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„Viele sind überfordert, und ich verstehe es“ – eine CDU-Hochburg driftet ab

Дата публикации: 22-08-2026 12:46:54

Im gutbürgerlichen Südwesten reagieren viele gereizt auf die derzeitige Politik. Auf der Schloßstraße treffen wir nur Leute, die mit links oder rechts liebäugeln.

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Eines steht fest: Sie werden alle wählen gehen. Das ist eines der wenigen Dinge, denen hier alle zustimmen.

Sei es der Bauleiter Micha M., die Sozialarbeiterin Jule Friedrich, oder sei es Max A. aus der queeren Community. Im wahltüchtigsten Bezirk Berlins wollen sie bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September ihr Kreuz setzen, auch Freunde und Bekannte, selbstverständlich. Immerhin diese Statistik scheint noch zu stimmen. Denn eine andere könnte bald fallen: dass Steglitz-Zehlendorf eine CDU-Hochburg ist.

„Für mich wird nichts getan“, sagt Angelika B. am Mittwochmorgen auf der Schloßstraße. Die 59-Jährige möchte nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Aber sie möchte erzählen, was sie bewegt, wenn sie an Steglitz denkt: dass niemand mehr auf die anderen gucke. Dass es immer dreckiger geworden sei.

Wachsender Unmut

„Keiner guckt mehr auf den anderen“, meint sie. Heute wird sie nicht die Einzige bleiben, die einen wachsenden Unmut im Kiez wahrnimmt, eine Art Ellbogenmentalität. Dabei dürfte man doch vom einst so bürgerlichen Steglitz-Zehlendorf etwas anderes erwarten.

Der Bezirk ist seit Jahrzehnten christdemokratisch. Konkurrenz bot allenfalls die SPD, neulich auch die Grünen. Doch die Mauern der Hochburg wackeln: Bei der letzten Bundestagswahl kam die CDU nur auf 26,8 Prozent der Zweitstimmen. Auf Bezirksebene hat sich mittlerweile eine grün-rot-gelbe Koalition mit der grünen Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg gebildet.

Wahlplakate mehrerer Parteien an einem Laternenmast an der Schloßstraße in Berlin-Steglitz.

Wahlplakate mehrerer Parteien an einem Laternenmast an der Schloßstraße in Berlin-Steglitz.

© Charlotte Hansel für Berliner Zeitung

In Steglitz-Zehlendorf scheinen die einst christlichen und gutbürgerlichen Werte an Einfluss zu verlieren. Die politische Stimmung wirkt bei vielen Leuten angespannt, fast schon ein wenig gereizt. „Scheuklappen“ und „Schroffheit“ sind Wörter, die in Gesprächen über die Atmosphäre fallen.

Dabei wirkt Steglitz auf den ersten Blick noch so, wie man es kennt: Menschen stöbern durch die Geschäfte auf der Schloßstraße, trinken Kaffee auf dem Bürgersteig, eilen zum Sportkurs. Ein paar unterhalten sich am Zeitungsstand, Kinderwagen werden in Einkaufscenter geschoben.

AfD wählen – für das Gefühl, man hätte eine Chance

Doch unter der Oberfläche der gediegenen Einkaufsstraße scheint sich etwas zu regen. Kein einziger Mensch kommt heute mit uns ins Gespräch, ohne den Müll oder die Sicherheit anzusprechen.

„Es wird immer dreckiger“, sagt Angelika B. „Und nach acht oder neun Uhr abends fahre ich nur sehr ungerne Bahn.“ Die Hauswartin, die seit zwanzig Jahren in Steglitz arbeitet, fühlt sich nicht mehr sicher im ÖPNV. Auch sie selbst sei schon bedroht worden: „Keiner kümmert sich.“ Entsprechend wünscht sie sich mehr Sicherheitspersonal, mehr Schutz – von Frauenwaggons hingegen hält sie nichts.

Das normale Treiben auf der Schloßstraße: geschäftiger Verkehr, Passanten und Einzelhandel.

Das normale Treiben auf der Schloßstraße: geschäftiger Verkehr, Passanten und Einzelhandel.

