Während Autofahrer in Berlin und Brandenburg tief in die Tasche greifen müssen, lockt Polen erneut mit deutlich günstigeren Spritpreisen. Der Tanktourismus nimmt wieder Fahrt auf.
Die erneut gesenkten Spritpreise in Slubice und anderen Städten östlich der deutsch-polnischen Grenze locken erneut viele Autofahrer an – auch aus Berlin und dem Umland der Hauptstadt.
Während in Berlin und Brandenburg in der Ferienzeit, wie überall in Deutschland, die Preise für Benzin und Diesel kräftig gestiegen sind, müssen Autofahrer an Zapfsäulen jenseits von Oder und Neiße nicht mehr so tief in die Tasche greifen.
Der Grund: Nach dem Ende des ersten Spritpreispakets Ende Juni ist am Montag in Polen ein neues in Kraft getreten. Bis zum Ende der Schulferien am 31. August gilt in dem Nachbarland für Benzin und Dieselkraftstoff ein verringerter Mehrwertsteuersatz. Er wurde von 23 auf acht Prozent gesenkt – um Verbraucher bei der Rückkehr aus dem Urlaub finanziell zu entlasten, so hatte Regierungschef Donald Tusk die Maßnahme begründet.
Das bedeutet, dass Autofahrer in Polen nunmehr für einen Liter Super E10 umgerechnet 1,49 zahlen, für Super plus liegt der Preis bei 1,67 Euro. Diesel kostet zwischen 1,68 und 1,71 Euro. Die Folge: Viele deutsche Autofahrer aus dem grenznahen Gebiet und auch aus Berlin nutzen die billigen Spritpreise für einen Ausflug nach Slubice, der polnischen Schwesterstadt von Frankfurt (Oder), oder fahren nach Coschen im Landkreis Oder-Spree, um dort den Grenzübergang nach Zytowan zu benutzen.
Doch was macht dieser Tanktourismus mit den Tankstellen vor Ort – etwa in Frankfurt (Oder)? Dort sind die Zapfsäulen dieser Tage meist verwaist. Der niedrigste Preis für Super E10 lag dort am Mittwoch vor der möglichen Erhöhung um 12 Uhr im Durchschnitt bei 2,03 Euro. Das heißt 54 Cent höher als im benachbarten Slubice. Nach 12 Uhr stieg der Preis auf Brandenburger Seite auf 2,33 Euro. Das macht einen Unterschied zur Tankstelle östlich der Oder von 88 Cent.
Für Diesel mussten Autofahrer vor der Mittagserhöhung 2,15 Euro zahlen. Auch dieser Preis lag um rund 50 Cent höher als in Slubice. Nach 12 Uhr musste der Autofahrer mit 2,45 Euro sehr tief in die Tasche greifen – also 77 Cent mehr zahlen als beim polnischen Nachbarn.
Herbert W. Rabl, Sprecher des Tankstellen-Interessenverbandes, der die Betreiber vertritt, sagt, an der deutsch-polnischen Grenze herrsche mit dem Tanktourismus ein ähnliches Phänomen wie im Saarland an der Grenze zu Frankreich und Luxemburg. „Nur noch extremer.“
Nach seinen Worten zeichnet sich – anders als in Deutschland – der Trend ab, dass europäische Wachstumsländer wie etwa Polen oder Tschechien ihre Bürger und die Wirtschaft mit günstigen Spritpreisen entlasten.
Polen hat es dabei nach Rabls Angaben sogar etwas leichter, weil das Land ein vom Staat beeinflussbares eigenes Raffinerie- und Mineralölunternehmen und zusätzlich noch die Steuern gesenkt habe. Dadurch gebe es im grenznahen Bereich einen sehr starken Tanktourismus.
„Mir ist trotz dieser Preisunterschiede diesseits und jenseits der Oder aber nicht bekannt, dass schon Tankstellen in Frankfurt (Oder) aufgegeben wurden“, sagt Rabl. Das habe damit zu tun, dass die Tankstelle heute eine andere Funktion habe, als einfach nur Benzin zu verkaufen. „Die Tankstellen leben nicht vom Sprit“, so der Sprecher des Interessenverbands. Vielmehr von der Frequenz der Besucher, die im Shop einkaufen.
„Wenn eine Tankstelle am Ort schon lange etabliert und auch bekannt ist, ist sie eher zu einem kleinen Nahversorger geworden, in der Menschen einkaufen – ähnlich wie bei den Spätis in Berlin“, sagt Rabl. Mal werde ein Bier gekauft, mal ein Kaffee, mal Blumen. Durch die Umsätze des Shops könne diese Tankstelle „ganz gut überleben“.
Nach Rabls Angaben behandelt die Mineralölwirtschaft die Tankstellenbetreiber nicht besonders gut. Die Pächter bekämen eine Provision von der jeweiligen Mineralölgesellschaft. Diese beträgt auf jeden Liter Sprit ein bis zwei Cent. „Wir finden das nicht in Ordnung, dass die Pächter so kurz gehalten werden“, sagt Rabl.
Etwa 20 Prozent des Unternehmerlohns einer kleinen Tankstelle komme seinen Angaben zufolge aus diesen Provisionen. 60 Prozent entstehen aus der Mage im Shop und 20 Prozent aus den Dienstleistungen rund ums Auto – etwa die Autowäsche. Laut Rabl gibt es in Deutschland 14.500 Tankstellen.
Doch ist es für einen Berliner wirklich attraktiv, die 100 Kilometer bis Slubice zu fahren, um zu tanken? Für die Fahrt zu einer günstigeren Tankstelle gibt es laut dem Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands eine einfache Faustregel: Pro zehn Kilometer Umweg sollte der Liter Kraftstoff etwa zehn Cent günstiger sein, damit sich die zusätzliche Strecke lohnt. Wer also 100 Kilometer bis zur Zapfsäule fährt, müsste demnach einen Preisvorteil von rund einem Euro pro Liter haben.
Viele Tanktouristen nutzen den Ausflug ins östliche Nachbarland jedoch, um in Polen noch einzukaufen oder zum Friseur zu gehen. Zudem kann nach dem Volltanken des Autos auch noch Sprit mit nach Hause genommen werden. Laut Zoll sind höchstens 20 Liter in einem Kanister erlaubt. Und der Reservekraftstoff müsse zum Tank des Autos passen.
Was viele nicht wissen: In Polen dürfen nur zehn Liter in einem Reservekanister mitgeführt werden. Wie die Märkische Oderzeitung berichtet, können Autofahrer zudem derzeit darauf verzichten, die Preise an polnischen Tankstellen zu vergleichen. Diese seien wegen der staatlich festgelegten Obergrenze fast überall identisch. Der in Deutschland gewährte und auf zwei Monate befristete Tankrabatt war Ende Juni dieses Jahres ausgelaufen, er wurde nicht verlängert. Seitdem stiegen die Preise für Kraftstoff rasant.
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