Erstmals seit 25 Jahren erlaubt der DFB wieder Stehplätze bei Länderspielen. Für den 1. FC Union Berlin könnte damit ein spektakuläres Szenario möglich werden.
Mehr als 25 Jahre lang waren Stehplätze bei Heimspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Geschichte. Im Oktober ändert sich das. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat beschlossen, bei den nächsten Heimländerspielen der Männer erstmals seit mehr als 25 Jahren wieder Stehplätze anzubieten. Was zunächst wie eine Neuerung für die Fans wirkt, hat auch eine besondere Verbindung nach Köpenick zum 1. FC Union Berlin.
Denn ausgerechnet die Eisernen waren mit dem Stadion An der Alten Försterei einer der Vereine, die vom Uefa-Pilotprojekt für Stehplätze im Europapokal besonders profitierten. In der Saison 2022/23 erlaubte die Europäische Fußball-Union im Rahmen eines Beobachtungsprogramms erstmals wieder Stehplätze bei Spielen der europäischen Klubwettbewerbe. Deutschland gehörte zu den zehn beteiligten Nationalverbänden. Das Uefa-Exekutivkomitee hat das Programm nun bis zur Saison 2026/27 verlängert und auf sämtliche Uefa-Wettbewerbe ausgeweitet.
Für die Köpenicker war die Entscheidung im Sommer 2022 von besonderer Bedeutung. Der Berliner Klub hatte sich nach der Teilnahme am Uefa-Cup 2001/02 und der Conference League 2021/22 erneut für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert, und nun eröffnete sich erstmals die Möglichkeit, Europapokalspiele tatsächlich in der Alten Försterei mit Stehplätzen auszutragen. Genau das wollte Union unbedingt.
„Wir freuen uns sehr über diesen Beschluss“, sagte Präsident Dirk Zingler damals. Die Entscheidung eröffne dem Verein „die Möglichkeit, erstmals in unserer Vereinsgeschichte Europapokalspiele in unserem Stadion auszutragen“. Zingler sprach von der „historischen Chance, Europapokalabende an der Alten Försterei zu erleben“.
Union nutzte diese Chance. Die Alte Försterei wurde zum Schauplatz europäischer Abende – mit einer Atmosphäre, die untrennbar mit den Stehplätzen und der besonderen Fankultur des Vereins verbunden ist. Und sie hat damit auch einen positiven Einfluss auf die Entscheidungsfindung der Uefa genommen.
Vier Jahre später ist das damalige Pilotprojekt noch immer nicht Geschichte. Im Gegenteil: Die Uefa hat die Öffnung für Stehplätze verlängert und ausgeweitet. Und der DFB zieht nun nach. Am 11. August beschlossen Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung der DFB GmbH & Co. KG die Wiedereinführung von Stehplätzen bei den A-Nationalmannschaften der Männer und Frauen sowie bei der U21. Bereits bei den nächsten Heimländerspielen der Männer im Oktober werden wieder Stehplatztickets angeboten.
Für Union ist das aus einem weiteren Grund interessant. Denn die Alte Försterei soll in den kommenden Jahren grundlegend umgebaut werden. Und wenn das Stadion irgendwann in neuer Form dasteht, stellt sich eine durchaus reizvolle Frage: Könnte dort eines Tages auch die deutsche A-Nationalmannschaft spielen?
Ausgeschlossen ist das zumindest nicht. Der DFB schreibt in seinem aktuellen Anforderungskatalog zur Vergabe der Länderspiele ausdrücklich, dass nach Neu- oder Umbauten auch neue Spielorte zum Kreis der möglichen Austragungsstätten hinzukommen können.
Vereine, Stadionbetreiber und Landesverbände können Interesse signalisieren und sich um die Aufnahme in diesen Kreis bemühen. Der DFB erklärt sogar, dass er es begrüßt, wenn nicht nur die Verfügbarkeit eines Stadions signalisiert wird, sondern auch beim Klub und in der Stadt ein echtes Interesse an einem Länderspiel besteht.
Die weiteren Anforderungen – die Mindestkapazität von 25.000 Plätzen, eine Flutlichtstärke von mindestens 1400 Lux, ein Spielfeld von 105 mal 68 Metern, ein TV-Compound mit mindestens 1000 Quadratmetern, 1500 VIP-Plätze und 800 Parkplätze – sollten ebenfalls kein Problem sein. Selbiges gilt für elektronische Zugangskontrollen, Kamerapositionen, Pressetribüne und TV-Studios.
Ein Knackpunkt könnte die Sitzplatzbestuhlung werden. Denn: Die Rückkehr der Stehplätze bedeutet nicht, dass die DFB-Elf künftig in einem Stadion mit überwiegend Stehplätzen, wie die Alte Försterei auch nach ihrem Umbau aussehen soll, antreten könnte. Für Männer-Länderspiele verlangt der DFB weiterhin eine komplette Sitzplatzbestuhlung. Die Uefa-Entscheidung schafft lediglich wieder die Möglichkeit, Stehplatzbereiche bei Länderspielen anzubieten.
Der DFB nennt derzeit rund 20 Stadien, die für Männer-Länderspiele grundsätzlich infrage kommen, 25 bis 30 weitere für Frauen- und U21-Länderspiele. Und er macht deutlich, dass der Kreis nicht für alle Zeiten geschlossen ist. Die Rückkehr der Stehplätze bei Länderspielen und der geplante Umbau des 1. FC Union Berlin öffnen die Tür in Köpenick allemal.
Damit könnte sich für die Eisernen eine bemerkenswerte Geschichte fortsetzen. 2022 war die Uefa-Entscheidung über Stehplätze der Schlüssel dazu, dass der Verein seine Europapokalspiele im Stadion An der Alten Försterei austragen konnte. Damals ging es für Union darum, seine besondere Fußballkultur auch auf Europas Bühne zu zeigen. Nun kehren Stehplätze auch bei der Nationalmannschaft zurück.
Und vielleicht führt dieser Weg irgendwann noch weiter. Wenn die Heimspielstätte der Eisernen nach ihrem Umbau groß genug, modern genug und technisch entsprechend ausgestattet ist, könnte ausgerechnet das Stadion, das wie kaum ein anderes in Deutschland für Stehplätze und Fankultur steht, irgendwann Schauplatz eines Spiels der deutschen A-Nationalmannschaft werden.
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