Macht Künstliche Intelligenz uns dumm? Die Medien sind voll von dieser Frage. Haben sie recht?
Crazy insane, got no brain: typischer KI-User
Foto: iStock/unomat
Hoppla, die KI kommt, jetzt geht alles den Bach runter. Es ist wie bei fast jeder neuen Technologie: Wenn sie sich durchsetzt, verlernen wir was. Kaum jemand kann noch Stoffe selber weben oder Hellebarden schmieden. Kopfrechnen ist zu einer selten genutzten Kulturtechnik geworden, Auswringen von Wäsche gelingt den wenigsten und viele Menschen haben die Kochkunst eingebüßt, weil sie ja nur die Mikrowelle auf- und zuklappen müssen für eine leckere Pizza.
Jetzt droht Künstliche Intelligenz. Die sogenannten Medien reagieren auf Neues gern mit Alarmbereitschaft. Alarm ist immer gut, den kann man nie früh genug machen, da hat man schon mal die erste Schlagzeile sicher. Später lässt sich dann mit großer Geste verkünden: Doch kein Weltuntergang! Nächste Schlagzeile im Sack. Derzeit wird (mit Recht) die KI diskutiert, und sie wird (mit Recht) argwöhnisch beäugt: Wer nutzt sie? Wer baut sie? Welche Informationen sammelt sie? Wo dringt sie in die gesellschaftlichen Strukturen ein und/oder ersetzt sie? Ist sie ein verdecktes Herrschaftsinstrument?
»P. M.« hakt nachDurch den Blätterwald rauschte in den vergangenen Monaten häufiger die Frage: »Macht die KI uns dümmer?« Und zwar nicht in dem Sinn, dass sie verdummende Informationen ausspuckt. Sondern durch die ganz konkreten Auswirkungen von KI-Nutzung aufs Gehirn. Wenn wir Hirntätigkeit auslagern, wenn wir uns immer mehr auf die pseudokreativen, pseudo-intelligenten Fähigkeiten der KI verlassen – verkümmert dann unser Lieblingsorgan aufgrund von Unterbeschäftigung?
Liest man die Schlagzeilen, so glaubt man sofort, dass etwas nicht stimmt. »Macht KI uns dumm?«, fragt die »Zeit«. Arte hingegen gibt zu bedenken: »Macht KI uns dumm?« Der Deutschlandfunk wägt ab: »Macht KI uns dümmer?« Die BBC teilt mit: »AI chatbots could be making you stupider.« Der SWR vertieft: »Macht KI uns dumm, denkfaul und unkritisch?« »Bild« hingegen rätselt: »Macht KI uns alle dumm?« (»uns alle« meint sicher: jetzt auch die Nicht-»Bild«-Leser). »P. M.« (formerly known as »P. M. – Peter Moosleitners interessantes Magazin«) hakt nach: »Verlernen wir durch KI das Denken?« »Spektrum der Wissenschaft« präzisiert: »Macht ChatGPT uns dümmer?« Der »Spiegel«, das von Nostalgikern hin und wieder für relevant gehaltene Nachrichtenmagazin, verkündet: »Forschungen zeigen, dass der Mensch das Denken verlernt, wenn die Maschine übernimmt.«
Stopp mal bitte! »Forschungen«? Das ist noch nicht mal mehr präzises Deutsch. Was meinen die? »Die Forschung«? »Untersuchungen«? »Studien«? Die Hirne der »Spiegel«-Redigierenden bröckeln offenbar schon fleißig dahin.
»Digitale Demenz«, »Google-Effekt«, »Cognitive Surrender«: Schlagworte gibt es viele. Belastbare Fakten eher weniger.
