Weil er seine „große Liebe heiraten“ werde, hat ein katholischer Priester den Verzicht auf seine Pfarrei erklärt – mit 63 Jahren. Beim Zölibat ging es lange um nicht gelebte Sexualität. Vielleicht sind andere Fragen wichtiger.
26.08.2026 · 12:07 Uhr
Papst Leo XIV. nach seiner Wahl auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan. Er will am Pflichtzölibat nicht rütteln. (Archivbild)
Foto: Oliver Weiken/dpa/Oliver WeikenAnalyse | Oberursel/ Düsseldorf · Weil er seine „große Liebe heiraten“ werde, hat ein katholischer Priester den Verzicht auf seine Pfarrei erklärt – mit 63 Jahren. Beim Zölibat ging es lange um nicht gelebte Sexualität. Vielleicht sind andere Fragen wichtiger.
Plötzlich geht es wieder um den Zölibat. Um die Ehelosigkeit, zu der sich katholische Priester verpflichten. Aus offizieller katholischer Sicht ist dieser Verzicht eine Gnadengabe des Heiligen Geistes, ein sogenanntes Charisma, das Priester von anderen abheben und das Priesteramt als besonderen Weihestand auszeichnen soll. Doch kann dieses Charisma zu einer schweren Bürde werden, wenn der Entschluss, oft in jungen Jahren gefasst, nicht für ein ganzes Leben trägt.
Anlass ist diesmal der Rückzug eines katholischen Pfarrers in Hessen. Wegen einer bisher heimlichen Beziehung zu einer Frau hat Andreas Unfried nach 37 Jahren im Priesterstand auf seine Pfarrei im Taunus verzichtet. „Der Grund ist, dass ich heiraten werde“, erklärte der 63-Jährige auf der Internetseite seiner Pfarrei. Er habe dem Limburger Bischof Georg Bätzing seinen Verzicht mitgeteilt. Das Bistum erklärte, es respektiere die persönliche Entscheidung, danke Unfried „für sein jahrzehntelanges Wirken“ und wünsche ihm alles Gute. Bischof Bätzing habe von der heimlichen Liebesbeziehung nichts gewusst.
Der Pfarrer ist nun suspendiert, wie in solchen Fällen üblich. Er wird eine Rente bekommen, verliert also Ansprüche auf die höhere Priesterpension, die ihm in knapp zehn Jahren zugestanden hätte. Und die Gemeinde St. Ursula in Oberursel und Steinbach verliert einen offenkundig engagierten Pfarrer. Zumindest gibt es Äußerungen von Menschen aus seiner Gemeinde, die Verständnis zeigen und sich wünschten, es gäbe keinen Zölibat, damit Pfarrer wie Unfried der Kirche nicht verloren gingen.
Außergewöhnlich ist der Fall, weil der Pfarrer erst im vorgerückten Alter seinen Rückzug vollzieht. Auf der Homepage seiner Gemeinde hat Unfried eine lange Erklärung veröffentlicht. Darin schreibt er, dass ihm immer klar gewesen sein, dass die katholische Kirche das Priesteramt mit dem Pflichtzölibat verknüpft. Er habe dies auch nach Kräften versucht zu leben, müsse aber anerkennen, dass er dieses Charisma nicht wirklich in sich trage. Er führt dann länger aus, wie sehr ihn seine Aufgaben als Pfarrer erfüllt hätten und dass er seiner Kirche dankbar sei für alle Entwicklungsmöglichkeiten. Er scheide ohne Groll.
Er schreibt aber auch, dass er die 37 Jahre seiner Amtszeit nicht ohne den Rückhalt seiner Lebenspartnerin durchgestanden hätte. „Es ist Zeit – so spüre ich es –, nun die Gewichtungen anders zu verteilen, da sie in den verdienten Ruhestand gegangen ist und auch für mich das Ende der beruflichen Tätigkeit nahegekommen ist. Sie hat lange auf mich gewartet. Dafür bin ich sehr dankbar. Nun ist es genug“, so Unfried in seiner Erklärung.
