Mit den neuen KI-Funktionen verwandelt sich Google von der Such- zur Antwortmaschine. Das hat drastische wirtschaftliche Folgen – und droht, die lebendige Öffentlichkeit trockenzulegen. Was kann die Meinungsvielfalt schützen?
19.09.2026 · 08:18 Uhr
Analyse · Mit den neuen KI-Funktionen verwandelt sich Google von der Such- zur Antwortmaschine. Das hat drastische wirtschaftliche Folgen – und droht, die lebendige Öffentlichkeit trockenzulegen. Was kann die Meinungsvielfalt schützen?
Für die Nutzer ist es nur eine kleine Veränderung, die das Leben bequemer macht: Seit einiger Zeit verweist die weltweit dominierende Suchmaschine Google bei einer Anfrage nicht mehr auf andere Webseiten mit den gesuchten Infos. Google gibt die Antwort selbst. Eine KI-Funktion durchforstet dazu blitzschnell diverse Webseiten und liefert ausgewählte Infos knapp und einfach zusammengefasst. Die meisten Nutzer klicken danach nicht weiter zu den Quellen. Antwort genügt. Nächste Frage.
Diese scheinbar harmlose Veränderung an der Benutzeroberfläche hat enorme Auswirkungen auf das, was wir Öffentlichkeit nennen. Also auf jenen sensiblen Raum, in dem möglichst vielfältige Informationen und Meinungen für alle zugänglich sein sollten. Denn seit Google sich von der Such- zur Antwortmaschine wandelt, leitet die Plattform kaum noch weiter zu anderen Webseiten. Die klassischen Informationsanbieter, zu denen auch dieses Medium zählt, können ihr Angebot aber nur finanzieren, wenn sie Kontakt zu den Leserinnen und Lesern haben und die zum Beispiel Abos abschließen. Wenn Google die Nutzer also fernhält, verlieren gerade die Akteure ihre wirtschaftliche Grundlage, bei denen sich die Suchmaschine großzügig bedient – ohne Gegenleistung.
Keine Weiterleitung mehr. „Google zero“ – dieses Szenario mit allen Folgen für die Vielfalt der Öffentlichkeit und damit für die Demokratie wird in Fachkreisen schon länger diskutiert. Nun wird es Wirklichkeit – rasend schnell. Medienhäuser waren bisher zurückhaltend, diese Entwicklung zu thematisieren, weil das leicht als Gejammer über die eigenen Branchenbedingungen missverstanden werden kann. Aber was gerade geschieht, wird grundsätzliche Auswirkungen darauf haben, wie Menschen in demokratischen Gesellschaften sich informieren, wie sie miteinander reden – und worüber.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur KNA, man werde eine Pleiteserie bei lokalen Rundfunkanstalten, Zeitungen, Magazinen und Fernsehanstalten erleben. Es treffe die gesamte Bandbreite der Medien und verändere damit die demokratische Substanz in Deutschland. Bei den Medientagen Mitteldeutschland hatte er schon im Frühjahr gesagt, die Medienlandschaft befinde sich nicht in einem Wandel, sondern erlebe einen „Achsbruch". Weimer, der selbst aus dem Journalismus kommt, griff auch das Schlagwort vom „Mediazid" auf – ein Kofferwort aus Medien und Genozid, das in seiner Drastik angreifbar ist. Allerdings macht es klar, worum es geht: um ein Veröden der Öffentlichkeit, wie wir sie in Deutschland bisher kennen.
Seriöser Journalismus sei in einen ruinösen, gesellschaftspolitisch noch weitgehend unverstandenen Kampf um Autonomie verstrickt, sagt Bernhard Pörksen. „Um überhaupt überleben zu können, muss Journalismus in einer boulevardesken, von Fehlanreizen und Erregungsspiralen regierten Aufmerksamkeitslotterie mitspielen“, so der Medienwissenschaftler. Die Regeln dieser Lotterie würden von ein paar Big-Tech-Giganten in den USA geschrieben – und nach Belieben verändert.
Genau das passiere gerade mit Google, das seine Schleusen zu den journalistischen Anbietern schließt. Denen bleibe eigentlich nur die Möglichkeit, selbst zur Plattform zu werden, um die publizistische Unabhängigkeit zu wahren. Das bedeute aber, dass auch seriöse Medien mit viel Nutzwert, lebensweltlichen Storys, Rätselgeschichten und anderem Unterhaltungsbeiwerk genug Abonnentinnen und Abonnenten finden und binden müssten. Die New York Times mache das vor, verfüge aber auch über riesige Kapazitäten.