Welche belastbare Information steckt hinter den Headlines? Der gesunde Menschenverstand würde ja annehmen, dass es noch kaum Studien geben kann zu der Frage, inwieweit eine Technologie, die erst seit wenigen Jahren in unsere Leben drängt, Langzeitwirkungen auf das Gehirn hat. Journalismus funktioniert aber so, dass er die besorgniserregende These liebt. Die wird mehr gelesen und verbreitet sich besser als die nachdenkliche, fragende, sorgsam abwägende Berichterstattung. Was die Frage der KI-Verdummung angeht, so folgt sie einem uralten Muster: Eine neue Technologie taucht auf. Mahnende Stimmen erheben sich. Was jetzt nicht alles für tolle Fähigkeiten verloren gehen, wahrscheinlich!
Tragikomik der Menschheit: Der Fortschritt macht uns inkompetent. Und wir freuen uns auch noch. Das große Erfolgsgeheimnis des Homo sapiens ist ja, dass er eine faule Sau ist. Feuer, Rad, Egge, Internet, Waschmaschine, Kita, Reiskocher, ChatGPT. Jede Erfindung war immer ein Schritt zu größerer Bequemlichkeit, oder zu steigendem Reichtum (der Besitzenden). Der Reichtum aber dient meist ebenfalls der Bequemlichkeit: Existenzangst go home, Roboter zu Arbeitssklaven, große Wohnfläche, schicke Yacht, hach! Fortschritt ist das Streben in ein weltliches Paradies. Für die, die es sich leisten können.
Der Treppenwitz dabei ist: Jede Innovation fordert naturgemäß auch wieder die Bequemlichkeit der Leute heraus. Denn sie müssen umdenken. Müssen was Neues lernen und begreifen und in ihr Leben lassen. Teufelszeug! Meistens haben die Leute es sich auf ihrer Scholle und in ihrem Weltbild schon so hübsch gemütlich gemacht. Traditionalisten sehen daher in jeder Neuerung Nervkram. Und sie klagen: Was jetzt alles an bewährten Kulturtechniken verloren geht!
Als einer das Feuermachen erfand, riefen die Protestler: Ja, aber wenn wir uns an diese Feuersache gewöhnen, werden wir verlernen, ganze Nächte zu durchwachen und ins Gebüsch zu starren, ob da irgendwo ein Säbelzahntiger sitzt! Und sie behielten Recht. Wieder und wieder behielten sie Recht. Durch jede Innovation ging etwas verloren. Wir können kein Netz für den Fischfang mehr knüpfen, können an Wolken und Vogelflug nicht mehr das Wetter für morgen erkennen, niemand sorgt mehr durch Regentanz oder Rosenkranzgebet für das Gelingen der Zukunft.
Peer Review? Keine Zeit!Nun wird also das Denken obsolet. Da sind wir sehr empfindlich. Viele meinen ja sogar, das Denken mache uns aus. Es geht gefühlt um unsere Kernkompetenz. Journalisten haben also zusammengetragen, was es zusammenzutragen gab, und sie haben getan, was getan werden musste, um uns vor der nächsten Bequemlichkeitsfalle zu warnen: KI-Nutzung könnte dazu führen, dass wir das Denken verlernen. Das Gehirn funktioniere nämlich, grob gesagt, wie ein Muskel: Wenn man es nicht trainiert, verkümmert es. Aber stimmt das auch?
Dass es so sein könnte, mutmaßt man seit Längerem. Die gewohnheitsmäßige Nutzung von GPS, sagt eine Studie von 2020, könnte dazu führen, dass unsere räumliche Orientierung schwindet. Ähnlich funktioniert der »Google-Effekt«: Die Nutzung der Suchmaschine führt dazu, dass wir uns immer mehr auf Google verlassen und weniger selber merken. Wir lagern mithin unsere Gedächtnisfähigkeit aus. Schon 2012 machte die Warnung vor »digitaler Demenz« die Runde, die unser Kurzzeitgedächtnis und andere kognitive Funktionen schädige. Das wurde begierig aufgegriffen, verbreitet – und konnte im vergangenen Jahr durch eine Meta-Studie nicht bestätigt werden.
