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„Wir wissen nicht mehr, was wir noch wählen sollen“: Berlin vor der Wahl, so unentschieden wie nie

Дата публикации: 22-08-2026 13:00:01

Vor der Abgeordnetenhauswahl fährt die Berliner Zeitung durch alle zwölf Bezirke – an Wahlstände, Haustüren und Wochenmärkte. Auftakt unserer großen Wahl-Serie.

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Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus, und noch nie in den vergangenen Jahren wirkte der Ausgang so offen. In den aktuellen Umfragen liegen Linke und CDU dicht beieinander. Mal liegt die eine vorn, mal die andere Partei. Während die AfD in manchen Erhebungen bereits auf Platz eins oder zwei steht – ein Bild, das es in dieser Form für die Hauptstadt noch nicht gab.

Wir stehen an Wahlständen, setzen uns in Cafés

Rund 2,5 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Und viele von ihnen, das zeigen Gespräche quer durch die Stadt, wissen bis heute nicht, wo sie ihr Kreuz setzen werden. Die Berliner Zeitung fährt deshalb in den kommenden Wochen, bis zum 12. September, durch alle zwölf Bezirke der Stadt – von Spandau bis Marzahn-Hellersdorf, von Neukölln bis Pankow, von Charlottenburg-Wilmersdorf bis Lichtenberg. Wir stehen an Wahlständen, setzen uns in Cafés und auf Parkbänke, um zu hören, was die Menschen bewegt: Wo drückt der Schuh am meisten? Was erhoffen sie sich von der Politik, und was haben sie längst aufgegeben, zu erwarten? Jeder Bezirk bekommt seine eigene Geschichte – und doch ergibt sich am Ende, Stück für Stück, ein Gesamtbild dieser Stadt kurz vor der Entscheidung.

Zwölf Bezirke, das heißt auch: zwölf sehr unterschiedliche Ausgangslagen. Spandau und Reinickendorf gelten traditionell als bürgerlich-konservativ geprägt, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow eher als links-grünes Terrain. Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg sind Bezirke, in denen die AfD seit Jahren überdurchschnittlich stark abschneidet. Doch diese vertrauten Zuschreibungen geraten in diesem Wahlkampf ins Wanken.

Kristin Brinker, AfD-Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin

Kristin Brinker, AfD-Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin

© IMAGO/Holger Much

Warum die Brandmauer für viele längst gefallen ist

Wer heute an einem Wahlstand steht, trifft auf CDU-Wähler, die offen zugeben, zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr sicher zu sein, wen sie wählen sollen. Er trifft auf Linke-Wahlkämpfer, die sich in Umfragen plötzlich als stärkste Kraft in der Hauptstadt wiederfinden. Und er trifft, gerade in den östlichen und südöstlichen Bezirken, auf eine AfD, die selbstbewusst davon spricht, die „Brandmauer“ sei im Alltag längst gefallen – eine Aussage, die man ernst nehmen muss, ohne sie unwidersprochen stehen zu lassen.

Ein Thema zieht sich dabei schon jetzt durch fast jedes Gespräch, unabhängig vom Bezirk und der politischen Präferenz: das Wohnen. Rund 30 Prozent der Berliner Wahlberechtigten nennen Wohnen und Mieten als das für ihre Entscheidung wichtigste Thema, weit vor allen anderen Politikfeldern.

Rund 2,5 Millionen Berliner können am 20. September bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus sowie zu den Bezirksverordnetenversammlungen ihre Stimme abgeben.

Rund 2,5 Millionen Berliner können am 20. September bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus sowie zu den Bezirksverordnetenversammlungen ihre Stimme abgeben.

© Britta Pedersen/dpa

Das ist keine Überraschung für eine Stadt, in der die Mieten seit Jahren schneller steigen als die Einkommen, in der neue Wohnungen zu selten und zu spät entstehen und in der der Unmut über Vonovia, Deutsche Wohnen und andere große Vermieter an nahezu jedem Wahlstand zu hören ist, den man in diesen Wochen besucht.

Der Berliner Mieterverein hat den Parteien dazu ausführliche Wahlprüfsteine vorgelegt – die Antworten offenbaren, wie unterschiedlich weit die Vorstellungen reichen, von einer neuen Landesbehörde bis zu eher zurückhaltenden Ankündigungen ohne konkrete Umsetzungsfristen. Die Linke fordert ein eigenes Landesamt für Mieterschutz und eine Task-Force gegen „Wuchermieten“. Die SPD verspricht, wie schon in früheren Wahlkämpfen, 20.000 neue Wohnungen pro Jahr, während CDU und AfD stärker auf Neubau und, im Fall der AfD, auf eine Bevorzugung „Einheimischer“ bei der Vergabe von Wohnungen der landeseigenen Gesellschaften setzen.

An zweiter Stelle der wichtigsten Wahlthemen folgt, mit deutlichem Abstand, die Mobilität. Auch das ist ein Thema, das sich nicht abstrakt aus Berlin-Mitte heraus lösen lässt, sondern das in jedem Bezirk anders aussieht – in Spandau ist es die überlastete Linie M36, in Marzahn-Hellersdorf die Frage nach einer Tram-Verlängerung, in Charlottenburg-Wilmersdorf der Streit um Fahrradwege und Parkraum.