Am Ende empfahl man, als Charisma solle der Zölibat bestehen bleiben, aber nicht mehr zwingend Voraussetzung für das Priesteramt sein. Aus Rom kommen jedoch bisher eindeutige Signale: Am Pflichtzölibat wird nicht gerüttelt. Papst Leo XIV. bezeichnet ihn als ein zu bewahrendes und zu förderndes Charisma. Gabe oder Zwang? Auf diese Frage läuft es hinaus.
Der Pfarrer in Hessen hat darauf eine persönliche Antwort gefunden: Er hat sich das Leben als Priester und Gemeindepfarrer nicht nehmen lassen, zugleich aber den Rückhalt in einer festen Partnerschaft gesucht. Das kann man pragmatisch oder heuchlerisch nennen, man kann auch darauf verweisen, dass der Priester erst mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit tritt, als seine Partnerin und er selbst die Rente vor Augen haben und damit ihr Lebensunterhalt gesichert ist. In jedem Fall hat da einer in einem System mit klaren Regeln heimlich eigene Regeln gelebt. Und das nun spät, aber selbstbewusst bekannt.
Seine Erklärung offenbart Diskurs-Verschiebungen innerhalb der katholischen Kirche. Der Pfarrer, der den Zölibat gebrochen hat, sieht sich selbst nicht sündig und zieht sich nicht reuig zurück, wie es in vergleichbaren Fällen früher oft geschah. Unfried erklärt freimütig, dass er die Aufgaben seines Amts gern erfüllt hat, nur der einen Pflicht nicht genügen konnte.
Das entspricht den Argumenten jener, die keinen zwingenden Zusammenhang sehen zwischen der Berufung zum Priesteramt und dem Verzicht auf Ehe und sexuelle Beziehungen. Kritiker des Pflichtzölibats meldeten sich denn auch aktuell zu Wort. Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ etwa dankte Unfried für seinen Mut zur Ehrlichkeit und nannte die Pflicht zum Zölibat „himmelschreiend“. Auch die Ehe sei ein Charisma, die Kirche müsse sich dieser Möglichkeit öffnen.
Wie ehrlich es ist, wenn ein Pfarrer viele Jahre in der festen Beziehung zu einer Frau lebt, dies aber erst nach Jahren zugibt, sei dahingestellt. Unfrieds Erklärung ist zu entnehmen, wie sehr er seine Aufgaben geliebt und sich auch in schwierige Themen wie der Reform von Gemeindestrukturen eingebracht hat. Sein Bekenntnis zu einer Partnerschaft und seine Absicht, die Ehe einzugehen, reißen ihn nicht nur aus seiner Arbeit, sondern werden auch Brüche nach sich ziehen zu Menschen, die ihm nach so vielen Jahren in der Gemeinde wichtig geworden sind. Die müssen nun damit umgehen, dass es da etwas Verheimlichtes gab.
Über den Zölibat ist bisher oft mit verengtem Blick auf die ungelebte Sexualität von Priestern diskutiert worden. Aber es geht um mehr: um den Rückhalt in einer Beziehung, wenn ein sozialer Beruf viel von einem Menschen fordert. Um den Verzicht auf Kinder. Um Isolation im Alter. Einsamkeit, das zeigen Befragungen, ist das größte Berufsrisiko von Priestern.
Unfried hat in einer Priestergemeinschaft gelebt, die er nun auch zurücklässt. Andere Pfarrer, die den Zölibat gewissenhaft leben, fallen im Alter aus den Bindungen in ihren Gemeinden und sind allein. Auch das ist die Folge einer Pflicht, die sie eingehen mussten, um ihrer Berufung zu folgen.
Die katholische Kirche erlebt schon jetzt, wie viele potenzielle Seelsorger sie auch deswegen entbehrt, weil sie einen Verzicht zur Gabe erklärt, die nur wenigen aufrichtig gegeben ist. Quantitäten aber haben Rom noch nie beeindruckt.
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