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Queere Autoren: Ist 2026 wirklich das Durchbruchsjahr für queere Literatur?

Дата публикации: 09-07-2026 10:39:00



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Gerade wird wieder queere Literatur von den Verlagen in den Vordergrund gerückt. Überall Regenbogenflaggen, auf den Social-Media-Kanälen, den Websites. Juni war der Pride-Month, in dem die queere Community ihre Geschichte feiert und für ihre Rechte kämpft, im Juli und August finden die großen CSD-Paraden statt.

Deshalb wird diese zweite Ausgabe des neuen Literatur-Newsletters (hier können Sie ihn abonnieren) monothematisch sein. Wie steht es 2026 um die queere Literatur, also solche, die von queeren Autor*innen stammt und Queerness inhaltlich behandelt?

Glaubt man einem aktuellen Gastbeitrag in der »New York Times« , war Literatur rund um LGBTQ-Themen noch nie so präsent, so vielfältig und so gut beworben wie heute. »Es ist nicht übertrieben, die vergangenen Jahre als die fruchtbarste Phase der queeren Literatur seit 1978 zu bezeichnen«, schreibt der Buchhändler Aaron Hicklin da. Queerness verkauft, lautet seine These.

2025 hätten sich die jährlichen Umsätze mit LGBTQ-Belletristik in den USA auf mehr als 80 Millionen Dollar gesteigert – eine Verzehnfachung innerhalb eines Jahrzehnts. Verlage hätten endlich verstanden, dass die Kernzielgruppe sehr breit sei. Es gibt Hinweise, die dafürsprechen. Zuletzt hatte etwa der Erfolg der Hockey-Romance-Reihe »Heated Rivalry«  – angefacht durch die Serienadaption – bei vor allem heterosexuellen Frauen gezeigt, dass viele Menschen bereit sind, Geld für Geschichten über queere Liebe auszugeben.

Hicklins Thesen klingen also erst mal super.

Die Frage ist aber, ob es in Deutschland genauso vielversprechend aussieht. Ich würde sagen: Nein.

Eines der Beispiele, die Hicklin aufführt, ist der schottisch-amerikanische Schriftsteller Douglas Stuart, der mit seinem Debüt »Shuggie Bain«  – eine queere Coming-of-Age-Geschichte in prekären Verhältnissen – 2020 den renommierten Booker Prize gewann. Weltweit hat sich »Shuggie Bain« etwa eine Million Mal verkauft. Stuarts drittes Buch »John of John« wurde für den Buchclub von Oprah Winfrey ausgewählt .

Schaut man sich in der deutschsprachigen Literaturlandschaft um, fällt es schwer, ein Pendant zu finden.

Das Problem ist dabei nicht, dass es keine deutschsprachigen Bücher mit queeren Inhalten gibt. Das Problem ist auch nicht, dass sie keine Preise gewinnen. Kim de l’Horizon mit »Blutbuch«  ist das beste Beispiel für beides.

Das Problem liegt eher in der Vermarktung: Queere Bücher werden hierzulande oft nicht als »queer« beworben. Das gilt offenbar immer noch als riskant, zielgruppenverengend. Verlage flüchten sich bei den Beschreibungen oft in Phrasen, rücken anderes in den Vordergrund: Armut, Religion, die schwierige Mutter, den abwesenden Vater.

Mein Eindruck ist: Jeder große deutschsprachige Verlag erlaubt sich ein paar queere Autor*innen, deren Bücher auf Pride-Month-Listen beflissen präsentiert werden. Und dann verschwinden diese wieder – bis zum nächsten Sommer.

Fünf queere Bücher...
...die ich empfehle:
  1. I.V. Nuss, »R-O-N=O« (Diaphanes): Ein Roman, der auf atemberaubende Weise alles anders macht, der in seiner Form radikal und – pardon für den Begriff – mutig in seinem Widersetzen ist. Ein Roman der Dissoziationen, in dem der Rausch, die Ekstase, die Hoffnung nach der Lektüre noch lange nachhallen. Worum es geht? Um eine trans Frau, um Ufos, um Liebe, um Schmerz und Kinks – und um so vieles mehr.

