und Arbeitslosenversicherungen ohnehin nichts. Und Fischer schlägt im Brief an Bärbel Bas eine "eigenständige Regelung für saisonabhängige Tourismusbetriebe" vor.

Auf Kompromisse setzen viele, der Minijobber auf dem Campingplatz, der Unternehmer genau wie der SPD-Politiker: Keiner will die Rentenreform als Ganzes scheitern sehen. "Man muss doch an die Generationen nach uns denken", sagt Rentner Koch. Und rauscht mit dem Camping-Park-Shuttle vom Platz.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell , 14.08.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 14.08.2026, Ismahan Alboga

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