Auch der Medienwissenschaftler Martin Andree warnt seit Jahren vor dem wachsenden Einfluss von Tech-Konzernen mit Monopolstellung. Für seine jüngste Studie „Vermessung der digitalen Welt“ hat er schwer zu bekommende Verweildaten ausgewertet. Im Vergleich zu 2018 hat Google die Zeiten, die Nutzer in den unterschiedlichen Anwendungen der Plattform verbringen, mehr als verdreifacht.
„Wir haben rein feudalistische digitale Zustände geschaffen“, sagt Andree. „Weil der Feudalherr über nahezu unbegrenzte Macht verfügt, kann er nach Belieben über die Lehensbauern verfügen und ihnen entweder immer mehr Abgaben abpressen – oder sie einfach ganz enteignen und von ihrem Land vertreiben.“ In der digitalen Welt seien die unabhängigen Anbieter Google vollständig ausgeliefert.
„Ich halte die aktuelle Entwicklung für eine große Gefahr“, sagt Alexandra Geese, Europaabgeordnete der Grünen mit Schwerpunkt Digitalpolitik. Abnehmender Medienpluralismus zerstöre die Basis jeder freiheitlichen Demokratie. Eine von ihr angestoßene Erhebung habe ergeben, dass die Durchleitung von Suchmaschinen auf die Webseiten journalistischer Anbieter in kurzer Zeit um 40 Prozent gesunken sei. „40 Prozent Umsatz wettzumachen, während man ohnehin schon etwa die Hälfte der Werbeeinnahmen an Google abgeben muss, ist eine enorme Einbuße. Ich weiß nicht, wie viele Verlage in Deutschland das durchhalten können“, so Geese. Sie plädiert für ein Verbot automatisierter Antworten von Suchmaschinen, die sich bei journalistischen Quellen bedienen, ohne den Urhebern dafür Geld zu zahlen. Das Monopol von Google müsse aufgebrochen werden.
Außerdem plädiert sie dafür, in Europa ein Vergütungsmodell einzuführen, über das geregelt wird, wie die KI-Anbieter diejenigen bezahlen, deren Inhalte sie verwenden. „Das muss einheitlich geregelt werden, nicht in einzelnen Lizenzverträgen, weil sonst nur die großen Marktteilnehmer zum Zug kämen“, sagt Geese. Auch das würde zu abnehmender Vielfalt führen und der Demokratie schaden.
Der European Publishers Council (EPC), ein Verband großer europäischer Verlage, hat im Februar eine kartellrechtliche Beschwerde gegen Google und Alphabet bei der Europäischen Kommission eingereicht. Sie richtet sich gegen die KI-Funktionen „AI Overviews“ und „AI Mode“ in der Google-Suche. Die Verlage sehen darin einen möglichen Missbrauch von Googles marktbeherrschender Stellung, weil die Suchmaschine journalistische Inhalte ohne ausreichende Vergütung nutzt.
Parallel dazu untersucht die Kommission seit Dezember 2025, wie Google Inhalte von Webverlagen und auf YouTube hochgeladene Inhalte für KI-Angebote verwendet. Im Juli verhängte die EU-Kommission zudem eine Geldbuße von 890 Millionen Euro gegen Google wegen zweier Verstöße gegen das Gesetz über digitale Märkte (DMA): Dabei ging es um die Bevorzugung eigener Dienste in der Google-Suche und um Einschränkungen beim Weiterleiten von Nutzern zu alternativen Angeboten im Google Play Store. Die Kommission prüft außerdem, wie die Grundsätze dieser Entscheidung auf die KI-Assistenten in der Google-Suche anzuwenden sind. Google kann gegen die Entscheidungen vor dem EU-Gericht vorgehen.
