Ein Stromausfall legte mehrere Regionen in Zentralasien lahm. Über die Ursachen wird diskutiert. Das eigentliche Problem ist das mangelnde Krisenmanagement.
In Zentralasien ist in großen Teilen von Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan gleichzeitig der Strom ausgefallen. In der Millionenmetropole Almaty standen Metro und Ampeln still, in Bischkek und Duschanbe fiel ebenfalls die Versorgung aus. Auch Regionen im Süden Usbekistans waren betroffen. Der Ausfall legte offen, wie eng die Stromnetze Zentralasiens miteinander verbunden sind und wie schnell aus einer lokalen Störung ein regionales Problem werden kann.
Eine Kaskade im gemeinsamen NetzDie Stromsysteme der vier zentralasiatischen Staaten sind eng miteinander gekoppelt. Das Netz ist ein Erbe der Sowjetunion, als die Stromversorgung der heutigen unabhängigen Staaten noch als ein gemeinsames System geplant und betrieben wurde. Eine Störung in einem Teil des Verbunds kann deshalb Stromflüsse in anderen Teilen verändern und dort Probleme auslösen.
Genau das soll am 14. August geschehen sein. Kasachstans Energieministerium sprach zunächst von einer „plötzlichen Veränderung des Stromflusses“ aus dem zentralasiatischen Netz. In Almaty und Umgebung wurden daraufhin Teile des Netzes automatisch abgeschaltet. Usbekistan erklärte, ein Unfall im Energiesystem eines Nachbarlandes habe das regionale Netz beeinträchtigt. Tadschikistan konnte die Ursache zunächst nicht bestimmen und wies lediglich Berichte zurück, wonach das Wasserkraftwerk Nurek der Auslöser gewesen sei.
Kasachstan zeigt nach BischkekSpäter wurde die kasachische Darstellung konkreter. Der Netzbetreiber KEGOC erklärte, zwei Wasserkraftgeneratoren im kirgisischen Wasserkraftwerk Toktogul seien mit einer gemeinsamen Leistung von 600 Megawatt ausgefallen. Dadurch habe sich der Stromfluss auf der kasachischen Nordost-Süd-Verbindung stark erhöht. Die Leitung sei überlastet worden und habe sich automatisch abgeschaltet. Anschließend sei der Süden Kasachstans vom übrigen kasachischen Netz und vom zentralasiatischen Verbund getrennt worden. Diese Erklärung liefert mögliche Kausalkette: Ausfall in Kirgistan, veränderte Stromflüsse, Überlastung einer wichtigen Leitung in Kasachstan, automatische Trennung und schließlich die regionale Kaskade.
KEGOC selbst bezeichnete seine Darstellung als vorläufig und kündigte eine Untersuchung durch eine Sonderkommission an. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die beiden Toktogul-Blöcke abgeschaltet wurden, sondern ob deren Abschaltung tatsächlich das erste Ereignis der Kaskade war und warum das Netz darauf so empfindlich reagierte.
Kirgisische Behörden schildern den Ablauf anders. Nach ihrer Darstellung kam es nachmittags Ortszeit zu einer Störung auf einer Hochspannungsleitung, die den Norden und Süden Kasachstans verbindet. Daraufhin sei das zentralasiatische Verbundnetz in voneinander getrennte Bereiche zerfallen. Kirgistan habe zeitweise im Inselbetrieb gearbeitet, während automatische Schutzsysteme die eigene Infrastruktur absicherten. Die derzeit verfügbaren Informationen rechtfertigen keine eindeutige politische Schuldzuweisung an Kirgistan.
Das eigentliche Problem liegt tieferSelbst wenn Toktogul als Auslöser bestätigt werden sollte, wäre damit die Geschichte nicht zu Ende. Ein Ausfall von 600 Megawatt darf in einem robusten Verbundnetz nicht zwangsläufig einen mehrstaatlichen Blackout verursachen. Dass die Störung sich so weit ausbreiten konnte, verweist auf eine strukturelle Verwundbarkeit des zentralasiatischen Systems.
Die Region kämpft seit Jahren mit Stromknappheit und explodierender Nachfrage. Toktogul liegt unweit der wirtschaftlichen Zentren Zentralasiens. Almaty, Bischkek, Taschkent sowie das fruchtbare Ferganatal erleben einen Wirtschaftsboom – gerade im Ausbau der industriellen und energieintensiven Produktion.
Gleichzeitig sind Kirgistan und Tadschikistan stark von Wasserkraft abhängig. Klimawandel, schwankende Wasserverfügbarkeit und der Ausbau der Stromerzeugung erhöhen den Druck auf die Systeme zusätzlich.
Der Blackout zeigt damit ein Grundproblem der zentralasiatischen Energiepolitik. Die Länder sind technisch aufeinander angewiesen, politisch aber nur unzureichend koordiniert. Aus einer Störung wird so schnell ein Streit um die Schuld. Wenn die starke wirtschaftliche Entwicklung der Region anhalten soll, müssen die Regierungen diesen Eckpfeiler schnellstmöglich ausbessern.
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