Für die einstige Punkerin Nänzi war Kunst Lebensprinzip. Das wird jetzt überdeutlich im VdBK 1867, in dem einst die Kollwitz lernte und lehrte. Eine Ausstellung für ungehorsame Frauen.
Was Nänzi zur in der Werbung suggerierten „perfekten“ Frauenschönheit zu sagen hatte, machte sie 2010 mit „Minna muss zum Film“ sinnbildlich: Zweifellos ein hypersatirisches Selbstporträt als Dorftrampel: Korpulent gebaut wie das titelgebende „Fettklößchen“ (Boule de suif) aus Guy de Maupassants Novelle, das doch gern eine verführerische, männerfressende „Nana“ von Zola wäre. Und der traditionelle Schwarzwald-Bollenhut mit den roten Wollkugeln obenauf verrät auch noch, dass keiner das Landei begehrte. Die roten Bollen besagen: „Die ist unverheiratet.“
Nänzi: „Vivienne“, 2011, Acrystal
© Nachlass Nänzi
Nänzis schräge Frauen- und Mädchengestalten sind keine stylischen Püppchen zum Vorzeigen und Spielen. Es sind verstörende Wesen: derb, skurril, verhauen, nervig, manchmal verrucht und auch sehr wütend. Vor allem ungehorsam. Die Bildhauerin Nänzi war eine Nachfahrin im Geiste der Expressionisten. In ihren schrillen, bunt bemalten Figuren lebte sie Übertreibung aus. Sie zwang – und zwingt noch immer – jedermann zum Hingucken. Und zum Nachdenken. Die Frauenzeitschrift Emma schrieb geradezu begeistert über sie.
Ein Dorftrampel aus dem BadischenEmotion, Exzentrik und frecher Witz knallen einem jetzt aufs Auge im Schöneberger Projektraum des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867, in dem einst die junge Käthe Kollwitz gelernt, später gelehrt hat, weil Künstlerinnen vor 1919 weder an staatlichen Kunsthochschulen studieren durften noch gute Ausstellungschancen hatten.
Nänzis „Minna muss zum Film“, 2010, Gips, Farbe, Stoff
© VdBK
Nänzis kunsthistorische Nachlassbetreuerin Helen Adkins hat diesen puren Ausdruck für weibliche Lust, Freude, Schmerz, Angst und Wut in 40 Werken im Galerieraum versammelt, zuvor geordnet und erforscht.
Die Bildhauerin Nänzi, 1962 geboren und aufgewachsen als Sybille Reichert auf einem Bauernhof in Boxberg bei Baden, so 110 Kilometer vom Schwarzwald weg, starb 2013 plötzlich an einem Aneurysma in ihrem nach dem Mauerfall bezogenen Atelier in Berlin, Prenzlauer Berg. Sie litt schon eine Zeit lang unter krassem Kopfschmerz.
Nänzis Kunst hatte einen starken Ich-Bezug, inszeniert mit einzigartiger Selbstironie. Diese im heutigen Ego-Gehabe seltene Gabe zieht sich wie ein roter Faden durch ihren Nachlass: Skulpturen aus bemaltem Gips, Beton, Acrylharz, aus Textilien und Papier. Hinzu kommen Collagen, Künstlerbücher, Fotos, Zeichnungen, Übermalungen, Drucke.
Nänzi: „Karma Frau“, beißend ironisch posierend vor männlichem Königsgehabe, Gips, bemalt, Stoff, ohne Datum (links oben an der Wand ein Porträtfoto der Bildhauerin
© Nachlass Nänzi/VdBK 1867
Ungerührt beschreiben lassen sich diese Körperdarstellungen nicht. Alles lebt vom Kontrast zwischen Realität und maßlos kühn übertriebener naturalistischer Darstellung, was Nänzi unter ihrem Credo „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“, einer Zeile des Apostel Paulus aus dem Neuen Testament, subsumierte. Die Sentenz steht für Hoffnung, eine unter vielen, welche die Bildhauerin in ihre Kunst eingebettet hat. Sie verwendete diesen Satz allerdings als Zitat der Grimm’schen Märchenfigur Schneewittchen.