  2. Lion Christ, »Sauhund« (Hanser): Floris flieht aus der bayerischen Provinz im Jahr 1983 nach München. Die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen schwulen Mannes zwischen Hedonismus und Stigmatisierung. Ein Buch über das Leben während der Aidsepidemie, über Befreiung, über Sex.

  3. Brontez Purnell, »100 Boyfriends« (Albino Verlag): Noch mal Sex. Wir begleiten mehrere Protagonisten auf der Suche nach einem Gefühl von Zugehörigkeit, von Bett zu Bett, halbtrunken und doch voller Romantik und Poesie. Purnell ist einer der witzigsten Schreibenden derzeit.

  4. Maggie Nelson, »Die Argonauten« (Hanser Berlin): Inhaltlich geht es um Liebe und queere Familienkonstellationen. Vor allem ist Nelsons Buch aber ein literarisches, essayistisches Experiment – ein philosophisches Erkunden, bei dem das Ich auf Theorie trifft und eine neue Form findet.

  5. Olivia Wenzel, »1000 Serpentinen Angst« (S. Fischer): Eine junge, queere Schwarze Frau aus dem Osten ist unterwegs – und wir begleiten sie und ihre Gedanken auf dieser Reise. Auf dem Bahnsteig, in Thüringen, in Vietnam, in Berlin. Ständig wechselt der Ort, die Zeit, die Situation. So entsteht ein Sog, der einen nicht loslässt.

Die große Literaturgeschichte...

... kommt aus dem Archiv
Autor Tempest

Autor Tempest

Foto:

Jesse Glazzard

Vergangenen Monat war Kae Tempest in Dua Lipas Bücherpodcast , um über seinen Roman »Ein Leben lang gesucht« zu sprechen. Das kommt heutzutage einem Ritterschlag nahe. Ohnehin gilt Tempest als eine der bekanntesten queeren Stimmen seiner Generation. Grund genug, einen meiner Lieblingstexte aus dem Archiv zu kramen. Meine Kollegin Anna Weiß traf Kae Tempest  im März und sprach mit ihm über den bestimmten Sound des Romans, britische Küstenstädte und Pronomen. Ein Satz aus dem Porträt hallt bei mir noch nach, er stammt von Anna selbst und steht klar für sich: »Jeder, der schon mal Dostojewski gelesen hat, hat sich mit dem Namensregister mehr zugemutet als mit den Pronomen ›dey/demm‹.«

Foto: David Levenson / Getty Images

Was ist das Buch Ihres Lebens?

Ein einziges Buch? Uff, ganz schön viel Druck, den man auf so ein kleines Ding lädt. Ich habe in Interviews schon viele Bücher erwähnt, aber ich glaube, dieses hier bisher nicht: »How to be Good« von Nick Hornby. Mit 17 führte mich das Buch in moralische Grauzonen ein, die ein ergiebiger Boden für Literatur sein können.

Und welches liegt gerade oben auf Ihrem Nachttisch?

»She Who Became The Sun« von Shelley Parker‑Chan.

Welches Buch wird gerade zu viel diskutiert?

In meiner Welt? Das Handbuch meines Autos. Während der Hitzewelle hat das Radio aufgehört zu funktionieren!

Und welches zu wenig?

Der brillante lesbische Horrorroman »Feast While You Can« von Mikaella Clements und Onjuli Datta.

An wen haben Sie die letzte WhatsApp-Nachricht geschrieben – und wie lautet sie?

An meine Verlobte Charlotte. Sie fragte mich, ob ich wegen des eben erwähnten Autos schon von der Werkstatt zurück gehört hätte, und ich antwortete: »Noch nicht!« Ach ja, das glamouröse Leben einer Autorin.