Die amerikanischen Tech-Konzerne sammeln immer mehr Daten ihrer Nutzer, um nach undurchsichtigen Kriterien Persönlichkeitsprofile zu erstellen und Werbung gezielt zu platzieren. Europaabgeordnete Geese hält auch das für ein zentrales Problem, weil diese undurchsichtigen Methoden unter anderem zu Hyperpersonalisierung führen. Menschen bekommen nur noch die Informationen, die genau zu ihrer Vorstellungswelt passen. Das treibt den Einzelnen unbemerkt in eine Echokammer. Wie es anderen geht? Was Mitmenschen mit ganz anderen Lebensumständen umtreibt, erfährt man gar nicht mehr. Obwohl man doch Stunden „im Netz unterwegs“ ist.
Es geht anders. Erste Tech-Unternehmen in Europa arbeiten an gemeinwohlorientierten KI-Anwendungen, die nicht auf eine Monopolstellung in der Öffentlichkeit zielen. Diese Anbieter sammeln keine Daten für Persönlichkeitsprofile, spionieren ihre Nutzer also nicht aus, sondern fragen sie nach ihren inhaltlichen Interessen und stimmen ihre Angebote nachvollziehbar darauf ab.
„Außerdem arbeiten sie nicht mit toxischen Algorithmen“, sagt Geese. Sie programmieren ihre Apps also nicht so, dass bevorzugt negative, strittige, radikale Inhalte geteilt werden. „Bisher werden ja selbst seriöse Medien in diese negative Logik gezwungen, damit sie in den Suchmaschinen überhaupt vorkommen“, so Geese. Das sorge für die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft und dafür, dass radikale Kräfte erstarken, die die Demokratie am Ende abschaffen könnten. App-Entwickler, die konstruktiv am Erhalt einer vielstimmigen Öffentlichkeit arbeiten, bräuchten aber Investoren, sagt Geese, da seien auch die Verlage gefragt.
Obwohl die Suchmaschinen scheinbar auf jede Frage eine Antwort geben, sieht Pörksen auch für die Zukunft Felder, die nur der Journalismus bedienen kann, etwa investigative Berichterstattung, Hintergrundanalysen, Einordnung und die persönlichen Stimmen von Autorinnen und Autoren, die über Expertise verfügen und Vertrauen beim Publikum genießen. Allerdings sei die Frage, ob Einnahmen in diesen Feldern als wirtschaftliche Basis genügen oder ob es langfristig gesellschaftliche Unterstützung etwa durch Stiftungen braucht. Neben den Reaktionen des Journalismus selbst und vorsichtiger Regulierung des Marktes, wie die EU es etwa mit dem Gesetz über digitale Dienste (DSA) begonnen hat, hält Pörksen zudem Medienbildung für wesentlich.
„Wenn jeder im Internet zum Sender werden kann, sollte auch jeder die wichtigsten Prinzipien von Journalismus kennen“, sagt Pörksen. Was sind glaubwürdige, relevante, veröffentlichungsreife Informationen? Das müsse heute jeder Mensch beantworten können. Pörksen wirbt dafür, solches Wissen an Schulen zu vermitteln und so langfristig eine „redaktionelle Gesellschaft“ zu etablieren, die unterscheiden kann zwischen intransparenten KI-Antworten und recherchierten Informationen.
Allerdings sieht auch Pörksen gerade gegenteilige Kräfte am Werk: Populisten, die alles daran setzen, Vertrauen in Journalismus zu zerstören, gewinnen in vielen Ländern Europas an Einfluss. Auch weil ihre Inhalte zur Logik der amerikanischen Konzern-Plattformen passen, die auf Polarisierung setzen und Nutzer nur noch in ihrem „Ökosystem“ halten wollen. „Schon jetzt gibt es raunende Medienverdrossenheit und ein Lügenpresse-light-Milieu“, sagt Pörksen. Das verhindere, was eigentlich die Zukunft sein müsse: Dialog auf Augenhöhe zwischen aufgeklärtem Publikum und Medien, die ihre eigenen Arbeitsbedingungen transparent machen. Die also etwa offenlegen, wie sie in Redaktionskonferenzen über Themen diskutieren, recherchieren, schreiben – und was das alles kostet.
Die Öffentlichkeit steht durch profitgesteuerte KI-Angebote also systematisch unter Druck. Gleichzeitig wirkt die Polarisierungslogik der mächtigen digitalen Plattformen und beschleunigt das Erstarken autoritärer Kräfte. Raue Zeiten, in denen Gesellschaften verstehen müssen, was mit ihrer Öffentlichkeit geschieht. Bevor der Marktplatz der Demokratie planiert ist.
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