Schluss mit Drogen. Die Kunst wurde ihr RauschZur Vorgeschichte: Nänzi, Schulabbruch mit 16, haute 1983 via Karlsruhe ab aus dem Badischen nach West-Berlin. Sie landete in der Punk-Clique, nannte sich mystisch „Nänzi“, nach der rätselhaftesten Leiche der Punkszene, der Muse von Sid Vicious, dem Sex-Pistols-Bassisten, die man 1978 im Chelsea Hotel N.Y. tot auffand. Was damals den Kultmusiker zum Mordverdächtigen machte. Der gab sich ein Jahr später den „Goldenen Schuss“.
Der Namensbezug hatte einen fatalen Hintergrund: Heroin und toxische Abhängigkeit prägten auch Nänzis Punkjahre. Doch sie kriegte die Kurve, schwor 1988 nach dem Drogentod ihres damaligen Freundes Alkohol und Drogen ab. Die Kunst wurde ihr Rausch.
Von 1990 bis 1996 studierte sie an der Hochschule der Künste Berlin bei Joachim Schmettau, wurde dessen Meisterschülerin. Später war sie eine Bewunderin von Vivienne Westwood, die nach dem Mauerfall bis 2004 an der UdK lehrte. Noch zwei Jahre vor ihrem Tod formte Nänzi die rothaarige „Vivienne“, als von Humor strotzende, mit schottischen Beinstulpen versehene Figur der englischen Mode-Design-Ikone (Westwood engagierte sich für Schottlands Unabhängigkeit).
Typisch schräger Humor: Nänzi im Jahr 2003 als „Läydi Marmelaid“
© H.Atkins
Schon während des Studiums und in den Jahren danach verwandelte Nänzi mit unvergleichlicher Selbstironie und existenziellem Lebensgefühl Schmerz, Gewalt und Trotz aus weiblicher Perspektive in Bildwerke, die radikal aus dem Leben gegriffen und zugleich mythisch aufgeladen sind. Ins Tagebuch schrieb sie: „Die Figur ist für mich ein lebendiges Gegenüber, mit dem ich kommuniziere.“
Nänzi: „Fuck your Morals“, Gips , bemalt, Textil, undatiert
© Nachlass Nänzu/VdBK 1867
Selbstredend verschreckte sie Männer und verstörte auch Frauen, die sich so keinesfalls sehen wollten. Nänzi provozierte den gutbürgerlichen Geschmack. Bei vielen Kunstkollegen indes war sie anerkannt, hatte jedoch bei Galeristen kein Glück. Diese Spezies verwechselte die laszive Extrovertiertheit mit Ermutigung. Me too war damals noch kein Begriff. Nänzi reagierte verletzt bis schroff, und so verblieben ihre Figuren bei Freunden oder im Atelier, statt auf dem Kunstmarkt zu reüssieren.
Nänzi „… kann hexen, echt!“, Frauentag 1989 als „Königin von Berlin“, mit Kittelschürze und DDR-Wappen-Dada-Hut
© Archiv/Nachlass Nänzi
Viele ihrer Figuren scheinen verstörend existenziell bedroht zu sein, andere strotzen vor Erotik: Huren und Madonnen, Amazonen und Heldinnen, Göttinnen und Hausfrauen, alle sind ihre „Modelle“. Und oft ist sie es selbst, irritierend intim, tragikomisch, aber auch stark und witzig. Immer mit den Füßen auf der Erde.
Nänzi. Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Schneewittchen. Projektraum VdBK 1867 e.V., Eisenacher Straße 118., Do–Sa 16–19 Uhr. Eintritt frei, Führungen Sa 22.+29. August, 17 Uhr. Bis 5. September
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