© Charlotte Hansel für Berliner Zeitung

Nun, wer kann das richten? Mit der CDU ist Angelika B. „überhaupt nicht zufrieden“, Friedrich Merz hält sie für einen „Schwätzer“. Eine linke Bürgermeisterin fände sie noch trauriger. Nicht nur für sie lautet heute in Steglitz die Lösung: die AfD. „Ich verstehe, was die sagen“, meint Angelika B. Sie hält es für eine gute Idee, „jemand anderem mal die Chance zu geben“. Alle anderen Parteien hätten sich schon beweisen dürfen, nur die AfD nicht. Sie will sie wählen, „um ein Gefühl zu haben, man hat eine Chance“.

Die rund 300.000 Einwohner von Steglitz-Zehlendorf sind im Durchschnitt die ältesten in Berlin. Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind 40 und älter, das Durchschnittsalter liegt bei 46,5 Jahren. Auch die niedrigste Geburtenrate findet sich hier im Südwesten der Metropole. Fragt man die wenigen Eltern, sind sie auch nicht sonderlich zufrieden mit dem, was ihnen die Politik bietet.

„Wenn ich arbeiten würde wie Politiker, würde ich gefeuert“

„Als Vater ist es beschissen“, sagt Lukas Rademacher. Der 26-Jährige klagt über die finanzielle Lage von Eltern. Die Lebenshaltungskosten und Angebote für Familien seien zu teuer: „Es lohnt sich nicht, Kinder zu bekommen. Dabei ist Kinder zu haben das Schönste auf der Welt.“ Was ihn so wütend macht: dass Politiker gleichzeitig Steuergelder in Milliardenhöhe verschwendeten, wie beispielsweise in der Maskenaffäre von Jens Spahn. „Wenn ich so arbeiten würde, würde ich gefeuert“, ist das Fazit des Krankenpflegers.

Entsprechend treibt Rademacher auch das Gesundheitssystem um. Natürlich mischt sich da auch Bundespolitik in den Frust. Sein Urteil über die Pflegereform ist unumstößlich: „Ich sehe die Leute deswegen sterben“, sagt er. Er hält die Reform klar für gesundheitsgefährdend, da dringend benötigte und zeitsensible Versorgung wegfalle. Auch die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern kritisiert er. Deshalb müsse er eigentlich grün oder links wählen. Er sei sich aber noch nicht sicher.

Der Krankenpfleger und junge Vater Lukas Rademacher wünscht sich ein bezahlbareres Leben für Familien.

Der Krankenpfleger und junge Vater Lukas Rademacher wünscht sich ein bezahlbareres Leben für Familien.

© Charlotte Hansel für Berliner Zeitung

„Unsägliche“ Mietpreise

Ein weiterer Dauerbrenner in den Gesprächen auf der Einkaufsmeile: die Miete. Dabei sind viele Ortsteile von Steglitz-Zehlendorf bekannt für gute Wohnanlagen und hohes Einkommen. Doch auch hier im Südwesten findet man es „unsäglich, was mit den Mietpreisen passiert“. So äußert sich die 73-jährige Marianne P.

Sie selbst hat zum Glück einen sehr alten, günstigen Mietvertrag. Doch in ihrem Haus hat sie schon drei Nachbarn wegen Eigenbedarfs verloren. Wenn dies dann noch alte Menschen träfe, sei das „eine Katastrophe“. Sie sieht es als positive Entwicklung, dass die linke Spitzenkandidatin Elif Eralp derzeit in den Umfragen vorne liegt. Kai Wegner empfand sie als „riesengroße Bremse“.

Ähnliches berichtet Micha M.: Der Bauleiter beobachtet eine schlechte Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. „Nur moderne Eigentumswohnungen“ würden gebaut – „kaum bezahlbar“, so sein Fazit.

Der Vorteil des Ungeprüften

Von der regierenden SPD ist er „völlig enttäuscht“, die habe er früher immer gewählt. „Vielleicht gibt es wirklich eine Alternative“, überlegt er. Vor allem den Umgang mit abschiebepflichtigen Personen nennt er als Begründung. Doch diesen Gedanken schiebt er sofort hinterher: Auch eine blaue Regierung würde seiner Meinung nach nicht funktionieren.

Die AfD scheint nicht nur für ihn letztlich das zu verkörpern, was im Namen steht: eine Alternative. Zu allem, was man schon probiert hat.

„Der Erfolg der AfD ist das Versagen der anderen Parteien“, fasst es Marianne P. zusammen. Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene empfindet sie das. Dies erinnert auch an die Argumentation von Angelika B., der 59-jährigen Hauswartin. In ihren Augen hat die AfD das Gegenteil eines Amtsbonus – den Bonus, noch nie verantwortlich gewesen zu sein. Diesen Gedanken teilt auch Micha M.