Dazu kommen, je nach Umfrage und Erhebungszeitpunkt, innere Sicherheit, Bildung und die Sanierung maroder Schulen als weitere zentrale Anliegen – Themen, bei denen sich Bezirke wie Neukölln und Pankow zuletzt über ein milliardenschweres Landesprogramm gegen den Sanierungsstau freuen durften, dessen Wirkung vor Ort aber erst noch sichtbar werden muss.

Doch Wohnen und Verkehr sind nur die halbe Geschichte. In unseren ersten Gesprächen, etwa in Spandau, wird ein zweites, diffuseres Gefühl sichtbar, das sich nicht so einfach in Prozentzahlen fassen lässt: Erschöpfung.

Erschöpfung von Versprechen, die seit Jahren gemacht und selten eingelöst werden. Erschöpfung von einer politischen Debatte, die sich, wie es eine CDU-Wählerin am Spandauer Wahlstand formuliert, oft eher wie eine Vorgabe anfühlt, „wie man zu denken und zu fühlen hat“, als wie ein echtes Angebot zur Meinungsbildung.

Ein Wahlplakat von Stefan Evers, Kandidat der CDU

Ein Wahlplakat von Stefan Evers, Kandidat der CDU

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Diese Themen dominieren im Wahlkampf

Das erklärt vielleicht auch, warum sich traditionelle Bindungen lösen, warum langjährige CDU- oder SPD-Wähler plötzlich „wirklich mal gucken“ wollen, was die anderen Parteien zu bieten haben – und warum am Ende, wie so oft in umkämpften Wahlen, ausgerechnet die Unentschlossenen und Enttäuschten über den Ausgang entscheiden könnten.

Die CDU mit Stefan Evers tritt nach eigener Darstellung als Kraft der Mitte und des Pragmatismus an, verweist auf eine Verwaltungsreform und eine bessere Ausstattung von Polizei und Feuerwehr und schließt jede Zusammenarbeit mit Linken und AfD kategorisch aus.

SPD-Herausforderer Steffen Krach, der kein Amt im amtierenden Senat innehat, wirft der bisherigen Politik dagegen „Mutlosigkeit“ vor und setzt auf einen eigenen Mietendeckel sowie eine „positive wirtschaftliche Entwicklung“ für die Stadt.

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach

© Fabian Sommer/dpa

Bei der Linken, die in mehreren Umfragen zuletzt vorne lag, dominiert das Thema Miete den gesamten Wahlkampf; die AfD wiederum setzt konsequent auf innere Sicherheit und Migration und fordert unter anderem ein eigenes „Amt für Remigration“.

Zwischen diesen Polen bewegt sich eine Stadtgesellschaft, die sich – das zeigen die Umfragen zu den wichtigsten Wahlthemen ebenso wie unsere ersten Gespräche vor Ort – längst nicht mehr entlang der klassischen Ost-West- oder Arm-Reich-Linien sortiert, sondern viel kleinteiliger: nach Kiez, nach Wohnsituation, nach dem ganz persönlichen Erleben von Sicherheit, Mobilität und Zugehörigkeit.

An diesem Punkt setzt unsere Serie an. Wir wollen nicht nur Umfragewerte kommentieren oder Parteiprogramme nebeneinanderlegen, sondern zeigen, wie sich die große Berliner Wahlentscheidung im Kleinen anfühlt: am Wahlstand in der Spandauer Altstadt, wo eine Deutschlandfahne und eine Regenbogenfahne im selben Wind wehen. Am Helene-Weigel-Platz in Marzahn-Hellersdorf, wo Menschen seit Jahrzehnten in derselben Wohnung leben und über den Wandel ihres Kiezes sprechen.

Wahl 2026: Jeder Bezirk hat seine eigene Geschichte

In Neukölln, in Steglitz, in Lichtenberg. Jeder Bezirk hat seine eigene Geschichte, seine eigene Mischung aus Hoffnung und Frust – und doch verbindet sie alle dieselbe Frage, die sich in den kommenden Wochen zuspitzen wird: Wem trauen die Berliner zu, die Probleme dieser Stadt tatsächlich zu lösen? Rund ein Fünftel der Wahlberechtigten, das zeigt der aktuelle Berlin-Trend, traut das keiner Partei mehr zu.

Wir beginnen unsere Reise in Marzahn-Hellersdorf, wo die AfD bei der letzten Bundestagswahl kräftig zugelegt hat. Wir blicken weiter nach Steglitz-Zehlendorf und dorthin, wo Berlin am Wasser liegt und traditionell CDU-Land ist, aber längst nicht mehr sicher CDU-Land bleiben muss: nach Spandau. Es folgen neun weitere Bezirke, neun weitere Tage an Wahlständen und Haustüren, neun weitere Versuche, dieser Stadt ganz genau zuzuhören.

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