Der Podcaster und BBC-Journalist Thomas Germain berichtet, starke KI-Nutzer schnitten bei einem Standardtest zu kritischem Denken klar schlechter ab als ihre Vergleichsgruppe. Und er berichtet vom Phänomen der kognitiven Kapitulation (»cognitive surrender«), die eine Studie der University of Pennsylvania herausgearbeitet hat: Die KI-Addicts trauen dem Urteil der KI mehr als dem eigenen Kenntnisstand. Oder der eigenen Intuition. Der Neurowissenschaftler Adam Green gibt dazu zu Protokoll: Wenn man den Denkprozess immer öfter an die KI auslagere, verkümmere die Fähigkeit zu denken. Dafür gebe es mittlerweile viele Belege.
Die meisten weltweiten Schlagzeilen allerdings gehen zurück auf eine Studie von Nataliya Kosmyna vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT): Kosmynas Team hat 54 Leute in drei Gruppen unterteilt und hat sie über mehrere Monate regelmäßig kleine Essays schreiben lassen. Eine Gruppe nutzte KI, die zweite Gruppe nutzte Google Search, die dritte verließ sich ausschließlich auf ihr gutes altes Gehirn. Während des Schreibens wurde die Hirnaktivität gemessen. Das Ergebnis: Wer nur das Hirn nutzte, oder höchstens noch Google Search, hatte eine wesentlich höhere Hirnkonnektivität. Verschiedene Hirnregionen kommunizierten also eifrig miteinander. Wer sich auf ein KI-Tool verließ, hatte deutlich weniger Konnektivität und hatte später auch größere Probleme, den Inhalt der eigenen Essays wiederzugeben. Kosmyna war von den Ergebnissen ihrer eigenen Untersuchung so begeistert, dass sie damit an die Öffentlichkeit ging, noch bevor die Untersuchung überhaupt peer-reviewed war. Schnelles Handeln war dabei ihre Priorität, ihre größte Sorge, dass KI-Tools ungetestet auf Schüler losgelassen werden könnten, und dass die Hirne der Heranwachsenden dabei Schaden nehmen könnten. Tun sie es?
Die »Zeit« ist da skeptisch. Sie zitiert die Neurowissenschaftlerin Sabrina Turker, die findet: »Wie ich das sehe, haben die Autoren primär gezeigt, dass ganz schnell ein Essay zu schreiben einfacher und kognitiv weniger anstrengend ist, wenn man KI verwenden kann.« Der Hirnforscher Martin Korte von der TU Braunschweig geht im SWR-Interview nicht davon aus, dass KI-Nutzung per se das Hirn schwächt: »Es kommt wie bei jeder Technik, wie bei jedem Medium darauf an, wie wir es nutzen. Wenn wir das Medium passiv nutzen wie bei einem Youtube-Video und uns das Wissen nicht selbst aneignen, nicht selbst Notizen machen oder Abbildungen anfertigen, dann kann das passieren.«
Woran erinnert uns das?Und seien wir ehrlich: Es gibt auch die Vorstellung, dass der bewusste Umgang mit der KI die Kognition stärken könnte. Wenn man etwa daran arbeitet, die eigenen Prompts immer weiter zu präzisieren. Wenn man übt, die Ergebnisse der KI kritisch zu hinterfragen. Aber auch, wenn man die KI als geistigen Sparringspartner nutzt, um eigene Gedanken und/oder Forschungsergebnisse auf den Prüfstand zu stellen.
Ist das Ende am Ende doch gar nicht so nah? Werden unsere Hirne nicht schrumpfen und zerfasern, wenn wir uns die Nutzung von KI angewöhnen? Dabei war das so eine schön einfache, hübsch dystopische Idee: Da ist diese Informationsbeschaffungs-Instanz, der man so einigermaßen vertraut; die aber eigentlich ihre Infos nur so fix wie möglich zusammenklaubt, ohne sie je recht auf Stichhaltigkeit abzuklopfen; die diese ganzen Infoschnipsel schnell scannt, zusammenmanscht und zu gut verdaulichen Info-Brocken aufbereitet. Huh! Woran erinnert uns das?
Genau. Es ist dies der Job der Journalisten seit ein paar Jahrhunderten. Schon klar, dass sie auf die KI allergisch reagieren.
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