Micha M., 57, am Mittwochvormittag in Steglitz. „Ich habe alle Illusionen verloren“, sagt er über sein eigenes Wahlverhalten.

Micha M., 57, am Mittwochvormittag in Steglitz. „Ich habe alle Illusionen verloren“, sagt er über sein eigenes Wahlverhalten.

© Charlotte Hansel für Berliner Zeitung

„Ich verstehe die Überforderung, aber man darf sich nicht verschließen“

Eine andere Perspektive trifft man ein paar Querstraßen weiter. Hier spaziert Max A. gerade zum U-Bahnhof, um Besuch abzuholen: „Viele glauben den Schwachsinn der AfD. Aber nur weil jemand anders aussieht, ist der nicht gleich schuld.“

Für das Abgeordnetenhaus sei es sinnvoll, grün oder links zu wählen. Denn die würden eine Politik machen, die alle sichtbar macht und alle im Blick behält. Besonders der Anschlag auf den CSD und wie die Politik damit umgegangen sei, habe bei der queeren Community tiefe Spuren hinterlassen.

„Ich fühle mich verarscht von der Regierung.“ Nach dem Attentat „wurde Betroffenheit vorgespielt, und gleichzeitig werden dem CSD Rathenow die Mittel gestrichen.“ Hier spielt A. auf das Bundesprogramm „Demokratie leben“ an, bei dem Familienministerin Karin Prien (CDU) bei mehr als 200 Projekten die Mittel gekürzt hatte.

Max A. sieht eine allgemeine Überforderung bei vielen Menschen: überfordert mit Arbeitslosigkeit, mit der Vielfalt von Lebenswirklichkeiten, mit queeren oder geflohenen Menschen. „Ich kann das total verstehen, diese Überforderung. Aber man darf sich nicht verschließen und die einfache Meinung der AfD glauben“, findet A.

Max A., 39, holt Besuch von der Schloßstraße ab. „Ich glaube nicht, dass viele AfD-Wähler wissen, was im Wahlprogramm steht, was das für die Menschen bedeutet.“

Max A., 39, holt Besuch von der Schloßstraße ab. „Ich glaube nicht, dass viele AfD-Wähler wissen, was im Wahlprogramm steht, was das für die Menschen bedeutet.“

© Charlotte Hansel für Berliner Zeitung.

„Ich traue niemandem zu, das allein zu fixen“

Liegt da das Problem – die Überforderung und die Suche nach einer einfachen Lösung? Das Versprechen einer einfachen Lösung, die die AfD auch im gutbürgerlichen Steglitz bei der letzten Bundestagswahl auf mehr als zehn Prozent wachsen ließ.

Max A. glaubt nicht, dass viele AfD-Wähler das Programm der Partei gelesen haben oder gut kennen. Es gehe mehr um die Frustration und die Überforderung mit der bisherigen Politik.

Doch dass die Lösung nicht einfach sein könne, das fasst eine junge Frau zusammen, die man auch an diesem Vormittag trifft: Sie würde zwar eine linke Bürgermeisterin begrüßen, „aber ich traue niemandem zu, das allein zu fixen“, sagt Jule Friedrich, eine 28-jährige Sozialarbeiterin.

In ihrem Beruf in der ambulanten Jugendhilfe erlebe sie hautnah, dass Berlin mehr Miteinander brauche, nicht mehr Ausgrenzung und Alleingang. Am Ende brauche es eine Mischung – eine bessere Sozialpolitik, die aus der Wirtschaft gestärkt werde.

Auch sie gibt an, in einem sehr politischen sozialen Umfeld zu leben. Alle ihre Freunde würden auf jeden Fall wählen gehen. Ihre eigene Entscheidung stehe „im Herzen“ schon, aber sie werde sich alle Wahlprogramme durchlesen.

Am Ende verschwindet Friedrich, wie die anderen Gesprächspartner, wieder im Passantenstrom. Die Menschen laufen weiter über die Schloßstraße, in die Busse und Geschäfte. Die überwiegende Mehrheit von ihnen wird wohl pflichtbewusst wählen gehen. Doch wer ihnen die beste Lösung bietet, scheint bei den meisten noch nicht entschieden zu sein.

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