Von Yael von der Wouden erschien zuletzt der Roman »In Ihrem Haus« bei Gutkind, der 2024 auf der Shortlist des renommierten Booker Prize stand. Direkt im SPIEGEL Shop bestellen.

Das Zitat

»Ich bin allein hier, und man bemitleidet mich, man ist um mich besorgt, man findet, ich schade mir, jene Freunde, die man, wie Eugénie meint, an den Fingern einer Hand abzählen kann, rufen mich regelmäßig voll Mitgefühl an, mich, der ich gerade entdeckt habe, dass ich die Menschen nicht liebe, nein, ich liebe sie entschieden nicht, ich hasse sie [...].«

Herve Guibert, »Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat«, August Verlag, Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel, 271 Seiten, 20 Euro.

Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste

Platz 3, Belletristik Hardcover: Eine Lovestory zwischen der menschlichen Ylva und dem Gott Loki – viel queerer wird es auf der Bestsellerliste diese Woche nicht. Neu eingestiegen ist diese Woche »Falling Asgard«, eine Enemies-to-Lovers-Romantasy von Marah Woolf.

Lust auf mehr? Alle SPIEGEL-Bestseller dieser Woche finden Sie hier. Und auch im SPIEGEL Shop.

Belletristik Hardcover

1. »Fünf, sechs, sieben, acht« · 3. Woche
Ewald Arenz · DuMont · 25,00 Euro

2. »Yesteryear« · 10. Woche
Caro Claire Burke · Heyne · 24,00 Euro

3. »Falling Asgard« · Neu
Marah Woolf · Nova MD · 24,00 Euro

4. »Broken Dove« · Neu
Dani Francis · Lyx · 24,00 Euro

5. »Die Riesinnen« · 19. Woche
Hannah Häffner · Penguin · 24,00 Euro

6. »Die Straße« · 10. Woche
Robert Seethaler · Claassen · 25,00 Euro

7. »Guten Morgen, schönes Wetter heute« · 3. Woche
Tanja Kokoska · dtv · 23,00 Euro

8. »Die Mitternachtsreise« · 7. Woche
Matt Haig · Droemer · 24,00 Euro

9. »Pause« · 8. Woche
Lena Kupke · dtv · 23,00 Euro

10. »Lázár« · 34. Woche
Nelio Biedermann · Rowohlt Berlin · 24,00 Euro

Sachbuch Hardcover

1. »Dear Britain« · 8. Woche
Annette Dittert · DuMont · 24,00 Euro

2. »Träume aus Feuer« · 5. Woche
Florian Illies · Pfaueninsel · 20,00 Euro

3. »Dreihundert Männer« · 11. Woche
Konstantin Richter · Suhrkamp · 30,00 Euro

4. »Alt genug« · 19. Woche
Ildikó von Kürthy · Ullstein · 22,99 Euro

5. »Nein sagen« · 17. Woche
Matthias Brandt · KiWi · 16,00 Euro

6. »Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello« · 18. Woche
Melanie Pignitter · Graefe und Unzer · 20,00 Euro

7. »Du bist nicht allein« · 7. Woche
Jan Fleischhauer · DVA · 25,00 Euro

8. »Die Geschichte in mir« · 10. Woche
Rüdiger von Fritsch · Siedler · 26,00 Euro

9. »Bückbürgertum« · 3. Woche
Ulf Poschardt · Westend · 27,00 Euro

10. »Bakterien. Die heimlichen Helden« · 9. Woche
Peter Wohlleben · Malik · 23,00 Euro

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version schrieben wir, dass Yael van der Wouden den Roman »Das Beste, was uns nie passiert ist« empfohlen habe. Es handelt sich aber um »Feast While You Can«, verfasst vom selben Autorinnenduo. Wir haben den Fehler korrigiert.

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